"Wir helfen Kindern, Medienkompetenz zu entwickeln": KiKA-Chefin Astrid Plenk im Interview

Anja von Fraunberg
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"Wir helfen Kindern, Medienkompetenz zu entwickeln": KiKA-Chefin Astrid Plenk im Interview

Besonders starke Nachfrage in schweren Zeiten: Wie geht es eigentlich dem öffentlich-rechtlichen KiKA während der Corona-Krise?

Ob Schule oder Kita, Freunde treffen oder Sport treiben - nichts ist seit Corona mehr normal. Stattdessen herrschen überall Vorschriften, Hygiene- und Abstandsregeln, die den Alltag komplett auf den Kopf gestellt haben. Vor allem die Welt der Kinder ist nicht mehr dieselbe, die sie vor der Krise war. Das hat natürlich auch unmittelbare Auswirkungen auf die Arbeit von KiKA. Im Interview erklärt Programmgeschäftsführerin Astrid Plenk, wie der öffentlich-rechtliche Kindersender sich auf die neue Lebenssituation seiner Zielgruppe eingestellt hat und wie es gelungen ist, selbst unter erschwerten Bedingungen den Sendebetrieb aufrechtzuerhalten. Außerdem verrät die Senderchefin, welche Programmpläne der in Erfurt ansässige Kinderkanal von ARD und ZDF für die großen Ferien und den Herbst hat. Denn "auch der Sommer wird für viele anders als sonst werden", ist Plenk überzeugt. "Wir alle müssen darauf achten, wie Kinder weiterhin mit der aktuellen Situation umgehen und nicht geschwächt, sondern gestärkt herausgehen können."

teleschau: Frau Plenk, wie gestaltet man in so einer besonderen Zeit wie die Corona-Krise Kinderfernsehen?

Astrid Plenk: Für uns war von Anfang an wichtig, in den unterschiedlichen Situationen, die sich Woche für Woche ändern, den Kindern jeweils die passenden Angebote zu machen, und zwar auf allen Touchpoints, also im TV wie auch digital. Kinder waren ja von heute auf morgen zu Hause, und darauf mussten wir natürlich reagieren. Mit dem Hashtag "#gemeinsamzuhause" haben wir vor allem auch unsere digitalen Angebote noch mal fokussiert, mit gemeinsam zu Hause spielen, gemeinsam zu Hause Serien schauen, gemeinsam bewegen und so weiter. Dadurch haben wir auch das Gefühl vermittelt, für die Kinder da zu sein.

teleschau: Wie hat sich das auf das TV-Programm von KiKA ausgewirkt?

Plenk: In den ersten zwei Wochen waren die Kinder damit beschäftigt, sich mit der neuen Situation zurechtzufinden. In dieser Phase haben wir unsere Programme darauf ausgerichtet, dass wir sowohl die jüngeren als auch die älteren Kinder gut abholen. Wir haben beispielsweise unsere Nachrichten-, Wissens- und Informationsschiene aus dem Abend- ins Tagesprogramm gehoben, damit die Kinder, trotzdem sie nicht in der Schule sind und wir auch kein Unterrichtskanal sind, sich auch weiter fit machen können zu bestimmten Themen. Später, als die Kinder ihren Rhythmus gefunden und sich auch die Schulen besser auf das Homeschooling eingestellt haben, haben wir den Fokus am Nachmittag wieder mehr auf die Unterhaltung gerichtet, um den Kindern auch etwas Zeit zum Chillen zu bieten.

teleschau: Hat sich die Nutzung der einzelnen Kanäle von KiKA in dieser Zeit verändert?

Plenk: Die Nutzung ist definitiv gestiegen, gerade auch im linearen TV-Programm. Aber auch die digitalen Angebote wurden häufiger genutzt, die Zahlen haben im März und April Spitzenwerte erreicht, die wir zuvor nie hatten. Außerdem waren die Kinder doch sehr stark zu Zeiten digital oder auch in der Fernsehnutzung unterwegs, in denen sie es sonst nicht sind. Sie dann abzuholen und die passenden Angebote zu haben, ist schon eine Herausforderung gewesen und ist uns auch immer noch ein wichtiges Anliegen.

"Das dreifache an Post bekommen"

teleschau: Kinder haben bestimmt auch viele Fragen zu Corona und der Krise - wenden sie sich dabei auch an KiKA?

Plenk: Oh ja, wir haben phasenweise das dreifache an Post und kreativem Material als sonst bekommen. Weil wir die ganze Post - auch wegen der derzeit schmalen Besetzung hier vor Ort - gar nicht bewältigen konnten, haben wir das auch noch mal stärker auf digitale Füße gestellt. Auch das wurde extrem gut angenommen.

teleschau: Wie behandelt man so ein schwieriges Thema wie Corona im Kinderfernsehen?

