Grausame Tierversuche bei Hamburg: "Methoden aus dem 19. Jahrhundert"

Nach der Veröffentlichung heimlich aufgenommener Bilder aus einem Tierversuchslabor in Mienenbüttel bei Hamburg hat die Staatsanwaltschaft Stade Ermittlungen eingeleitet.

Ein Aktivist der Organisation SOKO Tierschutz hatte vier Monate lang als Tierpfleger verdeckt im Laboratory of Pharmacology and Toxicology (LPT) gearbeitet und dabei schwere Missstände im Umgang mit Versuchstieren aufgedeckt.

Während ein Großteil der Aufnahmen von der Öffentlichkeit als grausam empfunden werden, weist der Landkreis Harburg in einer Pressemitteilung darauf hin, dass nicht alle Videos und Bilder Rechtsverstöße dokumentieren.

Das bestätigt auch Friedrick Muelln, Rechercheleiter der Ermittlung in dem LPT-Labor und Tierversuchsexperte bei SOKO Tierschutz: "Tierversuche sind legalisierte Tierquälerei, was man im Tierversuch machen darf, würde einen in anderen Gesellschaftsbereichen ins Gefängnis führen. Wenn man das also mit seinem Hund oder seiner Katze macht."

SOKO Tierschutz hat Strafanzeige gegen das Labor erhoben und organisiert am kommenden Samstag eine Mahnwache, um die Schließung des Labors zu fordern. Während die Aktivisten die eingeleiteten Ermittlungen begrüßen, sehen sie die kontrollierenden Behörden auch in der Schuld.

"Es ist schon sonderbar, dass die Veterinärbehörde jetzt zu kleine Käfige erkennt, die dort wohl schon seit Jahren hängen. Besonders empörend finden wir, dass das völlige Fehlen von rechtlich vorgeschriebenem Beschäftigungsmaterial bei den Affen damit entschuldigt wird, dass die Tiere ja schließlich die Vorhängeschlösser der Käfige zum Spielen hätten. Das lässt an den Kompetenzen und Einstellungen der verantwortlichen Kontrolleure zweifeln", so Muelln.

Vier Monate Qualen

"Man schafft das nur mit einem dicken Schutzmantel und Gesprächen nach Feierabend mit den Aktivsten, es ist verdammt schwer zu ertragen", so der Undercover-Mitarbeiter der SOKO Tierschutz auf schriftliche Anfrage. Besonders schlimm sei es gewesen, vor Zwingern zu stehen, wo die Tiere in ihrem eigenen Blut lagen, er aber nichts tun konnte.

Seine Aufgabe war es, vier Monate lang Tiere zu füttern, Ställe und Käfige zu reinigen und die Tiere beispielsweise für EKGs oder Blutabnahmen zu halten, zu fixieren. Andere Laborangestellte seien völlig abgestumpft erzählt der Aktivist. "Den meisten Leuten scheint alles egal zu sein. Wenige wollen Dinge verbessern oder melden, können sich aber nicht durchsetzten."

Was ist die Alternative zu Tierversuchen?

Es gebe moderne Alternativen, meint Muelln. "Viele dieser Versuche kann man sofort ersetzen. Aber diese Methoden werden von der EU und auch von Deutschland abgewürgt." Hinter Tierversuchen stehe eine gigantische Lobby, da nicht nur mit dem Betrieb der Labore, sondern auch mit der Ausrüstung, der Logistik und der Züchtung der Tiere Geld verdient werde.

Dr. Rolf Hömke, Senior Referent Kommunikation Forschung und Medizin beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. (vfa ) sieht von seinem Standpunkt aus in absehbarer Zeit keine Alternative zur Entwicklung von neuen Medikamenten mit Tierversuchen. "Zwar können viele Fragen zu einem neuen Wirkstoff mit Bakterien, Zell- und Gewebekulturen einschließlich „Organs on a Chip“, isolierten Organen oder Reagenzglastests geklärt werden; diese werden deshalb umfassend eingesetzt. Jedoch treten manche Gefahren erst durch das Zusammenwirken der Organe im Gesamtorganismus auf; denn eine Zellkultur hat beispielsweise kein Immunsystem."

