"Es gibt wirklich die Todessehnsucht des Ärzte-Fans!"

Katja Schwemmers
·Lesedauer: 10 Min.

Die Ärzte liefern mit "Hell" ihr erstes neues Album seit acht Jahren ab. Davor gab es eine lange Phase voller Trennungsgerüchte und bandinterner Konflikte. Wie nah die Band tatsächlich am Abgrund stand, erzählen Bela B, Farin und Rod im Interview.

"Es gibt wirklich die Todessehnsucht des Ärzte-Fans!"
"Es gibt wirklich die Todessehnsucht des Ärzte-Fans!"

Sie sind "die beste Band der Welt" und kommen aus Berlin: Die Ärzte haben nach acht Jahren voller Konflikte und Trennungsgerüchte wieder ein Album aufgenommen. Schon jetzt ist es von Erfolg gekrönt: Mit der zweiten Vorab-Single "True Romance" eroberten sie kürzlich zum fünften Mal in ihrer Karriere Platz eins in den Single-Charts. Auf der nun folgenden Platte "Hell" präsentiert das Kult-Trio mit den Musikern Farin Urlaub (56), Bela B (57) und Rodrigo González (52) einen bunten Strauß an Themen: von Rechtsruck über Verschwörungstheorien bis hin zu Langeweile - alles mit der typischen Albernheit und Leichtigkeit der Ärzte. Im Interview erzählen sie aber auch, wie schwierig die Phase nach der letzten Platte war und dass man sich zwischenzeitlich nur noch wenig zu sagen hatte.

teleschau: Wie fühlt es sich an, nach acht Jahren wieder eine neue Ärzte-Platte zu veröffentlichen?

Bela B: Wir sind glücklich über unser Werk. Es ist eine höhere Form von Glück als die, die wir schon erfahren hatten. Vor zwei Jahren hätten wir damit nicht gerechnet.

"Es gibt wirklich die Todessehnsucht des Ärzte-Fans!"
"Es gibt wirklich die Todessehnsucht des Ärzte-Fans!"

Farin Urlaub: Es gibt Platten, bei denen die Zusammenarbeit eher technischer Natur ist: Jeder stellt seine Songs vor und wir entscheiden zu dritt: Okay, diesen machen wir, jener gefällt uns nicht. Dann nimmt man auf, dann geht man auseinander. Und dann gibt es Ärzte-Platten, bei denen mehr passiert - wo dieser Magic Touch noch ein bisschen größer ist. Und diese Platte war jetzt mal wieder so eine.

“Mit den Ärzten ist es schon etwas Besonderes”

teleschau: Woran liegt das?

Farin: Zum einen an der langen Pause, zum anderen daran, dass wir die Energie der Clubtour noch mitnehmen konnten. Es hängt aber sicher auch damit zusammen, dass wir einander im zunehmenden Alter noch mehr wertschätzen, was sich diesmal in einem liebevolleren und erfreulicheren Umgang ausdrückte. Wir haben viele andere tolle Musikprojekte und sonstige Sachen, aber man merkt, mit den Ärzten ist es schon etwas Besonderes.

teleschau: Mit den Liedern "Abschied" und "Rückkehr" erzeugten Die Ärzte zuletzt viel Spannung und Aufregung. Ein Fan fragte auf Facebook: "Wie gehypt seid ihr?"

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Farin: Hallo? Wir selbst sind so was von gehypt! Ich will nicht den eingebildeten Künstler raushängen lassen - oder vielleicht doch: Es ist kein normales Album, oder? Wir haben uns noch mehr getraut. Jeder von uns schreibt Songs, die die anderen beiden niemals schreiben würden. Aber als Band kannst du nicht sagen: 2020 sind wir mal extrem kreativ. Das haut nicht hin, man weiß es nie vorher. Wenn wir unsere Demos vorspielen und die anderen beiden sagen "Lass uns anfangen, du Spinner", dann erst ist der richtige Zeitpunkt.

"Ja, wahrscheinlich war's das jetzt"

teleschau: Amüsieren Sie sich darüber, wenn die Menschen auf der Ärzte-Homepage über Buchstabenrätsel grübeln und denken, die Band würde sich nun auflösen?

Bela: Die Verwirrung, die da draußen herrscht, die sich aus dem kleinsten Funken aufbaut, den wir ablassen - klar, das finden wir schon lustig. Aber das stacheln wir selbst gar nicht so an. In manchen Fällen wollen wir natürlich die Irritation erreichen. Aber die Idee zum Beispiel, unsere allererste Punk-EP mit Soilent Grün als Cover für die erste Single von diesem Album zu nehmen, entstand ganz natürlich im Gespräch zwischen Farin und mir. Wir haben uns dann noch von Rod das Okay dafür geholt.