Plenk: Wir haben zum einen mit "logo!" (ZDF) ein Format, das jeden Tag ganz aktuell Nachrichten für Kinder aufbereitet. Zum anderen gehen wir auch in bestimmten Wissensformaten auf das Thema ein: Was ist ein Virus, wie ist es mit Schutz vor Ansteckung? - Nicht nur auf Corona bezogen, sondern auch allgemein. Das wurde in allen Touchpoints auch sehr gut genutzt.

teleschau: Die Kunst dabei ist, alles kindgerecht zu präsentieren ...

Plenk: Grundsätzlich haben Kinder schon einen hohen Informationsbedarf. Gleichzeitig aber mussten wir die Angebote natürlich so gestalten, dass wir sie nicht mit diesem Thema erdrücken. Daher haben wir ihnen mit #gemeinsamzuhause auch die Möglichkeit gegeben, selbst zu entscheiden, wann sie die Angebote aufsuchen und wie sie sich über das Thema informieren.

teleschau: Selbst als Erwachsener will man ja nicht rund um die Uhr nur Corona hören und sehen, sondern auch mal unterhalten werden ...

Plenk: Richtig. Unsere Leitsäulen sind Orientierung, Information und Unterhaltung, und uns ist wichtig, diese Mischung zu halten. Deshalb haben wir auch unser "KiKA LIVE"-Angebot aufrechterhalten. Wir haben weiter aktuell produziert, nur unter Corona-Bedingungen und das auch abgebildet. Da haben zum Beispiel unsere KiKA-Gesichter gegeneinander digital gebattelt. Auch das Finale von "Dein Song" hat in diesem Jahr nicht so stattgefunden, wie es die Kinder gewohnt waren, mit großer Halle und Live-Publikum. Stattdessen wurde hier in Erfurt im kleinen Studio produziert, wo nur die Moderatoren da waren und die Teilnehmer per Videoskype zugeschaltet wurden. Trotzdem haben wir Rekordwerte in den Zuschauerzahlen erreicht, auch die Chatbeteiligung war phänomenal. Die Kinder sind in dieser Zeit sehr dankbar, Programme zu bekommen, die auch einen Bezug zur aktuellen Situation haben, und nicht nur mit schönen Formaten aus der Konserve bedient zu werden.

"Kinder sind extrem clever"

teleschau: Wie schaffen Sie es, unter diesen Arbeitsbedingungen den Sendebetrieb aufrechtzuerhalten?

Plenk: Man muss schon sagen, dass alle im Sender seit Wochen eine phänomenale Arbeit leisten - angefangen bei den Kolleginnen und Kollegen, die hier am Standort sein müssen, um Sendesicherheit zu gewährleisten, bis hin zu denjenigen, die aktuell in Produktionen stecken und dabei unter anderen Bedingungen und mit kleineren Teams als sonst trotzdem im Endeffekt das Gleiche herausholen müssen. Das Team hat extrem toll agiert und konnte sich genauso schnell umstellen, wie sich die Situation Woche für Woche verändert hat. Wir haben auch einiges in dieser Zeit lernen und ausprobieren können, das wir sicherlich auch mit in die Zukunft tragen werden.

teleschau: Was zum Beispiel?

Plenk: Ein positives Beispiel ist "Die WG" vom ZDF, die auch bei uns im Programm läuft. Die sind auch auf die aktuelle Situation eingegangen, indem die Mädchen und Jungs jetzt digital in einer WG leben und sich austauschen. Das ist eine ganz neue Erzählform, von der man am Anfang so denkt: Kann das funktionieren und davon soll es 20 Folgen geben? Aber es ist klasse, mit welchen Möglichkeiten man jetzt arbeitet und was es doch erstaunlicherweise für eine kreative Kraft hat. Trotz der Nachteile, die wir jetzt haben, ist es auf der anderen Seite sehr schön, dass auch neue Ideen wachsen.

teleschau: Mussten auch Sendungen aus dem Programm fliegen, weil Sie sie derzeit einfach nicht umsetzen können?

Plenk: Wir haben bis jetzt nicht wirklich etwas aus dem Programm streichen müssen. Es gibt natürlich einige Produktionen, die auch geschoben wurden, bei denen man schauen muss, ob sie im Spätsommer oder Herbst stattfinden können. Das betrifft hauptsächlich fiktionale Formate wie die Serienproduktionen. Wir haben gerade auch eine Kinoproduktion aufgeschoben, die nicht wie verabredet im Mai stattfinden konnte. Es ist überschaubar, aber trotzdem eine große Herausforderung. Und es ist im Interesse aller, Produktionen nicht abzusagen, sondern zu verschieben. Aber auch das bedeutet immer eine hohe Logistik und einen finanziellen Aufwand.

teleschau: Kinder wollen anders informiert werden als Erwachsene. Wie gehen Sie da vor?

