Genua: Aus dem Tal

Andrea Affaticati

Vor einem Jahr stürzte die Morandi-Brücke in Genua ein. 43 Menschen starben, fast 600 wurden evakuiert. Auch die Wirtschaft litt. Wie geht es den Bewohnern heute?

Die Reste der Morandi-Brücke in Genua sind inzwischen verschwunden. Im April 2020 soll die neue Brücke stehen. © Pier Marco Tacca/​Getty Images

"Man muss das erlebt haben, man kann es sich beim besten Willen nicht vorstellen." Das sagt Giusy, eine zierliche Genueserin, Mitte fünfzig, die vor einem Jahr miterlebte, wie die Morandi-Brücke einstürzte. Als Bewohnerin eines der Häuser unterhalb des Viadukts, wurde sie Zeugin, wie 43 Menschen in den Tod gerissen wurden. Kurz zuvor hatte sie zusammen mit ihrer Nachbarin Mimma auf dem Gehweg gehockt, um Unkraut zu zupfen. Gegen halb zwölf gingen die beiden Frauen in ihre Häuser, der Regen war heftiger geworden. Giusy will weitererzählen, da steigen ihr die Tränen in die Augen. Mimma übernimmt, erzählt, dass sie gerade habe duschen wollen, als sie dieses heftige Getöse hörte. "Ich riss das Badezimmerfenster auf und sah, wie die Brücke vor meinen Augen verschwand."

Es war der 14. August, 11.36 Uhr, als die viel befahrene Autobahnbrücke über den Fluss Polcevera einstürzte. Nach der Tragödie starrte ganz Genua wie gelähmt in den Abgrund, alle hofften, es sei nur ein Albtraum, aus dem sie bald wieder erwachen würden. Nun bereitet sich die norditalienische Hafenstadt auf den Jahrestag des Unglücks vor. Erzbischof Angelo Bagnasco wird am Ort des Geschehens eine Messe für die Opfer und die Hinterbliebenen zelebrieren. Italiens Premierminister Giuseppe Conte wird da sein und der Präsident Sergio Mattarella. Zusammen werden sie den Totenglocken lauschen, die in der ganzen Stadt um 11.36 Uhr läuten werden.

Betreten der Roten Zone verboten

Giusy und Mimma haben der Toten schon oft gedacht. Sie gehören zum Vorstand des Komitees der Opfer und Evakuierten, das sich gleich nach dem Unglück gebildet hatte. Seither haben sich die Mitglieder an jedem 14. des Monats bei der alten Eisenbrücke getroffen. Hinter dem Zaun beginnt die sogenannte Rote Zone, Betreten verboten. "Wissen Sie", sagt Giusy, "hier habe ich mein ganzes Leben verbracht." In einem der Häuser, das mittlerweile abgerissen wurde, ist vor einigen Jahren ihre Mutter gestorben. Und aus ihrer Wohnung, die es auch nicht mehr gibt, hat sie ihre Tochter im Brautkleid treten sehen. Am 4. Mai durften die Anrainer zum letzten Mal nach Hause, um verbliebene Habseligkeiten mitzunehmen.

Elf Monate haben die Genueser Seite an Seite mit den Brückenstümpfen gelebt, die sie tagtäglich an die Tragödie erinnerten. Dann, am Morgen des 28. Juni, wurden die letzten beiden Pfeiler gesprengt. Innerhalb von sechs Sekunden stürzten Tausende Kubikmeter Stahl und Beton in sich zusammen. Um diesen Moment zu erleben, waren viele Bewohner ins höher gelegen Stadtviertel Coronata gekommen. Heute ist hier oben nichts los, die Kirchenglocken läuten um 12.30 Uhr, ansonsten Stille. Der Anblick der Baustelle unten im Tal hat etwas Gespenstisches. Ein Niemandsland beiderseits des Flusses Polcevera, der die Stadt nun wieder entzweit.

28. Juni 2019: Anwohner beobachten die Sprengung der letzten Brückenpfeiler. © Pier Marco Tacca/​Getty Images

Als die Schrägseilbrücke 1967 eingeweiht wurde, sprach man von einem futuristischen Meisterwerk. 1.202 Meter war sie lang, auf der einen Seite der Hafen und das glitzernde Meer, auf der anderen die grüne Hügellandschaft um Genua. Für Urlauber war die Aussicht ein Vorgeschmack auf die erholsamen Tage, die sie erwarteten. Wichtig war die Brücke aber auch für den Verkehr in der Region, denn sie verband den östlichen Teil der Stadt mit dem westlichen. Und natürlich für den Warentransport vom und zum Hafen: 11 Millionen Lkw donnerten jährlich über die Brücke. Von diesen Mengen ahnte der zuständige Bauingenieur Riccardo Morandi in den Sechzigern noch nichts. Er war der Meinung, seine Brücke würde hundert Jahre halten.

