"Hart aber fair": Willkommen in der Realität, Herr Spahn!

Jens Spahn (Mitte) erklärt seine Zukunftsvision der Pflege. Die stößt bei Fachkräften wie Silke Behrendt nicht auf Begeisterung.

In Frank Plasbergs Talksendung “Hart aber fair” wurde am Montagabend wieder einmal der Pflegenotstand diskutiert. Diesmal mit in der Runde: Jens Spahn. Der Gesundheitsminister erläuterte seine Vorstellungen, um das Problem zu lösen  – die stoßen bei den Betroffenen am Tisch auf wenig Begeisterung.

Dass es der Pflege weiterhin nicht gut geht, zeigt eine Dokumentation vor Frank Plasbergs Diskussionsrunde. Die verdeutlicht abermals das hohe Arbeitspensum der Pflegekräfte, den Zeitmangel, die körperliche Anstrengung und die psychische Belastung, nicht so pflegen zu können wie es den eigenen Standards entspräche.

2,5 Millionen Menschen sind in Deutschland zurzeit pflegebedürftig. Bis 2030 könnten es 3,5 Millionen sein. Dafür fehlt es an fachkräftigem Personal. Bis 2030 bräuchte man laut Prognosen des Deutschen Pflegerats etwa 200.000 Menschen mehr, die in der Pflege tätig sind – Jens Spahns Plan sieht erstmal nur 13.000 Stellen vor.

Der Gesundheitsminister darf an diesem Abend seine Zukunftsvision für die Pflege erklären. In der Vergangenheit hatte er ja häufiger das Problem, dass ihm Realitätsferne unterstellt wurde, beispielsweise als er sagte Hartz IV habe nichts mit Armut zu tun. Bei Plasberg nun aber kann er vom Gegenteil überzeugen. 13.000 Stellen schaffen, so sagt er, sei nur ein erster Schritt in die richtige Richtung. Irgendwo müsse man ja anfangen.

“13.000 Stellen reichen nicht und das wissen Sie auch”

Besonders die Pflegefachkraft Silke Behrendt kann darüber nur lachen. “Eine Stunde Arbeit hat bei mir 100 Minuten Tätigkeit”, sagt sie. “13.000 Stellen reichen nicht und das wissen Sie auch”, konfrontiert sie Jens Spahn.

Pflegefachkraft Silke Behrendt hält Jens Spahns Plan für unzulänglich 

Der bekommt Unterstützung von Thomas Greiner, Präsident des Arbeitgeberverbands Pflege. “Es ist nicht so, dass wir überall Personalmangel haben. Es arbeiten zum Beispiel genügend Leute in der Betreuung.” Das sind diejenigen, so erklärt es Silke Behrendt, die sich um das psychische Wohl der Pflegebedürftigen kümmern. Sie beschäftigen sich mit ihnen, sprechen mit ihnen, sind für sie da. “Das sind aber keine Fachkräfte, die dürfen also zum Beispiel nicht medikamentieren und entlasten die examinierten Pflegekräfte so überhaupt nicht”, sagt Behrendt weiter.

Greiner hingegen findet es schade, dass Jens Spahn für seine Vorschläge immer nur verurteilt werde. “Wenn wir genügend Betreuungskräfte und Hilfskräfte finden, außerdem Hilfskräfte in sechs Monaten zu Fachkräften qualifizieren, die Fachkräfte ausschließlich die medizinische Behandlungspflege machen und wir zusätzlich ausländische Kräfte nach Deutschland holen, dann können wir einen Befreiungsschlag machen”, sagt er.

Nur Zuhause kann man sich der guten Betreuung sicher sein

Dagegen hat Ruth Schneeberger etwas einzuwenden. Bis Februar hat die Journalistin ihre Mutter nach einem Schlaganfall Zuhause gepflegt. Zehn Jahre lang. Dabei kam sie nicht umhin, ab und an ihre Mutter in eine Kurzzeitpflege zu geben. “Dort wurde sie von eben jenen ausländischen Kräften, die kein Deutsch sprachen, falsch medikamentiert und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden”, erzählt sie. Jens Spahn bezeichnet das als tragischen Einzelfall.

Aber auch Thomas Greiner sagt: Kein Deutsch – stimmt doch gar nicht! “Die haben teilweise schon ein Jahr Deutschunterricht vorher, sprechen auf B2-Niveau, damit könnte man Germanistik studieren.” Die Realität sieht, wie so häufig, anders aus. Auch Hilfskräfte in sechs Monaten zu Fachkräften umzuschulen, ist in der Theorie gut möglich, hat aber wenig mit Lebensnähe zu tun. “Diese Menschen können dann einfache Arbeiten verrichten wie Blutdruck messen und ähnliches, dürfen aber weiterhin nicht medikamentieren”, erklärt Behrendt. Eine Hilfe für die vollständig Ausgebildeten sind die weitergebildeten Kräfte nicht – nur billiger, trotz höherer Verantwortung.

“Ich hatte mit meiner Mutter wahnsinnig viel Spaß”

Einen Lichtblick hat die Sendung jedoch: Gerade Ruth Schneeberger, die zehn Jahre lang ihre Mutter pflegte, will Mut machen, dass andere auch so handeln. “Wir hatten wahnsinnig viel Spaß. Wir haben im Café gesessen. Wir haben Fernsehen geguckt, sie hat sich über ihre Sendungen aufgeregt. Wir hatten einen kleinen Hund und eine kleine Katze. Es war sehr schön, zu sehen, dass es Früchte trägt. Es ging ihr von Tag zu Tag, den sie zu Hause war, besser”, erzählt die heute 40-Jährige. Wer die Möglichkeit habe, es ihr gleich zu tun, der solle es versuchen.

Ruth Schneeberger pflegte jahrelang ihre Mutter

Allerdings: Auch Ruth Schneeberger musste das Haus ihrer Mutter verkaufen, deren Vermögen aufbrauchen, ebenso ihr eigenes. Nach sechs Jahren wurde ihre Mutter zum Sozialfall. Pflege Zuhause ist nicht nur anstrengend, sondern auch teuer. Besonders schwierig sei laut Ruth Schneeberger, dass man keine klaren Infos bekäme, welches Geld man beantragen könne, welche Pflegehilfe man bekommen könne.

Jens Spahn, das muss man sagen, hat keinen leichten Job. Selbst wenn er 13.000 Stellen schafft, ist es nicht einfach, diese zu besetzen. Er muss den Pflegeberuf attraktiver gestalten durch bessere Arbeitsverteilung und bessere Bezahlung. Denn selbst, wenn er Kräfte aus beispielsweise den Philippinen holt, kommen diese nur bei guten Arbeitsbedingungen. Diese Sendung verpasste Jens Spahn die nötige Realitätskeule. Es sei jedoch auch festgehalten, dass 13.000 Stellen immerhin ein Anfang sind. Denn mit einem hat der Gesundheitsminister Recht: Irgendwo muss man ja anfangen.

Fotos: WDR / Oliver Ziebe