Das Gewissen Hollywoods

Sven Hauberg
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Spencer Tracy redete Amerika ins Gewissen, war aber selbst alles andere als ein Heiliger. Am 5. April vor 120 Jahren kam der große Hollywood-Schauspieler zur Welt.

Erst noch etwas zögerlich, dann aber immer entschlossener verkündet Richter Dan Haywood sein Urteil. Er spricht von der "Vergewaltigung der Moral", davon, dass in diesem Prozess die Zivilisation der wirkliche Ankläger sei. Der ältere Herr mit den schlohweißen Haaren wirkt überlegt und erschüttert zugleich, weiß aber auch, dass die Worte, die er hier spricht, Geschichte schreiben werden. "Für Wahrheit. Recht. Und für die Unverletzlichkeit jedes einzelnen Menschen", dafür stehe sein Gericht, sagt er. Große, pathetische Worte. Spencer Tracy spielte diesen wohlüberlegten Mann, 1961 war das, in Stanley Kramers Film "Urteil von Nürnberg". Es war eine seiner größten Rollen. Tracy wurde für den Oscar nominiert, gewonnen hat den Filmpreis dann aber ein anderer, Maximilian Schell, der in dem dreistündigen Film über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse einen deutschen Verteidiger spielte. Oscars hatte Spencer Tracy da aber sowieso bereits im Regal stehen, zwei Stück, gewonnen 1938 und 1939 - zu einer Zeit also, als die Grundsätze, die er als Richter Haywood so vehement vertrat, in Deutschland mit den Füßen getreten wurden.

Spencer Tracy kam am 5. April 1900 zur Welt, vor genau 120 Jahren. Als "humanitäres Gewissen der Menschheit" bezeichnete ihn sein Biograf Larry Swindell einmal. Rollen wie jene in "Urteil von Nürnberg" verschafften ihm diesen Ruf, aber auch sein Auftritt in "Wer den Wind sät", seine erste Zusammenarbeit mit Regisseur Kramer. Diesmal spielte Tracy einen Verteidiger, der vor Gericht gegen bibelgläubige Fundamentalisten für Fortschritt und Aufklärung kämpfte. Es war immer auch Spencer Tracy selbst, der aus diesen Rollen sprach. Dabei war dem Schauspieler stets bewusst, dass er selbst alles andere als untadelig war. Tracy war ein Trinker, der tagelang im Alkohol versinken konnte, nur um anschließend über Monate oder Jahre trocken zu bleiben, bevor er wieder tief stürzte. Er litt an Depressionen und an Angststörungen, schwankte zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, betrog seine Ehefrau.

Spencer Tracy wurde in ein streng katholisches Elternhaus in Milwaukee geboren. Die Schule interessierte ihn kaum, dafür entdeckte er schon als Jugendlicher seine Leidenschaft fürs Kino, das damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, selbst noch in den Kinderschuhen steckte. Nach dem Ersten Weltkrieg, den er auf Navy-Basen in den USA nur aus der Ferne erlebte, begann er Anfang der 1920er-Jahre ein Schauspielstudium, das ihn nach Stationen an kleinen Theatern und am Broadway schließlich zum Film führte.

Das Kino stand in jenen Jahren mit der Einführung des Tonfilms vor dem größten Wandel seiner Geschichte. Viele wurden arbeitslos - Musiker etwa, die bislang die Begleitmusik live in den Filmtheatern gespielt hatten, aber auch Schauspieler, deren Stimme auf einmal nicht mehr zu ihrem Leinwand-Image passte. Aber es gab auch Profiteure. Einer davon war der mann aus Wisconsin, der als Bühnenschauspieler eine gute Aussprache besaß. Es war John Ford, der ihm schließlich seine erste große Rolle verschaffte, im Fox-Drama "Up the River", an der Seite des ebenfalls noch unbekannten Humphrey Bogart.

Ungewöhnlich wandlungsfähig

Ein paar Jahre bliebt Spencer Tracy bei der Fox, drehte vor allem Filme, die heute vergessen sind, aber auch Klassiker wie den Gefängnisfilm "20.000 Jahre in Sing Sing", für den er an Warner ausgeliehen wurde. Erst Metro-Goldwyn-Mayer machte Tracy zum Star, verpasst ihm Mitte der 30er-Jahre ein neues Image: Spencer Tracy sollte den Gentleman geben, den maskulinen, aber kultivierten Heldentypen. In Fritz Langs "Blinde Wut", dem ersten amerikanischen Film des "Metropolis"-Regisseurs, spielte er einen Mann, der zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt wurde, in "San Francisco" einen Priester. Die Rolle brachte ihm seine erste Oscarnominierung ein - es sollten acht weitere folgen, ein Rekord, den er bis heute mit Laurence Olivier teilt. Für seine Darstellung eines Fischers im Film "Manuel", der einem Jungen erst das Leben rettet und ihn anschließend unter seine Fittiche nimmt, gewann Tracy 1938 seinen ersten Oscar; der zweite folgte ein Jahr später, als er in "Teufelskerle" eine ähnlich gelagerte Rolle spielte, einen Priester diesmal, der sich um verwahrloste Jugendliche kümmert. Da leuchtete es bereits auf, das "humanitäre Gewissen der Menschheit".

Wenig später, 1941, trat Katharine Hepburn in sein Leben. Bei den Dreharbeiten zum gemeinsamen Film "Die Frau, von der man spricht" lernten sie sich kennen, fünf weitere Filme sollten folgen. Auch privat wurden die Schauspieler ein Paar, obwohl Tracy bereits verheiratet war und zwei Kinder hatte. Der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg machte Spencer Tracy zu einem der gefragtesten Schauspieler Hollywoods - viele jüngere Kollegen hatte sich freiwillig zum Dienst gemeldet, er selbst aber wahr bereits zu alt. Es waren vor allem patriotische Filme, die er in jenen Jahren drehte, "Dreißig Sekunden über Tokio" etwa. Schon damals zeigte er seine Wandlungsfähigkeit, mehr noch aber in den Nachkriegsjahren. Als einem der wenigen Darsteller des alten Star-Systems Hollywoods gelang es ihm, aus dem Image auszubrechen, das er einst von MGM verpasst bekommen hatte, und nicht trotz, sondern wegen seiner Vielseitigkeit weiter Karriere zu machen. Tracy spielte in Dramen, in Komödien, in Filmen der Schwarzen Serie, er verkörperte stürmische Liebhaber genauso überzeugend wie um ihre Töchter besorgte Väter.

Aber es war dann doch der Zeitgeist, der Spencer Tracy einholte. Als die 60er-Jahre anbrachen, war er für ein jüngeres Publikum kaum mehr als ein Relikt aus einer längst vergangenen Kino-Epoche. Filme wie "Urteil von Nürnberg" konnten die Zeit bremsen, aber nicht aufhalten. Zudem kämpfte Spencer Tracy zunehmend mit gesundheitlichen Problemen. Doch bevor er am 10. Juni 1967 starb, drehte er noch einen letzten, einen großen Film: In "Rat mal, wer zum Essen kommt" zeigte er sein ganzes Können als ein Vater, der sich mit seinem eigenen Rassismus auseinandersetzen muss, nachdem sich seine Tochter in einen Afroamerikaner verliebt. Da redete Spencer Tracy ein letztes Mal Amerika ins Gewissen.