Grünen-Politiker Nouripour bei "Markus Lanz": "Die Taliban haben jahrelang systematisch Todeslisten erarbeitet"

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Von spontanen Hinrichtungen und Massenexekutionen berichtete Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen. (Bild: ZDF)
Von spontanen Hinrichtungen und Massenexekutionen berichtete Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen. (Bild: ZDF)

In der ersten Sendung nach der Sommerpause war am Dienstagabend bei Markus Lanz Corona nur noch Randthema. Stattdessen diskutierte man über die Entwicklung in Afghanistan.

Für gerade einmal zwei Wochen hatte sich Markus Lanz in seine diesjährige Sommerpause verabschiedet. Am Dienstagabend meldete sich der ZDF-Talker nun zurück und hatte dafür Omid Nouripour, den außenpolitischen Sprecher der Grünen-Fraktion, Claudia Peppmüller von der Aktion "Friedensdorf International", den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil sowie die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx, ins Studio geladen. Während letztere davor warnte, bislang noch ungeimpfte Kinder und Familien nicht einer sogenannten "Durchseuchung" auszusetzen, war das vorherrschende Thema des Abends dann aber doch nicht Corona - sondern ein anderes.

"Es ging mit einem Schuss los"

Denn nach nur zwei Wochen Verschnaufpause gab es jede Menge Gesprächsbedarf. So standen die dramatischen Entwicklungen in Afghanistan und das, so Lanz, "beschämende Ende des deutschen, aber auch amerikanischen, westlichen Engagements", im Mittelpunkt der gestrigen Sendung. "Die Taliban haben jahrelang systematisch Todeslisten erarbeitet von denjenigen, die sie für Verräter halten", berichtete Omid Nouripour gleich zu Beginn der Sendung. Zwar hielten die Taliban derzeit wiederholt "weiche Pressekonferenzen" ab, in denen sie erklärten, die Bevölkerung schützen zu wollen, doch im Hintergrund stünden spontane Hinrichtungen und Massenexekutionen an der Tagesordnung, so der Grünen-Politiker.

Claudia Peppmüller von der Aktion
Claudia Peppmüller von der Aktion "Friedensdorf International" war erst vor zwei Wochen nach Kabul gereist. (Bild: ZDF)

Auch Claudia Peppmüller zeichnete ein erschreckendes Bild der Lage in Afghanistan. Erst am 9. August sei sie "frohen Mutes" für einen Hilfseinsatz nach Kabul gereist. Die afghanische Hauptstadt habe sich dann aber innerhalb eines Tages in eine Geisterstadt verwandelt. "Es ging mit einem Schuss am Sonntag los. Das wurde mir noch als geplatzter Reifen verkauft", erzählte die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation "Friedensdorf International", die vor wenigen Tagen durch eine Evakuierungsaktion der Bundeswehr wieder nach Deutschland gelangen konnte. "Wir hätten niemals erwartet, dass wir einen Regierungsumsturz in einer solchen Windeseile erleben", so Peppmüller. 

Nouripour: Machen uns "erpressbar"

Wie es dazu kommen konnte, dass sich sowohl die US-amerikanischen Truppen als auch die Bundeswehr zurückgezogen hätten, wollte Lanz von Omid Nouripour wissen. Grund hierfür sei, so der Sprecher für Außenpolitik der Grünen, dass man in den USA, aber auch in Deutschland, sich "ausschließlich der Innenpolitik" zugewandt habe. In den letzten Monaten sei die Botschaft der Amerikaner an Afghanistan gewesen: "Wir gehen, und ihr könnt es nicht selbst." Die Fehlerkette der letzten 20 Jahre sei "gewaltig", kritisierte Nouripour. Nachdem Trump jahrelang mit den Taliban verhandelt und sie damit gestärkt habe, habe Bidens vorschneller Rückzug Anfang Juli für einen "Zusammenbruch der Logistikketten" gesorgt.

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) räumte ein, es sei
Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) räumte ein, es sei "ein Fehler" gewesen, den Antrag der Grünen im Juni abzulehnen. (Bild: ZDF)

Auch die Frage, wer die Verantwortung für die derzeitige Krisensituation zu tragen habe, kam zur Sprache. Dass SPD und CDU bereits im Juni einen Antrag der Grünen, die Rettung von afghanischen Ortskräften zu beschleunigen, "aus Prinzip" abgelehnt hatten, sei "ein Fehler" gewesen, pflichtete der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) Markus Lanz bei. Omid Nouripour sah das Problem auch bei der ablehnenden Haltung der Deutschen gegenüber Flüchtenden. Noch wenige Tage vor dem Sieg der Taliban hätten zahlreiche Politikerinnen und Politiker über Abschiebungen gesprochen, so der im Iran geborene Politiker. Die Angst vor Flüchtlingsströmen mache uns "erpressbar", so Nouripour.

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