So geht es Deutschland – Markus Lanz’ Dokumentation über das deutsche Volksempfinden

Markus Lanz machte sich auf die Reise durch die Bundesrepublik, um mit der Bevölkerung zu sprechen. (Bild: Screenshot ZDF)

Wie geht es Deutschland? Um diese Frage zu erörtern, reiste Markus Lanz in einem Spezial quer durch das Land und sprach mit der Bevölkerung. Vom arbeitslosen Ex-Opel-Mitarbeiter im Ruhrpott über junge Migranten im Görlitzer Park in Berlin bis hin zu adeligen Großgrundbesitzern in Bayern: Die Dokumentation “Deutschland!” gab tiefe Einblicke in die Volksseele.

Die deutsche Wirtschaft ist stark wie keine andere in Europa, Statistiken und Zahlen sprechen von einem äußerst hohen Lebensstandard. Dennoch gibt es eine gravierende Kluft zwischen den positiven Statistiken und gefühlten Lebensrealitäten. Das zeigt schon allein das Erstarken der extremen Rechten in Deutschland. Ist die Bundesrepublik also tatsächlich so gespalten, wie man es oft vermittelt bekommt? Und wenn ja, warum? Dieser Frage ging Markus Lanz in seiner Dokumentation “Deutschland!” nach. Darin machte er sich auf den Weg quer durch die Bundesrepublik – und sprach mit Menschen verschiedenster Schichten und Herkunft.

AfD-Wähler und Merkel-Hass

Viele von den von Lanz Befragten machen kein großes Geheimnis daraus, dass sie die AfD gewählt haben. Die Hauptgründe dafür: Frustration mit dem Status Quo, der Verlust der eigenen Arbeitsstelle, Perspektivlosigkeit, oft auch die Angst davor, Fremde im eigenen Land zu werden. Ein Mann erklärt, dass er mittlerweile mit seiner Protestwahl nicht zufrieden ist. “Ein zweites Mal wähle ich die nicht”, sagt er über die AfD – die ihm zu wenig konkrete Lösungsvorschläge und zu viel Anti-Ausländer-Polemik biete. Ein anderer nennt als Grund ein beliebtes Feindbild der Rechten: Kanzlerin Angela Merkel. “Merkel fährt Deutschland in den Abgrund”, sagt der Mann – ein arbeitsloser Arbeiter – und skandiert: “Ich hasse diese Frau”.

Lanz mit einem Gesprächspartner aus dem Ruhrpott. (Bild: Screenshot ZDF)

Ein anderer Mann hat 33 Jahre lang bei Opel im Ruhrgebiet gearbeitet. Mit der Abfindung nach seiner Kündigung hat er sich einen Imbisswagen gekauft. Seine Frau erklärt: “Das sieht ja gar nicht mehr aus wie Deutschland.” Er selbst sieht das ähnlich: “Es gibt ja Dörfer, da sind mehr Flüchtlinge als Einwohner in Deutschland. Das ist natürlich eine Belastung.” Viele fühlen sich im Stich gelassen, Jobversprechen bewahrheiteten sich nicht, der Mittelstand wird immer kleiner, die Armut mehr.

Die “andere Seite”

Auch die andere Seite kommt zu Wort – darunter mehrere muslimische Jugendliche, die Lanz im Görlitzer Park in Berlin trifft. Ob sie sich deutsch fühlen? Nein, sagen sie einstimmig. Probleme mit der Polizei, Probleme mit Rechtsradikalen – man werde immer wieder an seinen eigenen Migrationshintergrund erinnert, daran, dass man kein Deutscher ist. Auch wegen ihrer Religion fühlen sich die Jugendlichen benachteiligt. Was sie sich von Deutschland wünschen, fragt Lanz. Einen Arbeitsplatz, antwortet einer der Jungen.

Jimmy, ein türkischer Mitarbeiter einer Autoreparaturwerkstatt im Ruhrgebiet erklärt, wie sich Deutschland seit den 1970er-Jahren verändert hat. Damals fand man noch keinen, der türkisch mit einem sprach, erzählt er. Heute kommt man um türkisch aber gar nicht mehr herum. Der größte Unterschied zwischen damals und heute: die finanzielle Situation – heute wollen viele Kunden ihre Autoreparatur auf Raten abbezahlen.

Der religiöse Fanatismus habe definitiv zugenommen, erklärt er, man könne täglich erkennen, dass er mehr werde. Ihm als aufgeklärten Muslim mache das genauso viel Angst wie Nicht-Muslimen. Das ist ein Problem, das in Angriff genommen werden sollte: 2050 werde in einigen deutschen Großstädten der Migrantenanteil über 50 Prozent betragen, so der Soziologe Professor Heinz Bude.

Die positivste Sicht herrscht in Bayern – hier trifft Lanz Restaurantbesitzer und adelige Landbesitzer. Sie sind sich alle einig: Veränderung ist per se nichts schlechtes, Handlungsbedarf gibt es dennoch viel.

“Das Land ist sich fremd geworden”

“Das Land ist sich selber fremd geworden”, erklär Bude. “Vor allen Dingen, weil wir insgesamt gemeinsam noch gar nicht verstanden haben, wie sich das Land in den letzten 25 Jahren verändert hat. Und jetzt ist völlig klar: Deutschland ist das mit Abstand wirtschaftlich stärkste Land Europas, es hat eine wahnsinnig robuste Arbeitsmarktsituation und es ist wahrscheinlich sogar das politisch mächtigste Land Europas”. Bude hebt hier auch einen großen Widerspruch hervor: Rund 80 Prozent der Deutschen sind mit ihrer eigenen Lebenssituation zufrieden – deutlich zufriedener als vor zehn Jahren. Die Daten zeigen aber auch, dass von jenen 80 Prozent mehr als 60 Prozent behaupten, dass in Deutschland alles falsch laufe.

Lanz selbst hört den Menschen zu, lässt sie ausreden, geht auf ihre Bedenken ein. Lösungsansätze bietet die Dokumentation am Ende keine, aber sie zeigt einmal mehr die Hauptgründe der derzeitigen Probleme auf, die Menschen an den rechten Rand drängen: Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und das Gefühl, von der Politik im Stich gelassen worden zu sein. Deutschland ist gespalten – aber, so bekommt man den Eindruck bei der Dokumentation, vielleicht nicht so heil- und aussichtslos, wie es einem besonders die sozialen Medien gern vermitteln wollen.