„Haben Sie etwas Respekt” - Anne Will weist AfD-Mann Meuthen zurecht

Mila Lemke
Freie Autorin
Bei Anne Will diskutierten (von links): Martin Knobbe (Spiegel), Manfred Weber (CSU), Ska Keller (Grüne), Anne Will (ARD), Katharina Barley (SPD) und Jörg Meuthen (AfD) Foto: Screenshot ARD

Eigentlich sollte es an diesem Sonntagabend um Umweltschutz gehen bei Anne Will. Doch dann überschlugen sich seit Freitag die Ereignisse. In Österreich ist die Regierung aus konservativer ÖVP und rechter FPÖ am Ende.

Hintergrund: Spiegel und Süddeutsche Zeitung hatten ein Video veröffentlicht, in dem Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) und sein Vertrauter Johann Gudenus einer vermeintlichen russischen Oligarchin Staatsaufträge anboten. Im Gegenzug für politische Unterstützung. Strache sagt außerdem, er wolle eine Medienlandschaft ähnlich wie in Ungarn aufbauen. So warb er bei der Russin dafür, das Boulevardblatt „Kronenzeitung” zu kaufen.

Es war also naheliegend, dass Anne Will kurzfristig das ursprünglich geplante Thema „Klimaschutz” strich und stattdessen fragte: „Neuwahlen in Österreich – Dämpfer für die Europäische Rechte?” Eine überflüssige Frage. Denn beantworten lässt sich diese erst kommenden Sonntag. Nach der Europawahl wissen wir, ob Straches Geisterfahrt andere rechte Parteien ausbremsen und gar entgleisen lässt. So blieb mal wieder nur der Blick in die Glaskugel.

Diesen Blick wagten:

„Spiegel”-Reporter Martin Knobbe

Manfred Weber CSU-Spitzenkandidat für die Europawahl

Katarina Barley, Bundesjustizministerin und SPD-Spitzenkandidatin für die Europawahl

Ska Keller, Grünen-Spitzenkandidatin für die Europawahl

Jörg Meuthen, AfD-Parteivorsitzender und Spitzenkandidat für die Europawahl

Vertreter von FDP und Linkspartei, also von jenen zwei Parteien, die ebenfalls im Bundestag vertreten sind, waren nicht eingeladen.

CSU-Mann Weber: “Rechte sind keine Patrioten.”

Gleich zu Beginn schaltete CSU-Mann Weber, normalerweise für sanfte Töne bekannt, auf Frontalangriff. Mit Blick auf die FPÖ sprach er von „widerlichem Verhalten” und fügte hinzu: „Diese Leute bezeichnen sich als Patrioten, aber letztlich verkaufen sie ihr Land.” Dass er damit nicht nur die österreichische Rechte meinte, machte Weber anschließend klar. In Richtung von AFD-Chef Meuthen erklärte er: „Ihre Bewegung ist käuflich, nicht patriotisch.”

Meuthen wies das erwartungsgemäß zurück. Für ihn seien das Verfehlungen einzelner Politiker. „Distanzieren muss man sich von den beiden Herren; Strache und Gudenus haben ein kapitales Fehlverhalten an den Tag gelegt, aber die FPÖ insgesamt ist nicht beschädigt”, sagte Meuthen. Er sehe die Glaubwürdigkeit nicht erschüttert, weder die der FPÖ, noch der AFD. „Das ist ein singulärer Vorgang”, so Meuthen. Eine gewagte These.

Denn die AfD in Deutschland hat derzeit selbst ein Problem mit Parteispenden ungeklärter Herkunft. Die Bundestagsverwaltung verlangt deshalb von der Partei eine 400.000-Euro-Strafe. Die AfD klagt dagegen, weigert sich aber bis heute die Namen ihrer Spender offenzulegen.

Bei Anne Will verteidigte Meuthen die FPÖ. „Ich habe Bedenken, eine ganze Partei in Sippenhaftung zu nehmen, man kritisiert ja auch nicht die gesamte SPD, weil ein Edathy durchgedreht ist. Sebastian Edathy war sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter, bevor Nacktfotos von Minderjährigen auf seinem Computer seine Karriere beendeten.