Genua ist Italiens wichtigster Hafen. Rund zehn Prozent der Einkommen der 580.000 Einwohner werden hier erwirtschaftet. Ein Zehntel von ihnen arbeitet im oder für den Hafen. Die Angst war groß, die Containerschiffe könnten anderswo andocken, weil mit der Brücke eine schnelle Verbindung ins Landesinnere verschwunden war. Als Bürgermeister Marco Bucci verkündete, dem Hafen werde kein einziger Container verloren gehen, glaubten ihm nur die wenigsten. Doch Bucci hielt Wort. "In wenigen Monaten waren drei Ausweichstraßen fertig", erklärt Gian Enzo Duci, der Vorsitzende des nationalen Verbands der Schiffsmakler. Anfangs seien zwar viele Reedereien auf den Hafen von Livorno ausgewichen, doch eine gezielte Werbeaktion konnte den Abfluss stoppen. Tatsächlich ist das Frachtvolumen im Hafen von Genua nicht gesunken. "Probleme zu lösen liegt uns Genuesen im Blut", bemerkt Duci lächelnd. Nicht umsonst sei Genua 800 Jahre lang eine eigene Seerepublik gewesen – eine der reichsten der Welt. Man nennt die Stadt deshalb auch la Superba, die Stolze.

Andere Gewerbe hat es heftiger getroffen, den Handel und die Industrie etwa. Eine Studie beziffert den ökonomischen Gesamtschaden des Unglücks auf 422 Millionen Euro. Dass es für manche auch nach einem Jahr nicht gut läuft, kann man auf der Via Fillak sehen, jener Straße, über die die Brücke einst führte. Keine 50 Meter von der Absperrung der Roten Zone entfernt liegt ein Reifenservice. Der Mechaniker dort zögert kurz – und spricht dann doch: "Früher standen die Autos vor dem Geschäft Schlange. Jetzt spielen wir mit unseren Handys, um uns die Zeit zu vertreiben." Freilich hat es Entschädigungen für Unternehmer gegeben, je nachdem, wie lange sie ihr Gewerbe schließen mussten. Das sei aber keine Garantie für die Zukunft, meint der Mechaniker, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Für viele der Kunden von der anderen Seite des Flusses sei es zu mühsam, hierherzukommen. Ihm selbst gehe es genauso: "Früher war ich in 15 Minuten hier, jetzt brauche ich eine Stunde." Wie so viele hier wartet er auf die neue Brücke.

Ein Geschenk von Renzo Piano

Genuas neue wird nicht irgendeine, sondern eine Renzo-Piano-Brücke. Das Projekt ist ein Geschenk des Stararchitekten an seine Heimatstadt, den Bau will er unentgeltlich überwachen. Im April 2020 soll sie fertig sein, so hat es der Bürgermeister versprochen. Zunächst sollte es schneller gehen, aber die Ermittlungen zu den Ursachen des Einsturzes zogen sich hin. Am 1. August haben die Sachverständigen einen 72 Seiten langen Bericht dazu vorgelegt. Aus ihm geht hervor, dass der Autobahnbetreiber Autostrade per l’Italia 25 Jahre lang keine grundlegende Sanierung der Morandi-Brücke vorgenommen habe. Stattdessen seien immer wieder kleine Wartungsarbeiten durchgeführt worden. Zum Zustand der Brücke heißt es: "Etliche Stahlstränge waren korrodiert (...), ihr Durchmesser hatte sich um 75 Prozent reduziert." Bislang wurden 73 Klagen eingeleitet, allen voran die gegen den Betreiber Autostrade per l’Italia, der zur Atlantia, der Holding der Modefamilie Benetton, gehört.

Ende letzten Jahres hatte Autostrade rund 50 Millionen Euro für die Hinterbliebenen der Opfer bereitgestellt und weitere 115 Millionen für die vom Einsturz betroffenen Anrainer. Hinzu kommen die Kosten für den Abriss der Brückenreste und den Neubau – alles in allem sind das 600 Millionen Euro. Die Regierung will, dass Autostrade auch dafür aufkommt. Sie droht damit, dem Konzern andernfalls alle Autobahnkonzessionen zu entziehen. Es geht um 3.000 Kilometer und 3,1 Milliarden Euro jährlich. Autostrade wehrt sich gegen diesen Schritt, rechtlich ist ihre Schuld noch nicht bewiesen.

Konzessionen und Kostenverteilungen sind Dinge, die Giusy und Mimma nicht sonderlich interessieren. Worum sich die ehemaligen Nachbarinnen sorgen, ist die neue Brücke und das Gelände, das sie überspannen wird. Sie leben zwar nicht mehr im Schatten des Viadukts – Giusy wohnt jetzt zur Miete, Mimma in der Altstadt – aber es tut ihnen weh, Trümmerberge zu sehen, wo sie einst aufgewachsen sind. Das Brachland soll eine Zukunft haben, dafür setzen sie sich ein. Das Komitee der Opfer und Evakuierten, zu deren Vorstand die beiden gehörten, hat sich einen neuen Namen gegeben. Jetzt nennen sie sich: Die von der Morandi-Brücke.