"Heaux Tales": Alles über Sex

Daniel Gerhardt
·Lesedauer: 2 Min.

Die R&B-Musikerin Jazmine Sullivan galt als ewiges Soultalent. Ihr neues Album "Heaux Tales" ist nun eine Offenbarung. Es handelt von Sex und all dessen Nebenwirkungen.

"I keep on pilin' up bodies on bodies on bodies", singt Jazmine Sullivan auf ihrem brillanten neuen Song "Bodies" aus der Perspektive einer Protagonistin: jede Nacht eine neue Bekanntschaft, jeden Morgen der alte Selbstekel. © Adedayo Kosoko
"I keep on pilin' up bodies on bodies on bodies", singt Jazmine Sullivan auf ihrem brillanten neuen Song "Bodies" aus der Perspektive einer Protagonistin: jede Nacht eine neue Bekanntschaft, jeden Morgen der alte Selbstekel. © Adedayo Kosoko

Sex ist ein weites Feld auf dem neuen Album von Jazmine Sullivan. Er ist politisch und zerstörerisch, voller Eifersucht, Betrug und Selbstbetrug. Teil von Machtspielen und Mittel zur Begleichung offener Rechnungen, teuer in jeder denkbaren Hinsicht. Er ist aber auch: befreiend und befriedigend, etwas, worin sich die Protagonistinnen von Sullivans Songs fallen lassen und verloren gehen. Und damit ist der Sex schon wieder gefährlich. Die Künstlerin aus Philadelphia singt über die Komplexität und Dynamiken sexueller Beziehungen. Sie ist damit Teil einer langen und verdienstreichen Traditionslinie der Soulmusik, aber doch derzeit allein auf weiter Flur.

Heaux Tales heißt das vierte Album von Sullivan, und schon damit wird die Sache kompliziert. Heaux ist eine stilisierte Schreibweise von ho, angelehnt an den Sprachgebrauch der frankophonen Bevölkerung im Cajun Country des US-Bundesstaats Louisiana. Englisch-deutsche Wörterbücher übersetzen ho als "Schlampe" oder "Nutte", ohne die Vielschichtigkeit des Begriffs zu erfassen. Er kann abwertend als Fremdzuschreibung, aber auch als positiv besetzte Selbstzuschreibung verwendet werden. Auf Heaux Tales kommt beides vor. Häufig sogar innerhalb eines Songs, oft mit Blick auf dieselbe Protagonistin. Alles an diesem Album ist eine Frage der Perspektive.

Acht Songs enthält Heaux Tales, außerdem sechs Zwischenstücke, die von Frauen aus Sullivans Freundinnen- und Bekanntenkreis eingesprochen wurden. Schon diese musikalisch nur dezent untermalten Stücke sind außerordentlich intim: Ihre Erzählerinnen berichten unter anderem davon, wie sie eigentlich geliebte Ex-Partnerinnen betrogen haben, wie Sex im Verlauf einer Ehe zur Waffe werden oder schlicht so gut sein kann, dass man nur noch die schlechtesten Entscheidungen für das eigene Leben trifft. Sullivan bezieht sich in ihren Liedern auf diese Geschichten, sie antwortet auf diese und fügt ihnen neue Facetten hinzu. Schon lange erschien das Albumformat nicht mehr so biegsam und lebendig wie hier.

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