Dunja Hayali: "Hater" sind im echten Leben deutlich höflicher

Eric Leimann
·Lesedauer: 9 Min.

Nach mehr als einem halben Jahr Pause steigt Dunja Hayali wieder zurück in den Talk-Ring. Eine Zeit, in der sich die Welt stark verändert hat. Was will die engagierte, ungewöhnlich nahbare Journalistin mit dem nach ihr benannten TV-Format erreichen?

Seit Dezember 2019 lag ihr Talkmagazin "Dunja Hayali" auf Eis. Die Quoten für das nach seiner Gastgeberin benannte, an sich aber innovative Format waren eher bescheiden. Ein später Sendeplatz, der nur unregelmäßig einmal pro Monat befüllt wurde, dazu doppelte Konkurrenz von ARD und RTL - man hatte der streitbaren Vollblut-Journalistin Dunja Hayali keinen Gefallen damit getan, ihre Sendung, einst als Lückenfüller für Maybrit Illners Sommerpause konzipiert, zu einem halbgar regelmäßigen Format umzugestalten. Ab 16. Juli ist die 46-Jährige nun donnerstags fünfmal in Folge um 22.15 Uhr im ZDF zu sehen. Die Moderatorin präsentiert live aus dem Studio in Berlin Geschichten mit sozialpolitischem Zündstoff mitten aus dem Leben. Danach wird ihr Format erst mal wieder verschwinden. Im Interview erzählt Dunja Hayali, was sie über unsere Welt, seit Monaten im Corona-Modus unterwegs, neu lernte, was zu kurz kam und welche Dinge sich nun ebenso dringend wie schnell verändern müssen.

teleschau: Bleibt ihr Sendungs-Konzept erhalten, ein Thema aus unterschiedlichen Perspektiven und mit verschiedenen journalistischen Mitteln zu beleuchten?

Dunja Hayali: Ja, wir werden fünf Abende mit fünf unterschiedlichen Themen besetzten. Und es kommt etwas Neues hinzu. Ich werde ein Vieraugengespräch von etwa 15 Minuten führen, das kann erweiternd oder aber auch zu einem abweichenden Thema sein. In unserer ersten Sendung wird einer der wichtigsten deutschen Wirtschafts-Bosse zu Gast sein, der selten im Fernsehen auftritt, aber über seine Branche hinaus etwas zu sagen hat.

Dunja Hayali: "Das Geschrei wird immer bizarrer!"

teleschau: Wie kam es zur Idee eines längeren Vieraugengesprächs?

Dunja Hayali: Das war mein persönlicher Wunsch. Ich sehe einfach gerne intensive, anspruchsvolle Eins-zu eins-Gespräche, bei denen man mehr Zeit als die üblichen zwei bis fünf Minuten hat. Solche Gespräche müssen - je nach Gast - auch nicht immer konfrontativ sein, sondern erkenntnisreich, überraschend, tief, eindringlich, nachfragend, zuhörend. Oft ist ja auch ein Perspektivwechsel interessant. Ich führe seit März, also seitdem uns Corona uns "im Griff" hat, jeden Abend ein solches Zweiergespräch auf meinem privaten Instagram-Account und finde, dass bei diesem Format oft sehr viel rumkommt.

"Föderalismus ist beim Bildungswesen einfach fehl am Platze"

teleschau: Talks erfreuen sich seit Corona besonders großer Beliebtheit. Allerdings könnte bei regelmäßig durchgekauten Themen bald ein Ermüdungseffekt eintreten. Welche Themen kamen in den letzten Monaten zu kurz?

Dunja Hayali: Ich finde, drei Themen, die mir selbst am Herzen liegen, kamen zu kurz. Die Altenpflege, zu der wir auch unsere erste Sendung machen - Jens Spahn hat bereits zugesagt -, und Bildung, wenn sie auch im Rahmen der Schulschließungen diskutiert wurde. Aber da müssen wir tiefer gehen und herausfinden, warum immer wieder viel versprochen wird, sich aber kaum etwas ändert. Ein drittes Thema, das ebenfalls viel mit Corona zu tun hat, aber wenig diskutiert wurde, ist häusliche Gewalt.

teleschau: Was hat Sie beim Thema Pandemie und Schule am meisten überrascht?

Dunja Hayali: Dass wir bei digitalen Bildungsangeboten im internationalen Vergleich enorm hinterherhinken, wusste eigentlich jeder, der sich zuvor nur ein bisschen damit beschäftigt hatte. Überraschend fand ich die Unterschiedlichkeit und damit Ungerechtigkeit, die regional ganz dicht beieinanderliegen. Die eine Schule hat digital nichts zu bieten und bekam das mit dem Homeschooling kaum hin, aber fünf Kilometer weiter sah die Welt an einer anderen Schule ganz anders aus. Ist das fair? Wollen wir uns solche Unterschiede wirklich leisten?

