Gräueltaten jenseits der Vorstellungskraft: ZDF-Kriegsreporterin berichtet aus der Ukraine

ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf im Gespräch mit einem ukrainischen Soldaten: Die 60-jährige Journalistin ist für die Deutschen zu einem der Gesichter des Krieges geworden. Ihr 45 Minuten-Film "Ukraine zwischen Not und Mut - Notizen einer Kriegsreporterin" zeigt die Situation im Kriegsland während der ersten Wochen.
 (Bild: ZDF / Timo Bruhns)
ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf im Gespräch mit einem ukrainischen Soldaten: Die 60-jährige Journalistin ist für die Deutschen zu einem der Gesichter des Krieges geworden. Ihr 45 Minuten-Film "Ukraine zwischen Not und Mut - Notizen einer Kriegsreporterin" zeigt die Situation im Kriegsland während der ersten Wochen. (Bild: ZDF / Timo Bruhns)

Die ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf ist zu einem der deutschen Gesichter des Krieges in der Ukraine geworden. Von Kiew über Odessa bis Butscha - für ihre 45-Minuten-Reportage reiste die 60-Jährige in den ersten Kriegswochen durchs Land und brachte beeindruckende, aber auch verstörende Bilder mit.

Seit Kriegsbeginn sieht man im ZDF ihre Reportagen aus der Ukraine: Katrin Eigendorf, 60 Jahre alt, ist eine erfahrene Auslandsreporterin in Diensten des Senders. Auch wenn man einige ihrer Bilder, die im Film "Ukraine zwischen Not und Mut - Notizen einer Kriegsreporterin" (ab Mittwoch, 11. Mai, in der Mediathek oder um 0.45 Uhr im ZDF) schon in anderen Formaten gesehen haben mag - ihr surrealer Horrortrip durch einen Krieg voller Gräueltaten mitten in Europa verstört "auf Strecke" noch einmal anders als in Form kurzer Nachrichtenblöcke oder Interviewschalten mit der Reporterin.

Im Prinzip folgt der Film dem Verlauf des Krieges von seinem Ausbruch am 24. Februar, den Eigendorf westlich von Kiew in der Provinz erlebte, über eine Reise nach Odessa zurück nach Kiew und in die Vorstädte hinein, deren Namen wie Butscha mittlerweile weltweit bekannt sind. Vor allem die letzte Station des Films verstört: Eine geführte Journalistentour durch die ukrainische Armee, nichts anderes ist in der Region möglich, die zu Leichen in den Straßen, zu Massengräbern und durch zerschossene Straßen führt. Szenen wie aus in einem Katastrophenfilm mit besonders hohem Budget - aber leider Bilder einer grausamen Realität.

Dazwischen immer wieder Gespräche, die Eigendorf - lange Jahre in Russland arbeitend - sachlich, aber immer empathisch mit den Menschen führt. Zu Beginn erlebt sie ein Volk, das sich durch den Schock eines eigentlich unvorstellbaren russischen Angriffs auf das gesamte Land komplett geeint fühlt. Fast so, als wäre man ein zusammenhängender militärischer Körper. "Wir verteidigen jetzt ganz Europa gegen diesen Putin, gegen die Unterjochung, gegen diese Mörder. Und damit schützen wir auch Sie", sagt ein Passant mittleren Alters.

Eigendorf zeigt Männer, die eben noch Opernsänger oder Studenten waren und sich nun am Sturmgewehr ausbilden lassen. Derweil knüpfen Frauen Tarnnetze oder sortieren Lebensmittel und andere Hilfsgüter in Turnhallen. Andere wiederum stehen an Bahnhöfen und reichen Flüchtenden aus dem Osten des Landes Essen und Trinken in Züge hinein: "Hier, das ist Babynahrung, aber macht auch satt." - Mit diesen Worten bekommt ein Junge von einem Mann eine Gläschen-Konserve in die Bahn gereicht. Krieg ist neben vielen anderen Dinge eine große Improvisation, vor allem bei der leidenden Zivilbevölkerung - auch das zeigt Eigendorfs Reise.

