Wenn ihr einen Handwerker braucht, müsst ihr euch auf noch längere Wartezeiten und höhere Preise einstellen, sagt ihr Präsident

Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), aufgenommen bei einem Interview mit der dpa Deutschen Presse-Agentur. - Copyright: Picture Alliance
Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), aufgenommen bei einem Interview mit der dpa Deutschen Presse-Agentur. - Copyright: Picture Alliance

Wer aktuell einen Handwerker braucht, steht vor einem doppelten Problem: Erstens ist es oft gar nicht so leicht, überhaupt einen zu finden, gerade für kleinere Arbeiten. Zweitens sind die Preise für viele Gewerke stark gestiegen. Und Entlastung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil müsst ihr euch auf noch längere Wartezeiten und noch höhere Preise einstelle. Das hat der neue Handwerkspräsident Jörg Dittrich der Deutschen Presse-Agentur gesagt. Als Gründe nennt er drei Probleme, die die gesamte Wirtschaft derzeit stark beschäftigen: gestiegene Energiepreise, steigende Löhne und Abgaben und vor allem der dramatische Mangel an Arbeitskräften.

Der Fachkräftemangel gelange in einen kritischen Bereich, wenn jetzt die Babyboomer-Jahrgänge in Rente gehen. „Die Gefahr besteht, dass dann im Handwerk bestimmte Dienstleistungen nicht mehr angeboten werden können“, sagt Dittrich. „Wir müssen unbedingt und durch gemeinsame Kraftanstrengung von Politik und Handwerk verhindern, dass diese Situation eintritt.“

Der 53-Jährige ist seit Mitte Dezember neuer Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Dittrich führt in Dresden einen Dachdeckerbetrieb in vierter Generation und ist der erste Ostdeutsche an der Spitze eines der vier Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft.

„Die Handwerksleistung steht unter einem großem Preisdruck“, sagte er. Löhne, Energiepreise und Sozialversicherungsbeiträge seien gestiegen. Auch gestiegene Materialpreise würden die Kosten treiben. „Die Handwerksleistung wird teurer, weil viele Dinge teurer geworden sind und nicht, weil die Betriebe darauf Lust haben“, sagte Dittrich. „Mich treibt die Sorge um, dass die Handwerksleistung für Kundinnen und Kunden unbezahlbar wird. Das darf nicht sein.“

Hohe Abgaben machen Schwarzarbeit attraktiver

Der Handwerkspräsident rechnet zudem damit, dass wegen der steigenden Preise die Schwarzarbeit zunimmt. „Deswegen muss die Arbeitsleistung entlastet werden, weil der Unterschied zwischen dem Nettoverdienst und dem Stundenverrechnungssatz mit Mehrwertsteuer immer größer wird“, forderte er. Das Handwerk sei personal- und damit lohnintensiv. Deshalb müsse die Bundesregierung, den Faktor Arbeit von Kosten entlasten und die sozialen Sicherungssysteme und ihre Finanzierung grundlegend zu reformieren. Die Wettbewerbsfähigkeit lohnintensiver Betriebe hänge davon ab, dass die Lohnzusatzkosten nicht aus dem Ruder liefen. „Genau das passiert aber gerade.“

An allererster Stelle für das deutsche Handwerk stehe die Fachkräftesicherung, sagte Dittrich. „Das überlagert alle anderen Themen, weil davon letztlich abhängt, ob wir die großen Transformationsthemen, etwa beim Klimaschutz, überhaupt zu stemmen in der Lage sein werden.“

Berufe im Handwerk seien anspruchsvoller, Produkte und Dienstleistungen komplexer geworden. An Berufen wie einem Elektroniker für Gebäudesysteme könne man erkennen, dass es im Handwerk nicht um Hilfstätigkeiten oder Schubkarre fahren gehe. „Wir brauchen vielmehr extrem gute Leute, die schon mit guten Grundkenntnissen und -fertigkeiten aus der Schule kommen, und die sich dann weiterentwickeln können.“ Das bedeute aber nicht, dass jeder Abitur haben müsse, der im Handwerk arbeitet. Im Handwerk suchen viele Betriebe händeringend Auszubildende.

„Die Anzahl der Schulabgänger geht zurück und dadurch erhöht sich nicht nur im Handwerk, sondern in allen Wirtschaftsbereichen der Druck, auch denen Chancen zu geben, die bisher eher weniger eine Chance hatten.“, sagte Dittrich. Menschen mit keinem oder einem schlechten Schulabschluss müssten, wo immer möglich in eine Ausbildung gebracht werden. Es müssten mehr Frauen erwerbstätig und mehr Langzeitarbeitslose befähigt werden, wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

„Bildungswende“ soll handwerkliche Ausbildung aufwerten

Notwendig sei außerdem eine „Bildungswende“ mit mehr Wertschätzung der beruflichen Bildung. „Akademiker wie Berufspraktiker sind gleichermaßen wichtig für die Modernisierung und die Transformation unseres Landes.“ Berufliche und akademische Bildung müssten auch finanziell gleichwertig behandelt werden.

Ein wichtiger Baustein gegen den Fachkräftemangel werde mehr Zuwanderung aus dem Ausland sein. Auch Innovationen seien wichtig. „Wenn es zu wenige Menschen gibt: Wieso nutzen wir nicht die Innovationskraft, die im Handwerk selbst steckt, und machen uns die technischen Möglichkeiten noch mehr zunutze? Wir entwickeln zum Beispiel gerade in Kooperation mit einer Hochschule einen Dachroboter.“

Dittrich räumte ein: „Sicherlich sind im Handwerk die Substitutionsmöglichkeiten durch Technologie geringer als in vielen anderen Wirtschaftsbereichen.“ An vielen Stellen werde auch die beste Technologie das handwerkliche Können nicht ersetzen können. „Aber wir können durch stärkeren Einsatz von Technik Arbeiten körperlich erleichtern, wie beispielsweise Fliesen in die fünfte Etage eines Mietshauses zu tragen.“

Dieser Artikel wurde am 24.01.2023 aktualisiert und erschien erstmalig am 23.01.2023.