"In einem reichen Land wie Deutschland nicht akzeptabel": Dunja Hayali greift das Bildungssystem an

teleschau: Wie kann so etwas passieren?

Dunja Hayali: Ich fürchte, unser Föderalismus - der an sich viel Gutes hat - ist beim Bildungswesen einfach fehl am Platze. Ich hoffe, dass sich da mal etwas ändert. Es ist nicht akzeptabel, dass in einem reichen Land wie Deutschland eine derartige Bildungsungerechtigkeit herrscht. Wir benötigen mehr LehrerInnen, mehr Wertschätzung für den Beruf, bessere Weiterbildungen, ein besseres Netz, mehr Hardware an den Schulen. Wir brauchen bessere Antworten auf Integration, Inklusion, berufstätige Eltern und und und. Nur eines werde ich nie begreifen: Warum wird Geld, welches ja vom Staat mittlerweile bereitgestellt wird, nicht abgerufen? Fragen über Fragen, ich hoffe, wir bekommen konkrete Antworten und Lösungen.

"'Hater' sind im echten Leben deutlich höflicher"
Dunja Hayali spricht über ihr TV-Format.

"Letztendlich ist es ein Armutszeugnis für Facebook, Twitter und Co."

teleschau: Ist es naiv zu fragen, warum Politiker immer wieder versprechen, bestimmte Themen wie Bildung anzugehen, und unterm Strich dann doch viel zu wenig passiert?

Dunja Hayali: Nein, das ist nicht naiv, sondern eine berechtigte Frage. Auch ich stelle mir sie immer wieder und habe keine gute Antwort darauf, selbst wenn ich das Föderalismus-Problem rausrechne. Es gibt Themen, an denen zerren einfach zu viele Interessengruppen in unterschiedliche Richtungen. Bildung, auch Herzensbildung, ist mit die wichtigste Investition, die wir in unserem Land brauchen. Der Status quo ist absolut unbefriedigend. Und es reicht auch nicht, wenn wir unsere eigenen Kinder auf eine gute Schule schicken. Wir müssen absolute Chancengleichheit herstellen und garantieren.

teleschau: Bildungsinvestitionen haben also viel mehr mit Wirtschaftsförderung zu tun, als viele Menschen sich das klarmachen?

Dunja Hayali: Ja, natürlich. Auch weil wegen mangelnder Bildung so viele Folgeschäden entstehen, die unsere Gesellschaft auf andere Art kaputtmachen: Häusliche und auch andere Gewalt, Drogen, Gesundheitsprobleme, Rassismus - alles steht im Zusammenhang mit fehlender Bildung. Wir könnten viele Probleme eliminieren oder verkleinern, wenn wir deutlich mehr in Bildung investieren würden. Viele Kosten aus anderen Bereichen würden dann wegfallen.

Dunja Hayali wettert gegen "asoziale Medien": "Ein Armutszeugnis für Facebook, Twitter und Co."

teleschau: Ein anderes Thema, das ihnen am Herzen liegt, ist das Vorgehen gegen Hass in der Gesellschaft. Seit neustem warnt Twitter vor Trump-Tweets, und Facebook kündigt an, Hasskommentare im Netz zu entfernen. Erleben wir eine Zeitenwende?

Dunja Hayali: Zunächst mal muss man aufpassen, die asozialen Medien nicht mit jener Art und Weise zu verwechseln, wie Menschen miteinander umgehen. Meist sind sie im echten Leben nämlich deutlich angenehmer und höflicher. Das merke ich, wenn ich einen "Hater" anrufe. Trotzdem erleben wir seit Jahren den Trend, dass die Achtung vor anderen Menschen sinkt. Egal, wo sie herkommen, woran sie glauben oder wen sie lieben. Dass bestimmte Plattformen nun reagieren, ist zwar toll, aber sie haben selbst nichts zu dieser Entwicklung beigetragen. Die Medienunternehmen reagieren lediglich auf wirtschaftlichen Druck, weil Werbetreibende nicht mehr in diesem Umfeld investieren wollen. Letztendlich ist es ein Armutszeugnis für Facebook, Twitter und Co.

"Politik kann durchaus funktionieren ... "

teleschau: Warum hat der Hass in der Gesellschaft überhaupt so zugenommen?