Barrikaden in einer schönen Stadt: In Odessa bereiten sich Militär und Bevölkerung auf das Schlimmste vor. (Bild: 2022 Getty Images/Anastasia Vlasova)
Barrikaden in einer schönen Stadt: In Odessa bereiten sich Militär und Bevölkerung auf das Schlimmste vor. (Bild: 2022 Getty Images/Anastasia Vlasova)

Eben noch "The Voice of ..."-Teilnehmer, jetzt mit Sturmgewehr unterwegs

Etwas später fährt Eigendorf, die den Film mit Gert Anhalt als Autorenteam verantwortet, über von der Ukraine zurückerobertes, plattes Land. Bauern zeigen der Reporterin ihre von Panzern zerstörten kargen Häuser, die während eines Gefechts als Schutzschild dienten oder einem "Rangierunfall" zum Opfer fielen. Besonders verstörend: Ein Bauer fand auf seinem Grundstück einen toten russischen Soldaten, dem die Kameraden wohl über den Kopf gefahren waren. Ukrainer vor Ort begruben den Toten, aber nun zeigt der Bauer ein leeres Grab - denn zwischendurch war das Rote Kreuz da und hat den Mann wieder exhumiert. Dazu textet Eigendorf: "Was ist das für eine Armee, frage ich mich, die ihre Gefallenen zurücklässt wie den Müll, der bleibt, wenn sie längst vertrieben sind." Verständlich, wenn man angesichts solcher Erfahrungen auch mal wertende Gedanken "teilt".

Später ist Eigendorf dann in Odessa, der wunderschönen Stadt am Schwarzen Meer, die sich auf einen russischen Angriff vorbereitet. Hier erklärt die ZDF-Reporterin nebenbei, wie Kriegserfolg mit dem Zurückhalten von Informationen zu tun hat. Auch in Odessa gibt es eine Pressetour für Journalistinnen und Journalisten. Nur bestimmte Straßenzüge dürfen gezeigt werden, man will nicht zu viel über hier aufgebaute Verteidigungsstrukturen verraten. Straßenschilder wurden sämtlich mit Säcken überstülpt. Der Feind soll sich hier nicht zurechtfinden.

Ein lustiger Kerl mit libanesischen Wurzeln, gutaussehend, zeigt der Reporterin auf seinem Handy, wie er selbst - durchaus mit Stimme gesegnet - an der ukrainischen Version der Castingshow "The Voice of ..." teilnimmt. Nun hält er ein Sturmgewehr in der Hand, steht vor einer Wand aus Sandsäcken und erklärt: "In der Ukraine gab es früher immer Streit zwischen denen, die sich Russland näher fühlten, und denen, die eher nach Europa wollten. Das ist vorbei. Heute sind alle vereint, im Kampf um die Freiheit."

Ein Krieg der widersprüchlichen Bilder

Eigendorfs Reportage endet in Kiews Vororten, kurz nach dem Rückzug der Russen von dort. Die Bilder der Verwüstung, der Gräueltaten dort sind längst um die Welt gegangen. Fast surreal ist ein Bericht aus einem erst kurz vor dem Krieg hochgezogenen, schicken Neubauviertel. Hier hatten junge Familien gerade erst ihre begehrten Wohnungen bezogen, andere waren noch nicht mal ganz fertig, dort klebten noch Baustellenfolien. Wenige Wochen später ist der Zustand dieser Mustersiedlung im Speckgürtel Kiews ein anderer. Die Wohnungen geplündert und vermüllt von russischen Soldaten, die sich hier kurzzeitig "eingemietet" hatten. Dazwischen eine junge Frau, die nun versucht, in ihrer Wohnung alles wieder aufzuräumen. Von den Kriegsverbrechen, die hier und in den umliegenden Straßen stattfanden, möchte man nun zu so etwas wie Normalität zurückkehren.

Die letzten Szenen des intensiven Beitrags gehören einer jungen Deutschlehrerin, die - als die Russen kamen - von hier fliehen wollte. Zusammen mit ihrem Mann, im fünften Monat schwanger. Das Auto wurde beschossen, der Mann war sofort tot. Die 32-Jährige wurde schwer verletzt, das Baby verlor sie. Nun lernt sie wieder gehen, man hört sie viel lachen, mit den Therapeuten ihres Krankenhauses. Die Frau, obwohl sie das Schlimmste erlebt hat, strahlt in den Bildern Lebensfreude und Zuversicht aus. Auch das ein Bild des Krieges, den man wohl nur über eine Vielzahl oft widersprüchlicher Bilder verstehen kann. Katrin Eigendorf hat in ihrer sehenswerten Reportage einige davon gesammelt.

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