"Die Gesellschaft ist gefragt, wie viel ihr Kultur in Krisenzeiten wert ist"

Elisa Eberle
·Lesedauer: 7 Min.

"Verrückt nach Clara" sollte einst ihr Durchbruch sein, doch leider ist die ProSieben-Serie gefloppt. Warum das Format heute vermutlich bessere Chancen hätte, verrät Julia-Maria Köhler im Interview. Zudem spricht die Schauspielerin über veraltete Rollenbilder, Corona und Klischees in der Filmbranche.

Für Eltern ist es ein Albtraum: In der ZDF-Komödie "Kinder und andere Baustellen" (Donnerstag, 5. November, 20.15 Uhr) bleibt eine Kita bis auf Weiteres geschlossen. Nun liegt es an Marlene, gespielt von Julia-Maria Köhler, schnellstmöglich einen neuen Betreuungsplatz für ihre Tochter (Leslie Seidenberg) zu finden beziehungsweise ihn mit anderen Eltern neu zu schaffen. Warum sind es eigentlich immer noch die Frauen, die sich, im Film wie in der Realität, vordergründig um den Nachwuchs kümmern? Sollte es nicht viel mehr männliche Erzieher geben? Und wie steht es eigentlich um die Gleichberechtigung am Filmset? Diese und weitere Fragen beantwortet die Schauspielerin Julia-Maria Köhler im Interview. Außerdem erinnert sich die 42-Jährige über ihre erste Serie "Verrückt nach Clara" (2007) und wagt einen Blick in eine hoffentlich bald Corona-freie Zukunft.

teleschau: Das Thema Erziehung ist derzeit wieder in aller Munde. Erst kürzlich haben Studien ergeben, dass während des Corona-Lockdowns vor allem die Mütter für das Homeschooling zuständig waren. Woran liegt dieses veraltete Verständnis von Zuständigkeiten?

Julia-Maria Köhler: Ich glaube, dass wir noch ganz am Anfang davon stehen, die alten Rollenbilder zu verändern. Wahrscheinlich wird das noch mindestens eine Generation brauchen, wenn nicht sogar noch länger. In meinem Freundeskreis ist es eher ausgewogen: Meistens geht derjenige, der mehr Geld verdient, arbeiten, während der andere zu Hause bleibt. Ob das dann der Mann oder die Frau ist, spielt dabei keine große Rolle. Aber ich beobachte auch, dass es oft die Frauen sind, die zu Hause bleiben. Ich finde das erschreckend! Man muss unbedingt mehr dafür tun, dass Frauen auch ihre Jobs machen können.

teleschau: Glauben Sie, dass uns die Corona-Krise in dieser Hinsicht zurückgeworfen hat?

Köhler: Ich bin nicht selbst Mutter und kann es deshalb nicht sicher sagen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass man da ein bisschen aufpassen muss, wer in dieser Krise zurücksteckt.

teleschau: Ist das Problem denn wirklich nur, dass Frauen schlechter verdienen, oder geht es auch um das Selbstverständnis der Frauen?

Köhler: Beides. Frauen haben in unserer Gesellschaft generell noch sehr wenig Selbstbewusstsein. Das wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Es ist gar nicht absichtlich, dass Frauen denken: "Ich darf das nicht machen." Oder "Ich darf nicht so frei sein." Aber das verändert sich langsam. Ich sehe das an den Kindern in meinem Freundeskreis. Mit elf, zwölf, 13 Jahren sind die Mädchen sehr selbstbewusst, was ich echt toll finde. Ich glaube also, dass das eher eine Erziehungsfrage ist.

"Generell ist Emanzipation für mich ein wichtiges Thema"

teleschau: "Kinder und andere Baustellen" bricht Geschlechterklischee bewusst auf: Ausgerechnet der einzige Mann beweist hier das beste Händchen im Umgang mit den Kleinen. In der Realität sind männliche Erzieher jedoch immer noch die Minderheit. Zu Unrecht?

Köhler: Ich glaube, dass sowohl Männer als auch Frauen diese Aufgabe übernehmen können. Kinder können von beiden lernen. Meine Nichte hat einen männlichen Erzieher und der ist toll. Deshalb hoffe ich, dass es in Zukunft ein paar mehr gibt. Kinder machen doch Spaß!

teleschau: Wie könnte man das erreichen?

Köhler: Generell ist Emanzipation für mich ein wichtiges Thema und ich freue mich, dass wir da schon super Vorreiter hatten. Gesellschaftlich entwickeln wir uns ja, Gott sei Dank, weiter. Hoffentlich fallen wir durch Corona nicht wieder ein Stück zurück. Ich hoffe, dass sich Männer vermehrt zutrauen, solche Jobs zu übernehmen, und Frauen wiederum in Führungspositionen kommen. Das ist ganz wichtig, dass diese Klischees aufweichen.

Über die Gleichberechtigung am Set

teleschau: Klischees spielen auch in der Filmbranche eine Rolle: Oft hört man von Männern, die unabhängig von ihrem Alter engagiert werden, während Frauen ab einem gewissen Alter durch jüngere Kolleginnen ersetzt werden. Wie denken Sie darüber?