Farin: Wir hatten dabei nicht den Hintergedanken, dass alle jetzt denken sollen, dass sich damit der Kreis schließt und dies den Abschied der Ärzte einläutet. Als diese Reaktion kam, war es eher so, dass wir uns fragten: "Worauf kommt ihr denn jetzt schon wieder?" Selbst bei der Clubtour hieß es, wir wären nur deshalb so gut drauf, weil es bestimmt unsere letzte Tour sei. Es gibt wirklich die Todessehnsucht des Ärzte-Fans! So nach dem Motto: Diesmal ist es aber wirklich vorbei. Aber das ist es ja schon seit 1996 immer wieder.

teleschau: Sind Sie sich nach jedem Album sicher, dass es ein nächstes geben wird?

Farin: Nein, im Gegenteil. Das ist bei uns so wie bei Depeche Mode.

Bela: Als wir zur 13. Platte die eigene Plattenfirma gründeten (1998, Anm. d. Red.), sagten wir schon: "Okay, wir werden mehr als ein Album mit dieser Firma machen." Aber ansonsten war uns schon seit den 2000-ern bewusst, dass jedes Album das letzte sein könnte. Es ist eigentlich auch ganz gesund, mit so einer Einstellung heranzugehen, weil du dir dann noch mehr Mühe gibst, denn es könnte ja das Vermächtnis sein.

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teleschau: Wie nah waren Sie nach der "Auch"-Platte von 2012 dran, das Handtuch zu werfen?

Bela: Irgendwas lief damals schief in der Zusammenarbeit. In den darauffolgenden zwei Jahren, egal ob wir Promo machten, Videos drehten oder auf Tour waren, gab es immer irgendwelche Animositäten, es stand irgendetwas zwischen uns. So geheimnisvoll wir auch sind und so wenig wir Leute von außen teilhaben lassen an gewissen Insidern und auch an der Gefühlswelt in der Band, genauso wenig konnten wir unseren Unmut gegenseitig verstecken. Es musste herausgelassen werden. Und das waren wir vielleicht auch gar nicht so gewohnt. Das Album davor war die erfolgreichste Platte unserer Karriere mit aus meiner Sicht total positiven Reaktionen. Es ließ mich ratlos zurück, warum denn auf einmal eine solch düstere Stimmung beim Nachfolgealbum herrschte.

Farin: Die Chemie stimmte nicht. Manchmal ist es eben so, dass die Luft raus ist, deswegen hatten wir diese sehr lange Pause, die auch nicht als lange Pause geplant war, sondern eher etwas hatte von: Ja, wahrscheinlich war's das jetzt.

"Ich dachte nur: Haha, stimmt, trotzdem bist du ein Arsch"

teleschau: Wie viel Kontakt hatten Sie während dieser Pause noch untereinander?

Farin: Wir hatten eigentlich zwei Jahre Funkstille.

Bela: Anderthalb.

Farin; Aber es gab immer mal wieder kleine Kontaktaufnahmen. Von Bela kam mal eine SMS, in der stand: "Ich muss dir was schicken, denn es gibt gewisse Scherze, die kann ich nur mit dir teilen." Ich dachte nur: Haha, stimmt, trotzdem bist du ein Arsch. Es war so eine Dazwischen-Phase. Das Verhältnis zwischen Rod und mir ist da ganz anders. Wir sehen uns auch außerhalb der Band mal, wenn auch nicht so super oft. Wir wohnen nicht weit voneinander entfernt. Dann reden wir überhaupt nicht über Musik, auch nicht über Die Ärzte, sondern vielleicht über Motorräder.

"Es gibt wirklich die Todessehnsucht des Ärzte-Fans!"
"Es gibt wirklich die Todessehnsucht des Ärzte-Fans!"

Rod González: Meistens reden wir über Beatles.

Bela: Ganz schwieriges Thema! Ich glaube, ich geh mal raus.

Rod: So beginnen die Animositäten meistens (Gelächter).

teleschau: Ist der Song "Achtung: Bielefeld" vom neuen Album ein Plädoyer für mehr Müßiggang?

Bela: Momentan würde es der ganzen Welt guttun, innezuhalten und mal einen Gang herunterzuschalten. Und Langeweile vielleicht gar nicht als Langeweile, sondern als Geschenk zu empfinden, weil man sich erholen kann von gewissen Dingen. Deshalb war es mir auch so wichtig, die Mutter aus Aleppo, die sich nach Langeweile sehnt, im Song zu haben. Ich sehe auch in der Maske, die man ja trägt, um andere Menschen zu schützen, ein positives Symbol. Deshalb ärgert mich dieses Rumgejammer der sogenannten Hygiene-Kämpfer so maßlos.

"Früher liebte ich Verschwörungstheorien"

teleschau: Auf dem Album gibt es auch die Verschwörungsballade "Fexxo Cigol". Wie besorgniserregend finden Sie es, dass derzeit auch jede Menge Esoteriker bei den Rechten mitlaufen?

Farin: Es wird oft vergessen, dass die Nazis extreme Esoteriker waren. Abgesehen von dem ganzen Rassenscheiß glaubten die an Sachen, die nicht weit weg von Verschwörungstheorien liegen. Ich will nicht sagen, dass alle Esoteriker Rassisten und Faschisten sind, aber da gibt es offenbar mehr Berührungspunkte, als man annehmen möchte.

