Harald Lesch wettert gegen Verschwörungstheoretiker: "Sind bereit, große intellektuelle Opfer zu bringen"

teleschau
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"Der Hass, der sich Bahn bricht, muss uns alle beunruhigen": Harald Lesch widmete die neue Ausgabe seines ZDF-Wissenschaftsmagazins "Leschs Kosmos" der Hochkonjunktur der Verschwörungstheorie. Der Astrophysiker hält solche Mythen für "keine Petitesse".

Harald Lesch wettert gegen Verschwörungstheoretiker: "Sind bereit, große intellektuelle Opfer zu bringen"
Harald Lesch wettert gegen Verschwörungstheoretiker: "Sind bereit, große intellektuelle Opfer zu bringen"

So weit ist es schon gekommen, dass der ZDF-Professor im Rahmen eines Wissenschaftsmagazin eine ganze Sendung über Wissenschaftsfeindlichkeit bestreitet. Paradox! Aber auch leidlich zeitgemäß: "Es gibt inzwischen so viele Verschwörungsmythen, dass man den Überblick verliert", warf der in München lehrende Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch bei der Anmoderation am späten Dienstagabend die Stirn in Sorgenfalten.

Harald Lesch wettert gegen Verschwörungstheoretiker: "Sind bereit, große intellektuelle Opfer zu bringen"
Harald Lesch wettert gegen Verschwörungstheoretiker: "Sind bereit, große intellektuelle Opfer zu bringen"

So war die 30-minütige aktuelle "Leschs Kosmos"-Ausgabe im ZDF einerseits der Versuch einen Überblick zu schaffen, angefangen beim Antisemitismus zur Hoch-Zeit der Pest im Mittelalter über die angeblich gefakte Mondlandung ("Ein Fake wäre den sowjetischen Geheimdiensten niemals entgangen, und sie hätten ihn sofort enthüllt!") bis zur Coronakrise dieser pandemiegeplagten Tage. Letzteres sei der "perfekte Nährboden für Misstrauen", wie es in der Sendung hieß. Andererseits ging es aber auch um die durchaus spannende Frage nach dem Warum.

Harald Lesch fragt: "Woher kommt das Misstrauen?"

"Woher kommt das Misstrauen?", fragte Professor Lesch rhetorisch und gab die Antwort selbst: "Offenbar aus der völligen Unkenntnis der tatsächlichen Vorgänge. Man weiß nichts oder hat sich nicht genügend informiert und nimmt stattdessen das einfache Bild einer Verschwörung, das jedes weitere Nachdenken oder Differenzieren unnötig macht."

Harald Lesch wettert gegen Verschwörungstheoretiker: "Sind bereit, große intellektuelle Opfer zu bringen"
Harald Lesch wettert gegen Verschwörungstheoretiker: "Sind bereit, große intellektuelle Opfer zu bringen"

Für Harald Lesch sind die dahinter liegenden Ursachen vor allem psychischer Natur. Die Coronakrise löse bei Menschen Angst aus, erläuterte der Wissenschaftler. "Eine Strategie dagegen: die Leugnung des Risikos. In der Folge nehmen Betroffene nur Meldungen wahr, die diese Leugnung plausibel machen." - "Confirmation Bias", zu Deutsch: Bestätigungsfehler, lautet der Fachbegriff für diesen Selbstbetrug zugunsten gefühlter Sicherheit in Krisenzeiten.

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Blöd nur, wenn es dazu führt, dass Menschen trotz wissenschaftlicher Warnung das die Schleimhäute verätzende Bleichmittel MMS als Hausmittel gegen Covid-19 einnehmen.

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"Die Quacksalber machen sich die Unsicherheit der Gutgläubigen zunutze", wetterte Lesch. Eine Methode "perfekt für die, die vor der Komplexität der vernetzten Wirklichkeit schon fast kapituliert haben. Für sie ist eine einfache Verschwörung, die alles erklärt, ein Patentmittel - das Mittel der Wahl."

"Die Corona-Verschwörung hat die Chemtrail-Verschwörung abgelöst"

Viel Zeit wurde in der "Leschs Kosmos"-Folge auf das Verschwörungs-Phänomen "Chemtrails" verwandt - also den Irrglauben, die Regierungen würden über Flugzeugabgase Chemikalien auf die Menschen regnen lassen, auf dass man sie besser kontrollieren könne. Dabei ist selbst für Laien leicht verständlich, wie Flugzeugkondensstreifen am Himmel je nach Außenlufttemperatur entstehen oder eben nicht.

Harald Lesch wettert gegen Verschwörungstheoretiker: "Sind bereit, große intellektuelle Opfer zu bringen"
Harald Lesch wettert gegen Verschwörungstheoretiker: "Sind bereit, große intellektuelle Opfer zu bringen"

Lesch stellte hierzu fest: "Die Corona-Verschwörung hat die Chemtrail-Verschwörung abgelöst. Kein Wunder, seit neun Monaten kreuzen kaum noch Flugzeuge am Himmel, also gibt's auch keine Kondensstreifen mehr". Doch auch dafür hätten die Verfechter dieser forschen Idee eine Erklärung: Die neuen Chemtrails seien unsichtbar. Das, so Lesch, sei "allerdings selbst für hartgesottene Verschwörungsanhänger nicht leicht zu verdauen. Denn dann müsste es auch unsichtbare Flugzeuge geben. Aber viele sind eben bereit, große intellektuelle Opfer zu bringen. Die Hauptsache: Das eigene Bild von der Welt bleibt stabil."

"Der Hass, der sich Bahn bricht, muss uns alle beunruhigen"

Wer jedoch das eigene Weltbild nicht infrage stelle, gerate in die - frei nach Kant - selbstverschuldete Unmündigkeit. "Und die wird bis heute von mächtigen Organisationen dazu genutzt, gegen besseres Wissen die Unwahrheit zu verbreiten", erweckte Lesch fast den Eindruck, selbst einen Verschwörungsmythos in die Welt zu setzen.

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Jedoch lässt sich eben zweifelsfrei nachweisen, dass etwa der ExxonMobil-Chef Lee Raymond 1996 in einer Rede bestritt, es gebe einen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Menschen das globale Klima beeinflussen können. Dabei hatte sein eigener Mineralölkonzern in einer selbst in Auftrag gegebenen Studie ermittelt, dass der CO2-Ausstoß das Klima anheizt. Es folgte eine Desinformationskampagne aus offenkundig wirtschaftlichen Einzelinteressen.

Harald Lesch wettert gegen Verschwörungstheoretiker: "Sind bereit, große intellektuelle Opfer zu bringen"
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Auch mit Blick darauf warnte Professor Harald Lesch bei seiner Abmoderation eindringlich: "Verschwörungstheorien sind keine Petitessen. Der Hass, der sich in verschiedenen Verschwörungsmilieus Bahn bricht, muss uns alle beunruhigen." Durch die virale Verbreitung solcher Mythen übers Internet würden Verschwörungsspekulationen immer einflussreicher - sie könnten selbst jene manipulieren, die meinten, sie seien gegen "diese Irrationalismen gewappnet". Lesch: "Das globale Netz und Verschwörungsmythen - das ist eine höchst potente Kombination, um Gesellschaften und Demokratien zu destabilisieren." Die Mahnung des ZDF-Professors im Rückgriff auf die Alten Römer: "Wehret den Anfängen!"

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