Gefährdung statt Evakuierung: Vorwürfe gegen Außenministerium

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Zu Evakuierende kommen in Bussen am Flughafen Kabul an (Bild: REUTERS/via Reuters TV)
Zu Evakuierende kommen in Bussen am Flughafen Kabul an (Bild: REUTERS/via Reuters TV)

Die Lage am Flughafen Kabul bleibt unübersichtlich und oftmals lebensgefährlich. Tausende Afghanen hoffen immer noch auf eine Evakuierung und stranden im Niemandsland zwischen den Checkpoints der Taliban, afghanischer Sicherheitskräfte und des US-Militärs, wo unsägliche Zustände herrschen.

Das Auswärtige Amt warnt deshalb davor, auf eigene Faust zum Airport zu fahren. Doch immer wieder gibt es dabei auch Berichte, nach denen die deutschen Behörden zu evakuierende Personen - deutsche Staatsbürger:innen und andere Schutzbedürftige - selbst in gefährliche Situationen bringen, etwa durch falsche Angaben, unterlassene Schutzmaßnahmen und andere Versäumnisse.

So ist das Außenministerium bei der Zusammenstellung der Evakuierungslisten offenbar auf freiwillige Helfer:innen angewiesen, Aktivist:innen und Personen mit afghanischem Hintergrund, die Kontaktinformationen der Menschen vor Ort sammeln. Vernachlässigt wird dabei der Schutz der heiklen Daten gefährdeter Personen, die Ehrenamtlichen müssen sich selbst um halbwegs sichere Kommunikationswege bemühen.

"Freiwillige und Diaspora-Afghan:innen machen die Arbeit, die Regierungen vor Monaten hätten machen müssen - sie arbeiten mit WhatsApp, Google Docs und Sozialen Medien", kritisiert Künstlerin Moshtari Hilal die Behörden. "Es ist unverantwortlich, wie diese angreifbaren Informationen von Zivilisten auf ungeschützten Plattformen verarbeitet werden müssen. Macht es besser!"

Auch das Außenministerium selbst hält offenbar per WhatsApp-Gruppen Kontakt mit zu Evakuierenden. Auch damit gehen große Risiken einher: Aktivstin Hila Latifi postete auf Instagram einen ihr zugesandten Screenshot, der den verdächtigen Versuch einer Kontaktaufnahme auf WhatsApp zeigt - offenbar versuchen Spitzel der Taliban auf diese Weise, die Standorte gefährdeter Personen in Erfahrung zu bringen.

Immer wieder wird berichtet, dass zu Evakuierende keinen Kontakt mehr zum Außenministerium bekommen oder schlichtweg im Stich gelassen werden. So wie eine deutsche Staatsbürgerin, die auf Twitter beschreibt, wie sie vergeblich zu einem Treffpunkt kam:

"Sollte an einen Treffpunkt, angekommen gab es keine Chance!", schildert sie. "Ich wurde mitten in der Nacht in Kabul stehen gelassen und mein Koffer wurde geklaut. Geplant durch das Auswärtige Amt. Keine Hoffnung mehr!" Auch Stunden später appelliert sie an die Behörden, endlich zu helfen.

Journalistin Helen Fares berichtete in einem Instagram-Video von der Irrfahrt eines Busses mit zu Evakuierenden, von der sie durch einen Passagier unterrichtet wurde. Der Bus wurde demnach vom Außenministerium gebucht, um Menschen von einem vereinbarten Treffpunkt abzuholen, es gab jedoch keinerlei Sicherheitsvorkehrungen wie etwa eine militärische Eskorte. 

Der Bus wurde von in die Luft schießenden Talibankämpfern umzingelt, der Fahrer weigerte sich, loszufahren, die Passagiere saßen stundenlang in der bedrohlichen Situation fest. Erst nach einem Telefonat, über dessen Gesprächspartner und Inhalt die Passagiere im Unklaren gelassen wurden, fuhr der Bus weiter und wurde schließlich von US-Soldaten am Flughafen in Empfang genommen.

Während das Zeitfenster für die Evakuierungsflüge schrumpft, bekommen ist das Außenministerium offenbar für manche schlicht nicht mehr zu erreichen. "Also das Auswärtige Amt hat nur noch wenige Tage Zeit und hat immer noch keine Lösung für die Menschen auf ihren Evakuierungslisten", schreibt Hilal. "Ich höre von Menschen, die nicht mehr kontaktiert werden oder eiskalt eine Absage erhalten."

Ein Aufschub ist dabei nicht in Sicht, US-Präsident Biden zeigt sich trotz des Drängens seiner G7-Partner entschlossen, das US-Militär bis zum 31.8. vom Flughafen abzuziehen. Die Verbündeten, darunter Deutschland, wollen sich für die Zeit danach in Absprache mit den Taliban um zivile Ausreisemöglichkeiten bemühen, doch Details dazu sind noch völlig unklar.

Video: G7 fordern Sicherheitsgarantien von den Taliban

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