"Mein größtes Glück ist, dass ich immer ich sein darf"

Maximilian Haase
·Lesedauer: 10 Min.

Einmal im Jahr begibt sich Horst Lichter auf Pfade abseits seiner Trödelshow, um mit dem Motorrad das Glück zu suchen - diesmal entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Was er selbst mit der Wendezeit verbindet und wie er ganz persönlich sein Glück findet, verrät der Kultmoderator im Interview.

Sein Bart wurde schon prämiert, er war "Pfeifenraucher des Jahres" und erhielt erst kürzlich die Auszeichnung "Hutträger des Jahres". Die größten Erfolge feiert Horst Lichter allerdings mit seiner beliebten Trödelshow "Bares für Rares" - sowohl hinsichtlich der Preise, als auch mit Blick auf die durchweg grandiosen Einschaltquoten. Ohne den gemütlichen Ex-TV-Koch mit dem eigenwilligen Stil und rheinländischen Humor wäre das ZDF-Format kaum denkbar - und umgekehrt. Und doch zieht es den 58-Jährigen - inzwischen zur Kultfigur avanciert - bisweilen auf andere Pfade. Zumindest einmal im Jahr ist das wortwörtlich zu verstehen: "Horst Lichter sucht das Glück" (Freitag, 25. Dezember, 19.15 Uhr, im ZDF) heißt das Format, das in schöner Regelmäßigkeit am Jahresende nun schon in die vierte Runde geht. Nach unter anderem Südfrankreich und Norwegen reist der bekennende Oldtimer- und Motorradliebhaber in diesem Jahr auf seiner Maschine entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Was er dort erlebte, was er selbst mit Mauer und deutscher Teilung verbindet und was Glück für ihn persönlich bedeutet, verrät Horst Lichter im Interview.

teleschau: Auf Ihrer Reise entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze wollten sie herausfinden, ob das Glück an diese Orte der Trennung zurückgekehrt ist. Konnten Sie dieses Glück dort finden?

Horst Lichter: Ich weiß von meinen ganzen Reisen und durch das Studium, welches ich in meinem Leben gemacht hab', dass das Glück an jedem Ort dieser Welt sein kann. Nichtsdestotrotz suche ich es immer wieder auch an Orten, die vielleicht etwas ungewöhnlich scheinen, zum Beispiel auch an dem grünen Band. Und ich muss sagen, da gibt es genauso viel Glück und Unglück, Trauer und Liebe wie überall. Aber wenn man darauf angesprochen wird, sind die Menschen immer sehr überrascht und müssen meistens sogar erst überlegen. bevor sie antworten.

teleschau: Welche Erkenntnis über die deutsche Teilung überraschte Sie bei Ihren Gesprächen selbst nach drei Jahrzehnten noch - und auf welche Probleme stießen Sie?

Lichter: Fantastisch fand ich, dass alle jungen Menschen, mit denen ich gesprochen habe, nicht mehr unbedingt in einen Konflikt damit geraten. Zum Beispiel in einem Internat: Die Jugendlichen wussten über die Teilung und Wiedervereinigung Bescheid, aber sehen es als Geschichte an. Sie kennen das nur aus Erzählungen, da sie alle erst geboren wurden, als es nur noch ein Deutschland gab.

teleschau: Und bei der älteren Generation?

Lichter: Bei den Herrschaften in meinem Alter und älter besteht auf der einen Seite wahnsinnige Freude, aber da gibt es auf der anderen Seite auch Unsicherheit. Da gibt es wie immer Menschen, die sagen, die Veränderungen waren sehr gut und wichtig. Und andere Menschen, die sagen, es gab Dinge, die ich jetzt verloren habe. Aber der Grundsatz und der Tenor ganz zum Schluss, die Essenz aus all diesen Fragen ist: Wir sind froh, dass es jetzt ein vereinigtes Deutschland ist.

teleschau: Sie stammen aus dem Rheinland und wuchsen im äußersten Westen Deutschlands auf. Was verbanden Sie persönlich früher mit der Mauer und der DDR - und was später mit der Wiedervereinigung und den neuen Bundesländern?

Lichter: Ich bin tatsächlich hier im Rheinland großgeworden. Es war ab und an mal ein kurzes "Wieso?", ein Fünkchen was auftauchte, weil wieder jemand aus dem Dorf oder aus meiner Bekanntschaft erzählte, er habe Pakete nach "drüben" verschickt und, und, und. Wir waren Kinder, wir haben es zwar wahrgenommen, allerdings war es nicht unser Hauptinteressenspunkt. Man hat sich nur immer gefragt, warum da eine Mauer steht, warum gehört dieses Deutschland nicht zu uns oder wir nicht zu denen?

teleschau: Erinnern Sie sich noch daran, was Sie fühlten, als die Mauer fiel?

