"Ich habe stets versucht, eine bessere Katze zu sein"

Andreas Fischer
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"Ich habe stets versucht, eine bessere Katze zu sein"

R'n'B-Star Jason Derulo zeigt Krallen: In der Musical-Verfilmung "Cats" schnurrt sich der Sänger nach Hollywood und verrät im Interview, wie sehr er beim Blick in den Spiegel darunter litt.

Okay, Jason Derulo rückt ein frisch blondiertes Strähnchen ins rechte Licht. Aber ansonsten wirkt der 30-Jährige wie der nette Typ von nebenan. Starallüren? Fehlanzeige! Dabei ist der in Florida geborene US-Amerikaner mit haitianischen Wurzeln seit mehr als zehn Jahren als Sänger, Tänzer und Songwriter enorm erfolgreich, hat weltweit fast 60 Millionen Tonträger verkauft. Natürlich ist Jason Derulo ein Star. Wenn er aber über seine erste Filmrolle spricht, wirkt er demütig. In Tom Hoopers Musical-Verfilmung "Cats" (Kinostart: 25. Dezember) spielt er, am Computer um Fell und Schnurrhaare ergänzt, eine Draufgänger-Katze: Rum Tum Tugger liebt es, im Mittelpunkt zu stehen. Ganz anders Derulo: Fast schon bescheiden kommt er in Berlin zum Interview an den Tisch und plaudert locker und gelöst über sein Hollywood-Debüt - und offenbart dann doch ein paar haarige Eitelkeiten.

teleschau: Als Sänger, Tänzer, Songwriter müssten die Dreharbeiten für "Cats" für Sie doch ein Klacks gewesen sein, oder?

Jason Derulo: Nicht wirklich. Zum einen ist eine ganz andere Körperlichkeit gefordert: Man muss den ganzen Tag dieselben Bewegungen machen. Das ist schon etwas anderes, als nur ein paar Stunden zu tanzen. Die größte Herausforderung aber war, dass ich mir meinen Bart abrasieren musste.

teleschau: War das wirklich so schlimm?

Derulo: Ich liebe meinen Bart! Ja, es war schlimm. Mein Bart macht mich zum Mann, ohne ihn fühle ich wie ein kleiner Junge.

teleschau: Das scheint Sie ja wirklich getroffen zu haben.

Derulo: Hat es auch. Die Leute ließen auch nicht mit sich reden, obwohl ich nett gefragt habe, ob es denn eine Möglichkeit gäbe, dass ich mich nicht ständig rasieren musste. Nicht mal den kleinsten Bartschatten durfte ich mir erlauben, weil es sonst wohl Probleme mit der CGI-Technik gegeben hätte. Die haben noch die kleinsten Bartstoppel entdeckt!

teleschau: Das muss ja echt schlimm gewesen sein ...

Derulo: Dabei bin ich eigentlich ziemlich dankbar für mein Leben. Ich bin jetzt 30, und wenn ich morgens aufwache, kann ich mich an kleinen Dingen erfreuen.

"Ich habe mich nie jünger gefühlt"

teleschau: Hängt das mit Ihrem schweren Probenunfall zusammen, bei dem Sie sich vor einigen Jahren die Halswirbelsäule brachen?

Derulo: Von einer Nahtoderfahrung zurückzukommen und wieder all diese akrobatischen Sachen zu können wie in "Cats", ist einfach unglaublich. Es erinnert mich daran, wie verrückt und großartig das Leben doch ist, aber auch wie kostbar und zerbrechlich. Da kommen wieder die kleinen Dinge ins Spiel, an denen ich mich erfreue. Wir alle tendieren dazu, uns viel zu viele Gedanken über Unwichtiges zu machen. Aber neue Autos und schicke Klamotten machen uns nicht wirklich glücklich.

teleschau: Sie erwähnten gerade Ihr Alter: Hat sich Ihre Lebenseinstellung grundlegend geändert, als Sie vor ein paar Wochen 30 wurden?

