"Wir geben Daten ab und fördern so unsere Fremdbestimmung"

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1993 begann die Karriere von Heike Makatsch beim Musiksender VIVA. Heute gehört sie zu den populärsten deutschen Schauspielerinnen. Ende Oktober und Anfang November spielt sie mit dem "Tatort: Blind Date" sowie dem Near Future-Thriller "Zero" zwei große Hauptrollen in ARD-Filmen. Die Schauspielerin ist Mutter dreier Töchter von zwei Männern. Ihr aktueller Partner ist Schauspiel-Kollege Trystan Pütter.  (Bild: 2020 Kurt Krieger/Kurt Krieger - Corbis)
1993 begann die Karriere von Heike Makatsch beim Musiksender VIVA. Heute gehört sie zu den populärsten deutschen Schauspielerinnen. Ende Oktober und Anfang November spielt sie mit dem "Tatort: Blind Date" sowie dem Near Future-Thriller "Zero" zwei große Hauptrollen in ARD-Filmen. Die Schauspielerin ist Mutter dreier Töchter von zwei Männern. Ihr aktueller Partner ist Schauspiel-Kollege Trystan Pütter. (Bild: 2020 Kurt Krieger/Kurt Krieger - Corbis)

In der Verfilmung von Marc Elsbergs Bestseller "Zero" spielt Heike Makatsch eine Journalistin, die in einer nahen Zukunft die Verflechtung von Digitalindustrie, Politik und Datensammlern untersucht. Das Buch wurde 2014 geschrieben. Hat die Realität das fiktionale Geschehen mittlerweile eingeholt?

In Marc Elsbergs Science-Fiction-Roman "Zero" lassen immer mehr Menschen die "ActApp" darüber entscheiden, was sie in ihrem Leben tun. Hinter der App steht ein Konzern mit zweifelhaften Zielen. Nun wurde der Stoff als "Near Future"-Thriller vom WDR verfilmt (Mittwoch, 3. November, 20.15 Uhr, Das Erste). Im Interview spricht Heike Makatsch, die im August 50 Jahre alt wurde, über Unterschiede zwischen ihrer Generation und den sogenannten "Digital Natives". Die Mutter dreier Töchter warnt davor, sich in digitale Echokammern zurückzuziehen, die immer nur die eigene Meinung wiedergeben. Heike Makatsch erinnert jedoch auch daran, dass ohne soziale Medien keine Vernetzung junger Menschen im Sinne positiver Veränderungen mehr möglich wäre. Stichwort: Fridays for Future. Nachdem die frühere Viva-Moderatorin kurz vor "Zero" im starken "Tatort: Blind Date" als Kommissarin Ellen Berlinger zu sehen war, gibt sie zudem darüber Auskunft, wie es mit der selten agierenden Mainzer Ermittlerin weitergehen soll.

teleschau: Der Bestseller "Zero" stammt aus dem Jahr 2014. Sieben Jahre sind viel Zeit, wenn wir über die Digitalisierung unseres Lebens sprechen. War der Roman noch "up to date"?

Heike Makatsch: Man kann sagen, dass Marc Elsbergs Buch damals ziemlich visionär war. Teilweise sind wir heute aber sogar schon weiter, als es diese "Near Future"-Vision heraufbeschwört.

teleschau: An welchen Stellen hat die Realität den Roman eingeholt?

Heike Makatsch: Dass Algorithmen unsere Bedürfnisse bestimmen und wir oft gar nicht mehr wissen, ob wir nach unserer freien Meinung handeln oder manipuliert werden, ist keine Zukunftsvision mehr. Wir glauben, dass wir uns über soziale Medien objektiv informieren, dabei werden wir nur in eine Richtung gefüttert, in die wir uns schon zuvor bewegt haben. Beim Konsumverhalten greifen Algorithmen mittlerweile so schnell, dass es einem Angst macht. Man muss ja fast nur noch ans Campen denken, da wird einem schon ein Zelt angeboten.

Heike Makatsch als Aufklärerin in einer nahen digitalen Zukunft: Als Journalistin Cynthia Bonsant trägt sie die "Brille" der aktuellen "ActApp".
 (Bild: WDR/Volker Roloff)
Heike Makatsch als Aufklärerin in einer nahen digitalen Zukunft: Als Journalistin Cynthia Bonsant trägt sie die "Brille" der aktuellen "ActApp". (Bild: WDR/Volker Roloff)

"Wir geben unsere Daten ab und fördern so unsere Fremdbestimmung"

teleschau: Im Film hat Ihre Figur eine 17-jährige Tochter. Haben die "Digital Natives" einen anderen Blick auf die Problematik?

Heike Makatsch: Sie pflegen zumindest einen anderen Umgang mit der digitalen Welt. Für uns Ältere ist das Netz Information und Alltags-Management. Soziale Medien sind nur ein Teil unserer Kommunikation. Über meine Teenager-Kinder bekomme ich mit, dass man ohne soziale Medien vom Leben ausgeschlossen ist. Man kann den anderen oder die andere gar nicht mehr kontaktieren. Die heutigen Treffpunkte sind digital.

teleschau: Ergibt es überhaupt Sinn, Kinder und Jugendliche zu weniger Digitalität zu erziehen?