Tierversuche seien der einzige Weg, um möglichst viele Gefahren zu erkennen, ehe ein Medikament erstmals von Menschen eingenommen wird. "Die Tierversuche zu unterlassen, wäre deshalb verantwortungslos."

Aus diesem Grund sei auch ein großer Teil der Tierversuche gesetzlich vorgeschrieben; verbunden mit der Auflage, allen Bestimmungen zur Haltung und Versuchsdurchführung zu entsprechen, präzisiert Hömke.

Im Alltag gegen Tierversuche: Was hilft gegen Kopfschmerzen?

Wer sich um das Klima Sorgen macht, versucht, weniger Auto zu fahren oder Flugreisen zu unterlassen. Im täglichen Leben sicherzustellen, dass man Tierversuche nicht unterstützt, ist aber garnicht so einfach, erklärt Muelln. Ein Umdenken und eine bewusstere Einnahme von Medikamenten kann schon einen Unterschied machen. Beispielsweise könne man Generika neuen Medikamenten bevorzugen, da diese nicht mehr gestetet werden müssen.

Oft nehme man Medikamenten auch voreilig ein: "Wenn ich Kopfschmerzen habe, dann hilft auch mal n Tee, da muss man nicht immer das neuste Schmezmittel mit Zitronengeschmack nehmen, das unter Umständen wegen des Geschmacks an Tieren gestestet werden musste."

Schlusslicht Deutschland: Methoden aus dem 19. Jahrhundert

Deutschland ist nach Angaben der Tierschützer eines der EU-Länder, das am meisten Versuchstiere umbringt und am meisten Tierversuche durchführt. "Aber bei den Umsetzungen der EU-Regeln ist Deutschland auf dem gleichen Level wie gewisse Staaten in Osteuropa (...) das ist nicht nur peinlich, sondern hat auch direkte Folgen für Tiere und auch für Menschen, die sich ja auf diese schlechte Forschung verlassen müssen", erklärt Muelln.

"Es gibt von der EU ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland, weil wir das Schlusslicht beim Tierschutz in Sachen Tierversuche sind. Dieses System ist gefährlich, grausam und unzuverlässig bis zur Gefahr für den Menschen. Wir leben im 21. Jahrhundert, wir sollten nicht mehr mit Methoden aus dem 19. Jahrhundert arbeiten."

Ein Ende in Sicht?

Muelln ist seit mehr als 16 Jahren gegen Tierversuche aktiv, doch die Recherche stimmt den als Optimisten bekannten Muelln nicht gerade hoffnungsvoll. Teilweise sei es sogar schlimmer geworden. "Ich habe 2003 die erste Undercover-Recherche in Deutschland in einem Giftigkeitstestlabor gemacht, damals in Münster. Wenn ich jetzt die Szenen aus dem LPT in Hamburg sehe, man könnte Bilder nebeneinander legen, 16 Jahre Unterschied - die gleiche miserable Haltung der Tiere, kaum Unterschiede zu erkennen."

Auch die Industrie sei daran interessiert, Tierversuche einzuschränken - laut Hömke aus mehreren Gründen. "Tierversuche sind teuer. Schon deshalb sind die Pharma-Unternehmen unseres Verbandes daran interessiert, nicht mehr als nötig davon durchzuführen und die Tiere möglichst wenig Stress auszusetzen, damit nichts den Aussagewert der Experimente mindert. Deshalb gestalten die Unternehmen die Lebensbedingungen der Tiere auch so artgerecht wie möglich. Viele Ideen für Spielzeug und die Käfiggestaltung, die den Tieren zugutekommen, haben Tierpfleger aus der Industrie beigesteuert."

Eine Reihe tierfreier oder tiersparender Testmethoden warteten noch darauf, von den Behörden international als Ersatz für die bislang vorgeschriebenen Versuche akzeptiert zu werden. "Hier hoffen die Unternehmen auf raschen Fortschritt und Unterstützung von Tierschutzorganisationen", so Hömke.

Anmerkung: Die Recherche SOKO Tierschutz und Cruelty Free International wurde am Dienstag, 15.10.2019 in der Sendung ARD Fakt veröffentlicht.

Euronews hat das LPT-Labor für eine Stellungnahme kontaktiert, bis Redaktionsschluss aber keine Antwort erhalten.