"Gentleman Jack": Warum die historische Anne Lister ihrer Zeit weit voraus war

Im 19. Jahrhundert übernahmen Frauen für gewöhnlich keine Geschäfte, trugen keine Hosen oder Zylinder und lebten vor allem nicht offen homosexuell. Anne Lister tat all das mit einer Selbstverständlichkeit, die sie noch heute als Vorreiterin dastehen lässt. Und ihre Tagebücher sorgten dafür, dass sie nicht vergessen wird.

Suranne Jones hat in der Serie die Rolle der Anne Lister übernommen. (Bild: Sky)

Anne Lister (Suranne Jones) hat bereits einiges hinter sich, als sie 1832 zu ihrer Familie ins britische Halifax zurückkehrt: Sie hat studiert, Europa und die USA bereist, hatte mehrere Beziehungen und sich nun zum Ziel gesetzt, die Familienländereien rund um das Anwesen Shibden Hall in West Yorkshire erfolgreich zu bewirtschaften. Der bisherige Geschäftsführer ist sterbenskrank und weder ihr Vater Jeremy (Timothy West) noch ihre Tante (Gemma Jones) sind dazu in der Lage.

Aus Anne wird ”Gentleman Jack“

Also schmeißt sie sich in Gehrock und Zylinder, was ihr den Spitznamen ”Gentleman Jack“ einbringt, treibt persönlich die Pacht ein und beschließt, auf ihrem Land Kohle abzubauen, was den Industriellen der Gegend so gar nicht passt. Was ihr noch fehlt, ist ein Lebenspartner. Und den sucht sie sich nicht, wie es zu der Zeit üblich gewesen wäre, unter rein strategischen Gesichtspunkten aus, sondern folgt auch hier ganz ihrem Herzen: Dass es sich dabei um eine Frau namens Ann Walker (Sophie Rundle) handelt, bedeutet zu dieser Zeit und im ländlichen Umfeld nichts weniger als einen Skandal.

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Anne Lister hielt in Tagebüchern ihre gesamte Geschichte fest

Anne Lister (1791-1840) lebte tatsächlich und dafür, dass man heute so viel über sie weiß, hat sie zeitlebens selbst gesorgt. Schon als junges Mädchen begann sie mit dem Tagebuchschreiben, hinterließ der Nachwelt Band um Band mit insgesamt fünf Millionen Wörtern, von denen sie wiederum ein Sechstel mit einem raffinierten Code aus Altgriechisch und Algebra verschlüsselte. Bei den verschlüsselten Stellen, die Ende des 19. Jahrhunderts dechiffriert wurden, handelte es sich vor allem um Schilderungen ihrer Beziehungen zu anderen Frauen. Einen Eindruck ihrer ebenso humorvollen wie messerscharfen Ausdrucksweise gewinnt man in der Serie immer dann, wenn sich die Hauptdarstellerin mit direktem Blick in die Kamera an die Zuschauer wendet und das Geschehen kommentiert.

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Mit Ann Walker tauscht Anne Lister Ringe. Die beiden sehen sich als verheiratet an. (Bild: Sky)

Ein ”Rockstar unter den Lesben“

Die BBC bezeichnet Anne Lister als ”Rockstar unter den Lesben“, die ihrer Zeit weit voraus war. Im Zentrum der Serie steht die Liebesbeziehung zwischen Anne Lister und Ann Walker, die 1834 in einer Zeremonie die Ringe tauschten und sich nach einer gemeinsam am Ostersonntag empfangenen Kommunion als verheiratet ansahen. Seit 2019 befindet sich an der Holy Trinity Church in York, in der sie stattfand, eine Gedenktafel. Die beiden Frauen lebten zusammen auf Shibden Hall und unternahmen weite Reisen, wobei Anne Lister schließlich auf einer solchen starb. Bis zu ihrem eigenen Tod hatte Ann Walker ein Nießbrauchsrecht auf Shibden Hall.

”Gentleman Jack“ läuft ab dem 29. Januar um 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf Sky Atlantic /HD. Eine zweite Staffel wurde bereits in Auftrag gegeben.