Heike Makatsch: Man kann natürlich Anregungen geben und Regeln einführen, damit die echte Welt ihren Platz und ihre Aufmerksamkeit behält. Was Kommunikation betrifft, halte ich ab einem gewissen Alter Verbote der digitalen Welt jedoch für anachronistisch. Das ist dann ungefähr so wie wenn meine Mutter früher sagte, dass ich um 22 Uhr zu Hause sein muss, obwohl alle anderen bis 24 Uhr ausbleiben durften (lacht).

teleschau: Im Film wird das Leben der Menschen von der "Act App" bestimmt, die einem in jeder Situation sagt, was man idealerweise tun sollte. Sind wir auf dem Weg, unser Leben solchen Ratgebern unterzuordnen?

Heike Makatsch: Apps werden für alles Mögliche benutzt. Um sich zu bilden, den Körper zu stählen, in Verschwörungstheorien abzutauchen oder seinen Partner kennenzulernen. Am Ende landen wir jedoch alle im selben Pool. Wir geben unsere Daten ab und fördern so unsere Fremdbestimmung.

Was bringt die Zukunft? Journalistin Cynthia (Heike Makatsch, rechts) und ihre Tochter Viola (Luise Emilie Tschersich) auf dem Weg zur Präsentation der neuen "ActApp"-Version. (Bild: WDR/Volker Roloff)
Was bringt die Zukunft? Journalistin Cynthia (Heike Makatsch, rechts) und ihre Tochter Viola (Luise Emilie Tschersich) auf dem Weg zur Präsentation der neuen "ActApp"-Version. (Bild: WDR/Volker Roloff)

"Der Echokammer ist es egal, welche politische oder gesellschaftliche Meinung sie reflektiert"

teleschau: Sport- und Selbstoptimierungs-Apps sind in den letzten Jahren, gerade auch in Kombination mit Smartwatches, sehr populär geworden. Wie gefährlich ist das Sammeln von Körperdaten?

Heike Makatsch: Alle Daten sind sensibel. Wer sie abgibt, muss wissen, dass man sich dadurch ein Stück mehr fremdbestimmen lässt. Natürlich kann es interessant sein, seine Herzfrequenz beim Joggen zu kennen. Es kann sinnvoll sein, dem Rat zu folgen, eine Banane zu essen oder auch - wie im Film - seine Hausaufgaben zu machen. Vielleicht sind diese Selbstoptimierungs-Apps aber auch nur die "Light"-Version von dem, was einem danach eben auch noch gesagt wird. Zum Beispiel, was richtig und was falsch ist. An dieser Stelle fängt der Missbrauch an. Die Grenze zwischen Information und Manipulation ist durchaus schmal.

teleschau: Gibt es bei Ihnen persönlich einen Bereich, wo Sie sagen würden: An dieser Stelle haben die Algorithmen zu viel Macht über mein Leben?

Heike Makatsch: Ich lasse mir von Facebook meine Zeitungslektüre zusammenstellen. Da bekomme ich jene Medien ausgespielt, die ich schätze, um mich politisch zu bilden: "Süddeutsche Zeitung", "Freitag" oder "Neue Zürcher Zeitung" zum Beispiel. Darüber hinaus habe ich das Gefühl, dass der Facebook-Algorithmus mir weitere Dinge anbietet, die ich ohnehin schon genauso sehe. Das digitale Leben ist eine Blase. Dass meine eigene Sichtweise von Journalisten noch mal in klugen Worten untermauert wird, ist vielleicht nicht falsch und tut auch gut, trotzdem habe ich den Eindruck, dass durch Algorithmen der Blick immer enger wird. Er kann dann schnell ziemlich selbstgerecht werden.

teleschau: Sie beschreiben ein Prinzip, das gern unter dem Begriff "Echokammer" benutzt wird, um auf Gefahren durch Verschwörungstheorien und rechtes Gedankengut hinzuweisen. Es existieren aber auch aufgeklärte, demokratische Echokammern, die weniger in der Kritik stehen ...

Heike Makatsch: Der Echokammer ist es egal, welche politische oder gesellschaftliche Meinung sie reflektiert. Die Gefahr besteht, dass man sich einlullen lässt und glaubt: 'Hey super, alle denken doch so wie ich'. Das Gefühl tut gut, es bestätigt einen - spaltet aber auch die Gesellschaft, weil das Verständnis füreinander geringer wird. Es ist längst Realität, dass wir nicht mehr verstehen können, warum Verschwörungstheoretiker und andere Gruppen, zu denen wir den Kontakt verloren haben, überhaupt so denken. Dies hat definitiv mit der Art und Weise zu tun, wie die digitale Welt funktioniert, wie Algorithmen unser Leben verändert haben.