Köhler: Ich habe damit ein großes Problem, kann aber nicht sagen, wie man das verändern kann. Man kann sich selbst nur treu bleiben und für die Werte einstehen, die man vertritt. Ich wünsche mir, dass zukünftig auch Geschichten für Frauen geschrieben werden, die 40, 50 oder 70 plus sind. Denn ich beobachte auch, dass ein Mann im Film häufig eine sehr viel jüngere Frau an die Seite gesetzt bekommt. Andersrum passiert das seltener, was schade ist.

teleschau: Wie steht es denn allgemein um die Gleichberechtigung am Set?

Köhler: Es gibt definitiv eine Veränderung. Ich erlebe zunehmend viel mehr Frauen am Set, hinter der Kamera und im Stab generell. Beleuchterinnen gab es früher zum Beispiel gar nicht. Mittlerweile übernehmen Frauen aber ganz verschiedene Aufgaben am Set. Das ist eine sehr schöne Entwicklung und ich hoffe, dass es so weiter geht.

teleschau: Betrachtet man den Stab zu "Kinder und andere Baustellen", fällt auf, dass dort viele Frauen in Produktion, Schnitt oder auch als Regisseurin beteiligt waren. Verändert das die Stimmung beim Dreh?

Köhler: Ich muss sagen, dass ich noch nie ein Problem mit männlichen oder weiblichen Kollegen hatte. Dennoch war "Kinder und andere Baustellen" besonders: Ich habe mich wahnsinnig gefreut, mit all meinen Kollegen zusammenarbeiten zu dürfen. Wenn man als Ensemble so toll funktioniert, ist das toll. Auch die Regisseurin Christina Schiewe war sehr partnerschaftlich und fair. Das ist nicht immer so selbstverständlich. Und Stefany Pohlmann, die Casterin, hatte ebenfalls ein super Händchen dafür, diese Leute zusammenzusetzen. Und deshalb möchte ich an der Stelle auch einfach mal Dankeschön sagen.

Hätte "Verrückt nach Clara" heutzutage mehr Erfolg?

teleschau: Mit Ihrem Filmpartner Sebastian Ströbel spielten Sie schon 2007 in der ProSieben-Serie "Verrückt nach Clara". Wie erinnern Sie sich an diese Zeit zurück?

Köhler: Das war ja meine erste Geschichte im Fernsehen und hat großen Spaß gemacht. Ich fand die Figur toll, ich mochte meine Kollegen sehr. Ich konnte mich da ausprobieren und habe wahnsinnig viel gelernt. Und Sebastian ist einfach ein ganz grandioser Partner.

teleschau: Die Serie ist damals leider gefloppt. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Köhler: Ich habe absolut keine Ahnung! Das Wort "Quote" habe ich damals zum ersten Mal gehört und mich gefragt: Was soll denn das bitte sein? Heute ist sie mir natürlich ein Begriff. Ich fand, dass unser Format optisch und inhaltlich so stark vorne war. Das gab es noch gar nicht so oft im deutschen Fernsehen. Vielleicht war es also einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt.

teleschau: Also hätte die Serie heute mehr Erfolg gehabt?

Köhler (überlegt): Es ging ja auch um Themen wie Abtreibung, Homosexualität ... Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass das heute bei den jungen Leuten heute viel besser wahrgenommen werden würde als damals.

teleschau: Hätten Sie denn gerne weitergemacht?

Köhler: Na klar! Das war ja eine tolle Rolle. Ich habe die Figur geliebt.

teleschau: Wie müsste denn heute eine Serie aussehen, um Sie als Darstellerin zu begeistern?

Köhler: Es gibt verschiedene Richtungen. Ich mag Komödien wahnsinnig gerne. In einer Komödie gut zu sein, ist eine große Herausforderung, denn man kann auch sehr schnell zu viel machen. Mich reizt aber auch sehr das Drama. Wenn die Bücher gut geschrieben und die Figuren klar gekennzeichnet sind, habe ich eigentlich auf alles Lust.

"Die Gesellschaft ist gefragt, wie viel ihr Kultur auch in Krisenzeiten wert ist"

teleschau: Stehen denn schon weitere Projekte in Aussicht?

Köhler: Na ja, jetzt haben wir ja gerade Corona. Das ist sehr, sehr schwierig momentan. Ich habe gerade wieder die Nachrichten verfolgt ... Momentan sind meine Projekte für dieses Jahr leider alle verschoben. Gerade unabhängige Produzenten tun sich schwer, das Risiko eines Produktionsabbruchs zu tragen. Man muss schauen, wie es weitergeht ... Es ist keine leichte Zeit, für keinen von uns. Gerade auch in unserer Branche. Man ist ein bisschen ohnmächtig und beobachtet das Infektionsgeschehen.

teleschau: Hätten Sie denn Ideen, wie sich die Lage der Künstler verbessern könnte?

Köhler: Ich bin einfach komplett überwältigt von der ganzen Krise und muss mich erst zurechtfinden. Die Gesellschaft ist gefragt, wie viel ihr Kultur auch in Krisenzeiten wert ist. Kinos, Kleinkunst, freie Theater und ihre Künstler - viele werden nicht überleben. Für mich ist daher auch wichtig, wie es meinem privaten Umfeld und meiner Familie geht. Das beschäftigt mich alles viel stärker, als zu gucken, was kann ich als Schauspielerin jetzt machen. Natürlich habe ich Ideen und möchte kreativ sein, aber ich denke, die Zeit dafür kommt noch.