Gesundheitsexperte Lauterbach bei "Maybrit Illner": Corona-Krise wird "massiv unterschätzt"

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Auch am gestrigen Donnerstagabend stand der ZDF-Talk von Maybrit Illner im Zeichen der Gesundheitskrise. Die Botschaften, die von der Sendung ausgingen, waren alles andere als beruhigend: "Wir werden dieses Thema anderthalb Jahre nicht losbekommen", warnte SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach.

Über Deutschland scheint immer häufiger wieder die Sonne, die Temperaturen steigen - und mit ihnen auch der Lagerkoller. Viele Menschen wollen raus. Aber nicht nur das: Sie wollen auch wieder arbeiten, ihre Läden öffnen und ihre Gaststätten und Restaurants. Denn die Corona-Krise bedroht nicht nur die Gesundheit, sondern auch viele Existenzen. Zeit also, die Ausgangsbeschränkungen zu lockern? Im ZDF-Talk von Maybrit Illner unter dem Titel "Kampf gegen Corona - genug Geld, genug Kraft, genug Zeit?" ging es um genau diesen Zwiespalt. Wie sehr müssen wir uns einschränken, und: Wie sehr dürfen wir uns einschränken?

Dazu empfing Illner in ihrem Studio den FDP-Politiker und Arzt Andrew Ullmann, den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, die Krankenschwester Yvonne Falckner sowie Achim Theiler, einen Hersteller und Großhändler für Hygieneartikel. Virologin Sandra Ciesek und FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff nahmen per Videoschalte an der Diskussion teil.

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FDP-Mann Ullmann fasste das Dilemma zusammen. Die Gesundheit der Menschen müsse "klar im Vordergrund" stehen, so der Mediziner, schließlich seien die Fallzahlen noch "sehr beunruhigend": "Die Maßnahmen, die gerade erst vor ein paar Tagen ergriffen worden sind, werden wir frühestens Ende nächster Woche auch wirklich erkennen." Aber Ullmann gab auch zu bedenken, dass es legitim sei, sich eine "Exit-Strategie zu überlegen". Heißt: "Welche Schritte müssen wir jetzt gehen, um dann wieder peu à peu zur Normalität zurückzukehren?" Damit stärkte Ullmann auch seinem Parteivorsitzenden Christian Lindner den Rücken, der als einer der Ersten gefordert hatte, rechtzeitig über ein Ende der Maßnahmen nachzudenken, um der Wirtschaft nicht allzu sehr zu schaden.

Gesundheitsexperte Lauterbach hingegen warnte vor vorschnellen Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen. "Wenn wir die Maßnahmen zu früh lockern, sind wir schlechter dran als vorher." Denn noch habe sich in Deutschland "keine Immunität" aufgebaut, die die Menschen vor einer Infektion schützen könnte. Lauterbach stellte die Deutschen darauf ein, dass das Thema Corona-Krise so schnell nicht von der Tagesordnung verschwinden werde: "Wir werden dieses Thema anderthalb Jahre nicht losbekommen. Das wird massiv unterschätzt, wie lange das dauert."

"Wir hatten sechs Wochen Zeit"

Genau deshalb müsse man die Probleme im Gesundheitswesen schon jetzt angehen, nicht erst nach der Krise. Lauterbach fordert: "Wir müssen eine Sonderlösung finden, die Pflegekräfte bekommen pauschal einen deutlichen Zuschlag." So erkenne man einerseits die Leistung der Pflegekräfte an und setze gleichzeitig einen Anreiz, mehr Menschen für eine Rückkehr in diesen Job zu gewinnen.

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Wovon Lauterbach sprach, weiß Krankenschwester Yvonne Falckner nur allzu gut. Sie forderte bei "Maybrit Illner" eine deutlich bessere Bezahlung für sich und ihre Kolleginnen und Kollegen, nett gemeinte Gesten alleine würden nicht reichen. "Die Gesellschaft muss sich Gedanken darüber machen, wie sie mit professionellen Pflegenden umgehen möchte", so Falckner. "Applaus nehmen wir wahr und finden ihn wunderbar, noch besser wäre es aber, wenn sich die Menschen dabei auch für höhere Löhne für Pflege einsetzen würden."

Dass es nicht nur am Geld mangelt, sondern auch an Schutzmaterial, wusste Unternehmer Achim Theiler zu berichten, der Großhändler für Hygieneprodukte. Er habe schon Anfang Februar vor einem möglichen Engpass gewarnt, von Gesundheitsminister Jens Spahn aber keine Rückmeldung erhalten. Das Ministerium sei "schlecht vorbereitet", konstatierte Theiler, "dabei hatten wir sechs Wochen Zeit". Eine ernüchternde Diskussion in ernüchternden Zeiten.

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