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Bela: Das Wort Schulmedizin wurde geprägt von den Nazis, um die vermeintlich jüdische Schulmedizin zugunsten von esoterischer Heilpraktik zu diskreditieren. Das haben die Nazis forciert. Und die Verschwörungstheorien, die sich ums Impfen drehen, finden direkt den Weg hinein in die rechten Ideologien.

Farin: Alle haben gemeinsam, dass sie in einer komplexen Welt, die sie völlig überfordert, die einfachste Antwort haben. Und dann sind sie auch noch froh, wenn sie diese einfache Antwort für sich alleine haben. Wenn ich dann ankomme und sage "Aber das ist doch gar nicht so", heißt es: "Du weißt es nur nicht. Ich habe esoterisches Wissen und einen Vorsprung vor dir." Das ist nicht unsere Welt.

Bela: Früher liebte ich Verschwörungstheorien. Ich las die Illuminaten als 18- oder 19-Jähriger, eine LSD-getränkte Quatschliteratur. Robert Anton Wilson, einer der Autoren, brachte später noch ein Lexikon über Verschwörungstheorien heraus, das ich jedem als Toilettenliteratur empfehle. Es gibt darin kurze Absätze über die abstrusesten Ideen. Ich bin selber Mitglied in zwei Phantasie-Sekten, Orchard und die Kirche des fliegenden Spaghetti-Monsters, und kann nur sagen, dass es manchmal schon Spaß macht und manchmal auch tröstlich ist, Gedankenspiele wie "was wäre, wenn" zuzulassen. Das ist aber sehr weit davon, plötzlich jegliche Logik abzulehnen.

"Pech gehabt, Hosen!"

teleschau: Wie politisch korrekt ist Ihr Song "Woodburger"?

Bela: Der Song geht plakativ mit dem Wort "schwul" um und ist alles andere als homophob oder politisch inkorrekt. Er ist höchstalbern. Also ich möchte den treffen, der sich dadurch beleidigt fühlt, das müsste mir dann schon jemand begründen. Ich finde, Farin ist extrem gut umgegangen mit dem Thema. Und ich finde cool, dass ein Musiker gesetzteren Alters am Ende noch mal "superschwul" ins Mikro säuselt. Als wir 2012 unsere letzte Platte machten, war die AfD noch kein Thema. Letztendlich ist es ein Song gegen rechtes Gedankengut.

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teleschau: Im Netz kursiert seit einiger Zeit das Video "Kinder reagieren auf Die Ärzte". Die ersten Töne von "Schrei nach Liebe" erklingen, und die Kids drehen im positiven Sinne durch und wissen sogar, dass das ein Song gegen Nazis ist. War Ihnen bewusst, dass Kinder so sehr auf Ihre Musik anspringen?

Farin: Auf meiner Webseite bekam ich gelegentlich Gästebucheinträge von LehrerInnen im Ausland. Die schrieben, dass unsere Songs grandios für den Deutschunterricht wären. Manchmal kommen dann auch Beweisvideos: Es gibt eine Schule in Namibia, da sangen die Schüler total begeistert einen Song vom Farin Urlaub Racing Team, nachdem sie gerade die Worte gelernt hatten. So etwas ist dann total schön. Ich glaube, dass unsere Musik genau so simpel ist, dass Kinder sie schon verstehen können, aber auch so komplex, dass sie, wenn sie älter werden, auch noch etwas haben, was sie entdecken können. Das hört dann nicht auf wie meinetwegen bei "Ein Männlein steht im Walde". Bei den Ärzten wachsen sie immer noch ein bisschen mit.

"Es gibt wirklich die Todessehnsucht des Ärzte-Fans!"
"Es gibt wirklich die Todessehnsucht des Ärzte-Fans!"

Bela: Es ist fast Standard, dass mich Menschen auf der Straße ansprechen und begeistert erzählen, sie hätten über unsere Musik deutsch gelernt. Das macht mich sehr stolz und bestätigt mir, dass unser fast penibler Umgang mit der deutschen Sprache all die Jahre Sinn gemacht hat.

teleschau: Abiturzeugnisse mit Bestnoten in Brandenburg zierte 2018 ein Zitat aus dem Ärzte-Song "Deine Schuld" von 2003. Hätten Sie sich je träumen lassen, von Lehrern einmal als pädagogisch wertvoll eingestuft zu werden?

Bela: Als wir in den 80-ern anfingen, gab es immer diese Grundsatzfrage: Tote Hosen oder Die Ärzte? Campino bezeichnete die Hosen damals tatsächlich mal in einem Punk-Fanzine als Terrace-Rockband, die gerne fürs Volk und für Fußballprolls in den Stadien spielen wollen. Bei uns war das anders: Es kamen viele Frauen, Oberschüler und Abiturienten. Die Akademiker von morgen hatten sich also für Die Ärzte entschieden, wenn sie sich denn überhaupt für eine der beiden Bands entscheiden wollten. Und diese Elite von Menschen schreibt heute Zeugnisse oder arbeitet bei den Medien. Pech gehabt, Hosen!

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