Derulo: Ich habe mich nie jünger gefühlt. Es gab schon Zeiten in meinem Leben, an denen ich ernsthaft über Kinder und Familie nachgedacht habe. Aber jetzt, fünf Jahre später, bin ich mental weiter davon entfernt als je zuvor. Obwohl ich glaube, dass ich lebensweiser geworden bin - und meine Erfahrungen und mein Wissen besser teilen kann.

teleschau: Wo wir gerade beim Wissen sind: Sie wurden zur Vorbereitung auf "Cats" in eine Art Katzenschule gesteckt. Was war Ihr Lieblingsfach?

Derulo: Es gab eigentlich nur ein Fach: Katzen. Alle Darsteller wurden von einem Coach in die Geheimnisse und Verhaltensweisen der Katzen eingeweiht. Das hat uns ziemlich geholfen, um uns dann vor der Kamera auch wie Katzen benehmen zu können.

teleschau: Und dann mussten Sie alle auch noch singen! Sie verdienen damit ja Ihren Lebensunterhalt: Wer von den Schauspielern, die keine professionellen Musiker sind, hat Sie am meisten beeindruckt?

Derulo: Das war definitiv James Corden. Wobei er natürlich einen entsprechenden Hintergrund hat, nur wissen die meisten Leute nicht, das James früher in Musicals gesungen hat.

teleschau: Immerhin macht Corden bei seinem "Carpool Karaoke" keine schlechte Figur ...

Derulo: Stimmt. Und das ist sehr lustig. Ich war nach Adele der zweite Gast in seinem Auto. Und wahrscheinlich der lustigste (lacht).

"Ich habe stets versucht, eine bessere Katze zu sein"

teleschau: Warum haben Sie sich ausgerechnet "Cats" als Ihr Hollywood-Debüt ausgesucht?

Derulo: Ich habe wirklich lange darüber nachgedacht, in welchem Film ich meine ersten Schritte in Hollywood machen wollte. Für mich war das sehr wichtig, weil ich auf dem College Schauspiel studiert habe, also Schauspieler bin. Man wird aber schnell in eine Schublade gesteckt, wenn man als Sänger plötzlich in einem Film auftaucht. Die Leute glauben, man macht da nur mit, weil man schon berühmt ist. Das wollte ich vermeiden. Dafür erschien mir die Rolle perfekt: Sie ist nicht zu groß und hat etwas mit Musik zu tun. Bei meinem nächsten Projekt wird das anders sein.

teleschau: Hat es Sie nicht gestört, dass der Film zum größten Teil am Computer entstand?

Derulo: Okay, wir wurden in Motion-Capture-Anzüge gesteckt, und ich musste mich ständig selbst daran erinnern, dass ich im fertigen Film Ohren auf dem Kopf und einem Schwanz mit eigenem Willen haben werde. Aber ansonsten war das gar nicht so schlimm: Wir drehten die meisten Szenen in echten Kulissen.

teleschau: Die Reaktionen auf den ersten Trailer des Films waren nicht gerade Jubelstürme: Wie gehen Sie mit der teilweise harschen Kritik um?

Derulo: Als ich selbst zum ersten Mal den Trailer sah, hat es mich umgehauen. Ich fand es unglaublich, wie gut die Katzen aussahen. Als ich von dem Shitstorm hörte, konnte ich es erst gar nicht glauben. Aber dann dachte ich mir: "Cats" polarisiert halt. Das war beim Musical schon so, und das wird auch beim Film so sein. Wenn man etwas - wie die menschlichen CGI-Katzen - zum ersten Mal sieht, fühlt man sich als Zuschauer vielleicht überfordert.

teleschau: Wie viel Katze steckte bei den Dreharbeiten in Ihnen?

Derulo: Ich habe, wie alle anderen Darsteller auch, stets versucht, eine bessere Katze zu sein. Aber das finde ich normal: Man versucht ja immer, besser in dem zu werden, was man gerade tut. Wobei ich das bei einer Szene nicht so appetitlich fand: Da musste ich nämlich eine Truthahnkeule essen - und zwar wörtlich. So viel Fleisch wie an diesem Tag hatte ich noch nie in meinem Leben.

teleschau: Was mögen sie denn an Ihrer Figur, dem Draufgänger Rum Tum Tugger?

Derulo: Der Typ kann sich einfach nicht entscheiden, was er in seinem Leben wirklich will: Einerseits mag ich es, sich alle Optionen offenzuhalten. Anderseits glaube ich auch, dass man dadurch den Blick fürs Wesentliche verliert.