Lichter: Die Freude zum Mauerfall war riesig, denn die war ansteckend. Ansteckend von denen, die wirklich bewusst wahrgenommen haben, was passiert ist. Dass alles mitzuverfolgen war unglaublich, auch die ersten Menschen aus dem Osten kennenzulernen und zu merken, wie freudig und voller Erwartungen und glücklich sie auf einen zukamen. Mir tut es nur leid, dass doch etliche Menschen auch enttäuscht worden sind. Nicht überall, wo Sonne ist, ist es auch wirklich schön. Überall gibt es auch Schatten.

"Wir liegen aus Versehen im Trend"

teleschau: Die Suche nach dem Glück führt Sie im Film zu verschiedensten Personen und an unterschiedlichste Orte. - Gab es Begegnungen, die Ihnen ganz besonders in Erinnerung blieben?

Lichter: Ja, zwei ganz kurze Begegnungen: Es war einmal ein Schäfer, den ich fast nur aus der Ferne gesehen hab, worüber ich aber viel nachdenken musste. Und einmal ein Fischer, bei dem ich im Boot sitzen durfte, aber nicht viel Zeit zum Erzählen hatte, weil es ein Moment in der absoluten Ruhe war, des Nachdenkens, des Ankommens, des Daseins. Wo ich viele Fragen gehabt hätte, aber es nicht dazu kam, sie zu stellen. Die sind mir besonders in Erinnerung geblieben, weil ich gespannt gewesen wäre, auf das was sie mir erzählt hätten.

teleschau: Ihre Touren führten Sie etwa bereits durch Südfrankreich und Kroatien. - Geht man das Glück in Deutschland Ihrer Meinung nach anders an als im Süden?

teleschau: Ja, tatsächlich habe ich das Gefühl, dass in südlichen Ländern die Lebensmentalität eine ganz andere als bei uns im Westen oder im Norden ist. Je mehr man in den Norden kommt, verbringen die Menschen ihre Zeit mit Arbeiten, und ich habe das Gefühl, dass sie mehr Energie auf die Beschwerden verwenden als in das Bewusstsein, dass man eigentlich Glück hat, mit dem wo man gerade ist. Ich fand aber die Motorradtour durch Deutschland wunderbar, und ich würde gerne mehr noch mehr davon zeigen, mehr sehen, mehr erleben. Denn wir leben schon auch in einem der schönsten Länder der Erde, wie ich finde. Auch wenn hier nicht ständig die Sonne scheint oder ein blaues Meer von der Tür liegt.

teleschau: Wie suchen und finden Sie persönlich Ihr Glück, und hat Ihnen die Arbeit fürs Fernsehen dabei geholfen?

Lichter: Mein größtes Glück ist, dass ich immer ich sein darf. Ich muss mich im Fernsehen nicht verstellen, denn ich bin kein Schauspieler. Ich darf den Menschen das geben, was ich immer schon gerne gegeben habe von Kindheit an. Ich möchte, dass sie lachen, das sie sich gut unterhalten fühlen. Ich möchte zeigen, dass man auch gute Unterhaltung machen kann, ohne dass man irgendjemanden vorführt, verarscht oder veräppelt. Denn es muss nicht immer so sein. Mein persönliches Glück liegt darin, dass ich wirklich das gebe, was ich wirklich gerne hätte und das ist Freundlichkeit, Höflichkeit, Respekt und die persönliche Demut.

teleschau: Sie sind inzwischen eine sehr öffentliche Person. Haben Sie manchmal Sorge, durch den enormen Erfolg zu sehr als "der von 'Bares für Rares'" zu gelten?

Lichter: Also Sorge macht mir so was mit Sicherheit nicht. Sorge macht es nur, wenn man wirklich Sorgen hat. Wenn man mich auf "Bares für Rares" anspricht, und das passiert in der Tat ständig und ununterbrochen, ist das eher sehr nett, und wenn einem so was nicht gefällt, sollte man seinen Job ändern. Wir sind hier sicher alles Glückskinder, und ich bin eines der glücklichsten. Ich kann auch nicht verstehen, dass verschiedene Prominente nicht für ein Foto oder Autogramm zur Verfügung stehen, weil sie meinen sie hätten jetzt frei. All die Menschen, die in die Öffentlichkeit möchten oder einen Beruf machen, der ein Publikum bedarf, möchten doch irgendwann dahin. Wenn sie sich dann beschweren, sollten sie überdenken, ob ihr Ziel das richtige war.

teleschau: Formate wie "Bares für Rares" und "Horst Lichter sucht das Glück" gehen ja gegen den Trend zu mehr Aufregung, Effekt und Krawall. Ist das ein Erfolgsgeheimnis und vielleicht die Zukunft des Fernsehens?

