Ein großer Nahost-Krieg treibt den Ölpreis auf 150 Dollar, warnt ein Ökonom – so hart würden schon 100 Dollar Deutschland treffen

Der Ölpreis steigt wieder Richtung 100 Dollar je Fass. - Copyright: imaginima/Getty Images
Der Ölpreis steigt wieder Richtung 100 Dollar je Fass. - Copyright: imaginima/Getty Images

Der Krieg zwischen Israel und der Hamas hat die Unsicherheit auf den Ölmarkt zurückgebracht. Zwar ist Israel kein wichtiger Ölproduzent. Doch die Furcht vor einem großen Nahost-Krieg lässt die Preise für Rohöl stark schwanken. Im Fall einer Ausweitung des Krieges könnte der Ölpreis auf 150 US-Dollar je Fass steigen, fürchtet Greg Daco, Chefökonom des Beratungsunternehmens EY (Ernst & Young). Für Deutschland wäre dies besonders bedrohlich. Selbst wenn der Rohölpreis nur auf 100 Dollar steigt, würde dies spürbar Wachstum kosten und die Inflation wieder anzeizen.

Aktuell kostet ein Barrel Rohöl (159 Liter) der für Deutschland maßgeblichen Nordseesorte Brent rund 85 Dollar. Ein Fass der Sorte WTI kostet etwa 90 Euro. Nach Russlands Überfall auf die Ukraine war der Ölpreis bis auf 130 Dollar gestiegen. Nach einem deutlichen Rückgang war er in diesem Herbst wieder gestiegen, weil Russland und Saudi-Arabien weniger Öl fördern. Nun kommt die Unsicherheit in Nahost dazu. Mehrere arabische Länder sind große Ölstaaten. Iran ist einer der wichtigsten Unterstützer der Terrorgruppen Hamas und Hisbollah. Sorgen gelten auch wichtigen Verkehrswegen wie der Straße von Hormus.

Bisher haben die Märkte zurückhaltend auf den Krieg zwischen Israel und der Hamas reagiert. EY-Ökonom Daco sieht drei Möglichkeiten, wie sich der Konflikt entwickeln könnte. Am schwerwiegendsten sei ein „unkontrolliertes Szenario“, so Daco, bei dem der Krieg so stark eskaliert, dass USA, der Iran oder beide direkt involviert werden könnten.

In einer solchen Situation dürfte der Ölpreis sofort um 50 Dollar pro Barrel ansteigen und Ende 2023 sogar 150 Dollar pro Barrel erreichen, warnte Daco. Öl wäre dann deutlich teurer als auf dem Höhepunkt der Preissteigerung nach Russlands Angriff auf die Ukraine. Auch die Marktvolatilität würde stark steigen. Im nächsten Jahr dürften sich die Auswirkungen dann wieder etwas abschwächen, so Daco.

Für die Weltwirtschaft würde dieses Szenario, selbst wenn es nur von kurzer Dauer wäre, schwere Folgen haben, warnt er. Dazu gehörten eine globale Rezession, ein Rückgang des weltweiten realen BIP-Wachstums um 1,4 Prozentpunkte und eine um zwei Billionen Dollar geringere Wertschöpfung.

Ölpreis: So viel Wachstum und Inflation kosten Deutschland 10 Dollar mehr

Deutschland, das beim Öl komplett auf Importe angewiesen ist, wäre besonders anfällig. Hier gilt schon ein Preis von 100 Dollar für die Sorte Brent als wichtige Preisschwelle. Laut Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, gilt folgende Faustformel: „Zehn Dollar mehr für ein Fass Öl erhöht das Preisniveau bei uns in Deutschland um etwa 0,3 Prozent". Die mindere die Kaufkraft und schwäche die Konjunktur „vielleicht mit einem weiteren Wachstumsverlust von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten", sagte er im wöchentlichen Podcast der Berenberg Bank.

Bisher liege der Ölpreis im Rahmen der üblichen Schwankungen. „Sollte der Ölpreis aber für längere Zeit auf über 100 ansteigen, dann müssten wir schon die Prognosen entsprechend anpassen." Die Folgen: „Für Deutschland hieße das wohl eine etwas tiefere und längere Winterrezession bei etwas höherer Inflation."

Schmieding spricht hier über einen Anstieg des Ölpreises um rund zehn Dollar auf 100 Dollar je Fass. EY-Chefvolkswirt Daco fürchtet für den Fall einer Eskalation des Krieges einen Anstieg um 60 Dollar auf 150 Dollar je Fass. Die Auswirkungen wären dann – rechnerisch – sechsmal so groß. Die Verwerfungen in der Wirtschaft durch die zusätzliche Unsicherheit und eine globale Rezession aber eher noch größer

Was machen EZB und Fed, wenn der Ölpreis steigt?

Auch die Finanzbedingungen würden sich verschärfen: Aktien könnten um bis zu 20 Prozent fallen. Der Wert des Dollars dürfte dagegen nochmals um 10 Prozent zulegen. Die US-Währung gilt als Zuflucht bei globalen Krisen. Weltweit würde ein derart hoher Ölpreis die Inflation um 1,5 Prozentpunkte anheizen „Dieses Szenario würde den Zentralbankern echte Kopfschmerzen bereiten", so Daco.

„Wenn der Konflikt den Ölpreis über längere Zeit deutlich in die Höhe treibt, wäre das natürlich ein neuer Aufwärtsschock für die Inflation“, sagte das niederländische EZB-Ratsmitglied Klaas Knot laut FAZ.

Das österreichische Ratsmitglied Robert Holzmann meinte, wenn jetzt „zusätzliche Schocks“ auf die Wirtschaft zukämen, seien weitere Zinserhöhungen nicht vom Tisch, dann seien vielmehr ein bis zwei Zinsschritte noch drin.

Daco sieht das anders: „Dennoch würden die Verschärfung der Finanzbedingungen und die globale Rezession die US-Fed, die Europäische Zentralbank und die Bank of England, wahrscheinlich veranlassen, die Geldpolitik Anfang 2024 schneller zu lockern“.

Dacos zweites Szenario geht von einem auf Israel und den Gaza-Streifen begrenzten Krieg aus. Die Folgen wäre ein leichter Anstieg der Ölpreise und einer nur kurzfristig höhere Volatilität. Im günstigsten Fall stiegen die Ölpreise nur um drei Dollar pro Barrel. Im dritten, moderaten Szenario, steigen die Ölpreise zunächst um sieben US-Dollar pro Barrel, bevor sie auf drei Dollar über der bisherigen Basisprognose zurückgehen.

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