Damit war der Ton gesetzt und Anne Will verstand es trefflich, den Streit anzuheizen. So fragte sie SPD-Ministerin Barley nach deren österreichischen Schwesterpartei SPÖ. Die koaliere im Bundesland Burgenland mit der rechten FPÖ. Nun hätte Barley antworten können, dass sie nicht verantwortlich ist für die Sozis anderer Staaten. Stattdessen sagte sie müde: „Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen, es sind immer schwarze Schafe dabei.”

Anschließend knöpfte sich Will Weber vor. Seine Europäische Volkspartei (EVP) habe doch jahrelang mit Straches Vorbild Viktor Orban, dem autokratischen ungarischen Ministerpräsidenten, zusammengearbeitet. Weber keilte zurück: „Wir haben keinen Nachholbedarf, wir haben Orbans rechte Fidesz-Partei aus der EVP ausgeschlossen. Das stimmt. Allerdings erst nach Jahren, als Orban eine Kampagne gegen EU-Kommissionspräsident Juncker gestartet hatte. Zuvor hatte Webers CSU Herrn Orban regelmäßig auf die Parteitage eingeladen.

AfD-Chef bezeichnet Grünen-Wähler als “Verstrahlte”

Die Grünen-Abgeordnete Ska Keller gab sich dagegen abgeklärt. Sie sei vom Skandalvideo nicht überrascht gewesen. Das eigentliche Problem sei jedoch, dass Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz die FPÖ erst hoffähig gemacht habe. Dann sagte Keller, was Grüne immer sagen: „Die Demokraten müssen sich klar abgrenzen von rechtsnationalen Parteien in Europa”, außerdem solle man „klare Beschlüsse treffen” und „konkrete Dinge tun”, beispielsweise eine Digitalsteuer einführen. Was eine Besteuerung von Amazon, Google & Co mit Straches Avancen Richtung Russland zu tun hat, bleibt Kellers Geheimnis.

Anne Will jedenfalls, war offenbar immer noch auf Krawall gebürstet. Sie fuhr der Grünen in die Parade: „Frau Keller ich habe das Gefühl, Sie wissen nicht was Sie tun müssen.” Eine nicht völlig von der Hand zu weisende Vermutung. Doch bevor Keller antworten konnte, schaltete sich Meuthen ein und erklärte süffisant: „Es ist immer gut, Frau Keller lange reden lassen, davon profitieren wir.” Aber es gebe eben immer ein paar „Verstrahlte”, die die Ideen der Grünen gut finden, motzte Meuthen. Nun platzte Moderatorin Will endgültig der Kragen. „Was soll das Herr Meuthen? Bitte haben Sie etwas Respekt”, sagte sie ungewohnt harsch. Vielleicht auch deshalb, weil Meuthen zuvor die ARD harsch kritisiert hatte.

Meuthen: ARD und ZDF sind “faul bis ins Mark”

Der AfD-Politiker behauptete: „Das öffentlich-rechtliche System ist faul bis ins Mark.” So würde Anne Will die Grünen öfter einladen als AfD-Politiker. Später schoss Meuthen gegen „Spiegel”-Reporter Martin Knobbe: „Seit dem Fall Claas Relotius habe ich Zweifel an der Verifizierung beim Spiegel. Dass weder Strache, noch sein Parteifreund Gudenus die Echtheit des Videos angezweifelt haben, der Vergleich folglich hinkt, störte Meuthen nicht.

Journalist Knobbe versuchte, Gerüchten entgegenzutreten, „Spiegel” und „Süddeutsche” hätten das zwei Jahre alte Video erst jetzt veröffentlicht, um kurz vor der Europawahl den rechten Parteien zu schaden. Knobbe sagte: „Wir haben vor einigen Monaten von diesem Treffen auf Ibiza erfahren. Anschließend habe man die Echtheit des Videos von zwei externen Gutachtern prüfen lassen. Erst nach deren Bestätigung habe man die brisanten Sequenzen publiziert.

Fazit der Veranstaltung. Ein Talk der Kategorie: Unterhaltsam aber inhaltsarm.