Lichter: Ich war zumindest von diesen Formaten immer sehr überzeugt, genauso wie damals von "Lafer, Lichter, Lecker" oder von der "Küchenschlacht". "Horst Lichter sucht das Glück" ist eine indirekte Weiterführung der "Schnitzeljagd", ein Format, das ich beim WDR gemacht habe. Ich mag einfach dieses Ruhige, dieses Normale, bei dem ein Mensch auch mal miterleben kann. Und das ist nicht langweilig. Ich persönlich brauche nicht unbedingt eine Sendung oder einen Film, bei dem alle 20 Sekunden ein Szenenwechsel stattfindet, damit die Leute nicht vor Langeweile wegschalten. Ich glaube, gerade in der heutigen Zeit ist man mehr auf der Suche nach etwas Beständigem, etwas Ehrlichem, etwas Echtem, etwas mehr Ruhe, und ich glaube da liegen wir aus Versehen im Trend. Wir überlegen nicht, was wir machen könnten, damit wir anders sind als andere.

"Ich fand es einfach schick"

teleschau: Nach dem "Bart des Jahres" erhielten Sie kürzlich auch die Auszeichnung "Hutträger des Jahres". Pflegen Sie Ihren besonderen Stil oder kommt der "natürlich"? Werden Sie dahingehend beraten?

Lichter: Ich werde tatsächlich nicht beraten, das wäre Quatsch (lacht). Den Schnurrbart habe ich mir bereits mit 20 Jahren wachsen lassen. Da waren Fernsehauftritte für mich so weit weg wie zum Mond fliegen. Ich fand es einfach schick. Jeder findet irgendwann seinen Stil, bei mir war es die Bodybuilder-Zeit. Ich hatte dieses Bild im Kopf, von alten Jahrmarkt-Gewichthebern, die alle so einen Schnurrbart hatten.

teleschau: Und Ihr Hut?

Lichter: Der Hut ... Das liegt einfach daran, dass ich gerne Hut trage, und bei meiner Frisur ist ein Hut wirklich von Vorteil. Da ist nicht so wahnsinnig viel an Haaren, sodass ich mit einer Frisur auftrumpfen könnte. Aber ich bin auch nicht eitel genug, um zu sagen: Ich muss immer todschick aussehen. Wer mich privat kennt, weiß, dass ich den Schnurrbart dort tatsächlich offen trage, aber einen Hut habe ich privat immer an - außer in geschlossenen Räumen natürlich.

teleschau: Darf man sich den "echten" und privaten Horst Lichter - samt Humor, Begeisterungsfähigkeit und Sammelleidenschaft - eigentlich so vorstellen wie im Fernsehen?

Lichter: Jeder, der mich kennt und das seit Jahrzehnten, wie meine Freunde und Bekannten, weiß, dass ich so bin wie ich im Fernsehen bin. Ich hatte anfangs schon erwähnt, dass ich kein Schauspieler bin und Gott sei Dank keine Rolle spielen muss. Aber es gibt auch ruhige Momente, es gibt nachdenkliche Momente, weil ich glaube, wenn die fehlen würden, dann wäre es nicht möglich, humorvoll zu sein. Es gibt ein wunderbares Lied von einem Schauspieler, den ich sehr schätzte - Heinz Rühmann: "Der Clown, der Clown lässt niemand in sein Herz hineinschauen."

teleschau: Apropos: Wie geht eine Frohnatur wie Sie mit der Corona-Pandemie und dem Lockdown um?

Lichter: Die Frohnatur ist nicht verlorengegangen, trotz Corona. Und die wird auch niemals verloren gehen! Was ich wirklich vermisse, sind Berührungen, weil ich immer schon ein Mensch gewesen bin, der gerne die Hand gegeben hat, der gerne jemanden in den Arm nimmt, der gerne jemandem mit Berührungen gezeigt hat, dass ich diesen sehr schätze oder sehr mag. Das lerne ich jetzt tatsächlich anders zu zeigen, was auch nicht unbedingt verkehrt ist. Mir fehlt aber doch sehr die Nähe zu meiner Familie, zu meinen Freunden, die ich gerne in den Arm nehmen würde, um sie zu drücken, was ich immer gemacht hab. Ich habe sogar viele Jahre am Set auf der Arbeit fast jeden Morgen die Leute gedrückt und habe gesagt: "Komm her mein Junge, wie geht es dir?" Und das hat mir und ich glaube auch den Menschen sehr gut getan. Das war kein Egotrip.

teleschau: Wie haben Sie die letzten Monate verbracht?

Lichter: Ja, eigentlich wie immer in meinem Leben, hier und da nachdenklich und ansonsten sehr umtriebig, allerdings dieses Mal zu Hause. Ich habe viel auf- und herumgeräumt, habe viele Sachen wiederentdeckt, hatte mal wieder Zeit, etwas zu lesen, etwas zu machen und zu tun. Eines weiß ich: Wenn alle Menschen einigermaßen vernünftig sind, bekommen wir das alles wieder in den Griff.