Cynthia (Heike Makatsch) und der Avatar ihres verstorbenen Mannes Philipp (Fabian Joest Passamonte): Dank moderner Interfaces kann man sich in einer nahen Zukunft auch von jenen Liebsten, die nicht mehr unter den Lebenden sind, als Guide durch den Alltag führen lassen. Zumindest in der "Zero"-Verfilmung des WDR für einen ARD-Mittwochsfilm.

 (Bild: WDR/Volker Roloff)
Cynthia (Heike Makatsch) und der Avatar ihres verstorbenen Mannes Philipp (Fabian Joest Passamonte): Dank moderner Interfaces kann man sich in einer nahen Zukunft auch von jenen Liebsten, die nicht mehr unter den Lebenden sind, als Guide durch den Alltag führen lassen. Zumindest in der "Zero"-Verfilmung des WDR für einen ARD-Mittwochsfilm. (Bild: WDR/Volker Roloff)

"Eine gerechtere Welt kann man heute nicht mehr ohne digitale Vernetzung erschaffen"

teleschau: In Roman und Film ziehen sich Mutter und Tochter am Ende aus der digitalen Welt zurück. Ist das tatsächlich eine Lösung, über die wir nachdenken sollten?

Heike Makatsch: Wer bei diesem Spiel nicht mitmachen will, muss fast Eremit werden. Corona hat die Digitalisierung noch mal beschleunigt. Man kann heute kaum noch eine Kinokarte kaufen, ohne "online" aktiv zu werden. Ich denke, wir müssen positiv mit der digitalen Welt umgehen und auch ihre Errungenschaften würdigen. Die Bewegung "Fridays for Future" wäre ohne Vernetzung über soziale Medien bei weitem nicht so erfolgreich und effizient geworden. Jede junge politische Bewegung, ob nun im Bereich Nachhaltigkeit, Kapitalismuskritik oder vergleichbar unterwegs, profitiert von sozialen Medien und Digitalisierung. Eine gerechtere Welt kann man heute nicht mehr ohne digitale Vernetzung erschaffen. Und ist es nicht erfreulich, wenn soziale Netzwerke dafür sorgen, dass Millionen Jugendliche auf die Straße gehen, um für eine gute Sache zu kämpfen?

teleschau: Ist es ein Kampf gegen Windmühlen, wenn man heute versucht, am modernen Leben teilzunehmen und trotzdem sensibel mit den eigenen Daten umzugehen?

Heike Makatsch: Es könnte einem so vorkommen, na klar. Wir klicken ja bei jeder Webseite fast schon automatisiert an, dass wir Cookies akzeptieren und so weiter. Tatsächlich kenne ich Leute, die lesen sich diese Datenschutzbestimmungen durch und passen ihre Freigaben immer wieder an. Aber das erinnert an den berühmten Tropfen auf den heißen Stein. Wir müssen als Gesellschaft einfach wachsam bleiben und herausfinden, wer hinter welchen neuen Tools steht, was sie bewirken sollen, wem sie nützen und wie sich ihre Macht kontrollieren lässt. Natürlich ist da auch die Politik gefragt - aber jeder Einzelne kann mithelfen, indem man die richtigen Fragen stellt.

teleschau: Kurz vor "Zero" waren Sie auch mal wieder als "Tatort"-Kommissarin zu sehen. Es war erst Ihr dritter Film in fünf Jahren. Ist Ihre Ermittlerin Ellen Berlinger irgendwann mal regelmäßiger zu sehen?

Heike Makatsch: Alle, die mit dem Mainzer "Tatort" zu tun haben, würden sich das wünschen. Mittlerweile ist auch schon ein vierter Film abgedreht. So wie es aussieht, werden wir versuchen, in Zukunft einen Film pro Jahr zu realisieren. Dies wäre jedenfalls mein favorisiertes Modell.

teleschau: Haben Sie das Gefühl, mit der Figur zu verwachsen?

Heike Makatsch: Ja, immer mehr. Auch das Zusammenspiel mit Sebastian Blomberg macht großen Spaß, und ich finde, dass wir als Team gut funktionieren. Es ist schon etwas Besonderes, nach einer gewissen Zeit zu meiner "Tatort"-Figur zurückzukehren und zu erkennen: 'Ach, die Ellen, die kenne ich doch schon'. Natürlich baue ich in dieser Hinsicht auf das auf, was gute Autoren für Ellen ins Drehbuch schreiben. Ich fühle mich aber durchaus wohl mit dieser Figur, so wie sie sich jetzt entwickelt hat.

Cynthia (Heike Makatsch) trifft Carl Montik (Sabin Tambrea), den Chef des Freemee-Konzerns. Die Firma entwickelte die sogenannte "ActApp", welche das Leben der meisten Menschen gefährlich nah begleitet. (Bild: WDR/Volker Roloff)
Cynthia (Heike Makatsch) trifft Carl Montik (Sabin Tambrea), den Chef des Freemee-Konzerns. Die Firma entwickelte die sogenannte "ActApp", welche das Leben der meisten Menschen gefährlich nah begleitet. (Bild: WDR/Volker Roloff)
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