Dunja Hayali: Weil viele Leute Angst und insbesondere Verlustangst haben. Es gibt die große Sorge, abgehängt zu werden. Wir haben es - bis heute - verpasst, die großen Umwälzungen unserer Zeit zu erkennen und die Gesellschaft entsprechend mitzunehmen und umzubauen. Man hätte spätestens vor fünf Jahren, als das Erstarken der AfD sichtbar wurde, Themen wie Digitalisierung, Globalisierung, Klimawandel oder Migration viel offensiver angehen müssen. Merkels Satz "Ja, wir schaffen das", von dem ich überzeugt bin, dass er stimmt, hätte zum Beispiel mit mehr Lebensrealität und Antworten gefüllt werden müssen.

teleschau: Was können seriöse Medien gegen den Hass tun?

Dunja Hayali: Zum einen erwarte ich, dass Medien ihre Kommentarspalten, sofern sie sie noch nicht geschlossen haben, pflegen und moderieren. Zudem müssten wir auch etwas mehr zeigen, was in dieser Gesellschaft gut läuft. Wenn man Informationssendungen schaut, denkt man oft, bei uns geht alles den Bach runter. Das frustriert und demotiviert natürlich. Man hat zu Beginn der Corona-Krise gesehen, welche Kraft darin liegt, wenn wir zusammenstehen und Fachleute - wozu ich auch viele Politiker zähle - ihre Arbeit machen. Politik kann durchaus funktionieren, wenn sie transparent ist, wenn sie klar kommuniziert und wenn sie führt.

Dunja Hayali: “Den Wandel in den Köpfen und in der Sprache herbeiführen”

teleschau: Fast schien es, als wären die Deutschen überrascht von der Leistungsfähigkeit ihres eigenen Systems!

Dunja Hayali: Ja, das stimmt. Es zeigt aber auch, dass wir zuvor vielleicht etwas überkritisch und im Meckermodus unterwegs waren. Das haben sich ja eh einige angewöhnt, als wäre es eine Modeerscheinung. Auch deshalb ist es wichtig, den Dialog zu suchen. Als Journalistin möchte ich immer noch verstehen, wie ein Mensch zu dem wird, was er ist. Inklusive seines Gedankengutes, auch wenn ich dafür kein Verständnis habe. Der Dialog und das Verstehen der Position des anderen bringt uns definitiv erst mal weiter. Als Journalistin tut es das für mich ohnehin.

"Es gibt Themen, mit denen möchte man sich nicht beschäftigen ... "

teleschau: Was nutzt einem konkret die Erkenntnis, warum ein Mensch beispielsweise Nazi geworden ist?

Dunja Hayali: Weil Menschen nicht als Rassisten geboren werden. Schauen Sie sich kleinere Kinder an. Sie unterscheiden nicht zwischen Hautfarbe, Herkunft oder sexueller Orientierung. Menschen werden erst im Laufe ihres Erwachsenwerdens zu Rassisten - also müsste man diesen falschen und auch sinnlosen Prozess verhindern können. Dazu hilft es zu verstehen, wie sich Denkmodelle und Empfindungen im Kopf verschieben.

teleschau: Wie empfinden Sie in diesem Zusammenhang die aktuelle Rassismus-Debatte?

Dunja Hayali: Als sehr wichtig. Endlich beschäftigen wir uns mit der Frage, welche Klischees und Stigmatisierungen in unserer Gesellschaft existieren. Das war lange überfällig. Der Reflex, gegen Rassismus zu sein, nutzt nichts, wenn wir nicht verstehen und aufdecken, wo überall Ausgrenzung, Erniedrigung, Diskriminierung, Sexismus und Menschenfeindlichkeit auf welche Weise wirken.

teleschau: Werden Sie auch eine Sendung zum Thema Rassismus produzieren?

Dunja Hayali: Wir denken intensiv darüber nach. Es ist nur schwer, sich auf zu viele Themen festzulegen, da man auch noch Platz für aktuelle Entwicklungen haben muss.

teleschau: Werden Talks über als sehr relevant empfundene Probleme eigentlich mehr geschaut als andere zu Themen, die Zuschauer als nicht so relevant bewerten?

Dunja Hayali: Man sollte meinen, es müsse so sein - aber das stimmt nicht immer. Wir hatten mal eine Sendung über Altersarmut und die stand damals, vor Corona, in der Liste deutscher Sorgen ganz oben. Trotzdem hatte die Sendung eine schlechte Quote. Ich fürchte, es gibt Themen, mit denen möchte man sich nicht beschäftigen, obwohl sie sehr relevant sind. Dazu gehört die Altersarmut, vielleicht aber auch häusliche Gewalt. Es sind Themen mit Abwende-Reflex, und trotzdem ist es wichtig, dass wir vor ihnen nicht die Augen verschließen. Sie verschwinden deshalb ja nicht. Auch nicht aus den eigenen vier Wänden ...

VIDEO: Facebook will gegen Hass-Posts vorgehen