Gutachter des Erzbistums Köln verwundert über Vorwurf der Verschleppung

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Kardinal Rainer Woelki 2017 bei einer Predigt in Israel

Der vom Erzbistum Köln mit der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals im größten deutschen Bistum beauftragte Strafrechtler Björn Gercke hat sich verwundert über die massive Kritik am dortigen Aufarbeitungsprozess gezeigt. In Köln sei das erste Gutachten unter allen deutschen Bistümern in Auftrag gegeben worden, das konkrete Pflichtverletzungen von Geistlichen und Verantwortungsträgern aufarbeite und diese auch namentlich benenne, sagte Gercke am Donnerstag in der Domstadt. Insofern "wundert es ein wenig, dass man sich mit dem Vorwurf der Verschleppung gerade das Bistum Köln zur Zielscheibe macht".

Gercke sagte, auf Grundlage der Aktenprüfung hätten sich 202 Beschuldigte ergeben und 314 Opfer sexuellen Missbrauchs. Von den mutmaßlichen Tätern seien 63 Prozent Kleriker gewesen - das heißt, 127 Priester machten sich im größten deutschen Bistum des Missbrauchs schuldig. Mehr als die Hälfte der Opfer seien Kinder im Alter unter 14 Jahren gewesen, ein mit 57 Prozent größerer Anteil der Opfer seien Jungen gewesen.

Gercke und seine Mitgutachterin Kerstin Stirner kritisierten scharf die Dokumentation im Erzbistum. Es habe "erhebliche Mängel" bei der Dokumentation gegeben, sagte Gercke. Teilweise seien Akten vernichtet worden. Stirner sagte, es habe sich ein Bild ergeben, "dass über viele Jahre von Chaos, subjektiver Unzuständigkeit und Missverständnissen" geprägt gewesen sei. Dies habe sich erst im Jahr 2015 mit der von Kardinal Rainer Maria Woelki eingerichteten Interventionsstelle geändert. In den Jahren davor war der verstorbene Kardinal Joachim Meisner verantwortlich.

Der Kölner Strafrechtler Gercke stellte sein seit Oktober erarbeitetes Gutachten zu der Frage vor, wo es im Zeitraum von 1975 bis 2018 im Erzbistum zu Fehlern beim Umgang mit Missbrauchstaten kam ist und wer hierfür die Verantwortung trägt. Mit Spannung wird erwartet, wen er als Verantwortliche benennt. In den vergangenen Wochen gab es Vertuschungsvorwürfe gegen Kardinal Woelki und den Hamburger Erzbischof Stefan Heße, der früher in Köln Personalverantwortlicher war.

Kardinal Woelki kannte die Ergebnisse des 800-seitigen Gutachtens nach den Worten eines Sprechers des Erzbistusms im Vorfeld der seit Donnerstagvormittag laufenden Vorstellung nicht. Woelki will das Gutachten nach der Veröffentlichung in den kommenden Tagen mit den Kölner Kirchengremien diskutieren und dann am kommenden Dienstag mögliche personelle Konsequenzen verkünden - im Raum stehen Beurlaubungen von Verantwortungsträgern, aber auch persönliche Konsequenzen Woelkis.

ran/cfm