Plenk: Wir versuchen natürlich, sehr stark die Themen der Kinder aufzugreifen und nicht das, was uns als Erwachsene vielleicht erst mal vordergründig interessiert. Zum Beispiel beim Themenschwerpunkt "Respekt für meine Rechte! Gesund leben!" in diesem Jahr werden wir wieder eine repräsentative Studie anlegen, bei der wir von den Kindern erfahren wollen, wie sie mit dem Thema Gesundheit umgehen, was das überhaupt bedeutet, auch in der jetzigen Zeit. Diese Ergebnisse aus den Kinderantworten fließen auch in die Programmgestaltung ein. Es ist extrem wichtig, dass man die Themen so auswählt, dass sie aus der Zielgruppe kommen. Nur dann interessiert sie sich auch stärker dafür und man kann sie entsprechend aufbereiten. Zumal unsere Zielgruppe keine in sich geschlossene ist, sondern auch breit von der Vorschule bis hin zu den Preteens ist.

teleschau: Was erwartet die KiKA-Zuschauer im zweiten Halbjahr?

Plenk: Wir haben in diesem Jahr noch viele schöne Themen vor. Wir werden ein tolles Sommerferienprogramm haben, denn auch der Sommer wird sicherlich für viele anders als sonst. Der Fokus liegt dann natürlich auf darauf, was Kinder im Sommer gerne schauen, Spielfilme oder Serien. Wir werden aber auch mit "KiKA LIVE" ein tägliches Format haben, um die Kinder aktuell abzuholen und ihnen die Möglichkeit zu bieten, mit ihren beiden Lieblingsmoderatoren Jess und Ben die Sommerferien ein Stück weit zu verbringen.

teleschau: Im Herbst steht dann der Themenschwerpunkt an ...

Plenk: Richtig. Diesen widmen wir ihn aus gegebenem Anlass dem Thema Gesundheit. Dazu werden neben den bekannten Formaten, die sich mit dem Thema beschäftigen, auch neue produziert werden. Das ist einmal der "Generationen-Contest Küchenclash" (ZDF), bei dem ältere Menschen und Kinder sich jeweils in die Welten der anderen versetzen und dabei mit dem Thema Ernährung und Kochen umgehen müssen. Mit dem "Küchenkrimi" (rbb/ARD, d. Red.) wird es eine zweite aktuelle Sendung geben, in der es darum geht, dass Kinder detektivisch sich damit beschäftigen, wo das Essen überhaupt herkommt, das sie auf dem Tisch haben.

teleschau: Gibt es für die Zeit nach dem Schwerpunkt auch schon konkrete Pläne?

Plenk: Dann bewegen wir uns auch schon in Richtung "KiKA Award", der dieses Jahr am 20. November stattfindet. Das wird eine Liveshow, bei der ganz klar die Kinder im Mittelpunkt stehen, die für Engagement und besondere Leistungen ausgezeichnet werden. Ich glaube, gerade in der jetzigen Zeit ist das ein absolut richtiger Zeitpunkt, da den Kindern die Stimme und die Bühne zu geben und danke zu sagen.

teleschau: Was ist das Schöne daran, Fernsehen für Kinder zu machen?

Plenk: Einmal, dass die Kinderzielgruppe sehr unterschiedlich ist, schon allein vom Alter her. Toll ist auch, dass wir Angebote machen können, die alle Genres betreffen. Wir können Dokumentationen anbieten genauso wie Samstagabendshows oder Animationsserien, also die gesamte Bandbreite, wie man sie aus dem Erwachsenenprogramm kennt, nur eben auf die Kinderzielgruppe abgestimmt. Das ist natürlich extrem abwechslungsreich und schön, und ich finde es auch wichtig, dass man den Kindern in der Gesellschaft die Möglichkeit offeriert, diese Vielfalt kennenzulernen.

teleschau: Ein schöner Job, der aber auch Verantwortung mit sich bringt ...

Plenk: Ich sehe uns da schon ein Stück weit als Begleiter durch die Kindheit. Und wir helfen ihnen dabei, Medienkompetenz zu entwickeln. Kinder sind extrem clever und können sehr wohl unterscheiden zwischen unterschiedlichen Formaten, ist das fiktiv, ist das nicht fiktiv, wie ist das erzählt, warum gefällt mir was, warum nicht. Dadurch, dass der KiKA nicht nur Trickfilmserien anbietet, sondern wirklich auf Erwachsenenniveau alle Genres im Portfolio hat, können sie sehr viel mitnehmen in ihrem Aufwachsen und in ihrer Stärkung.

teleschau: Wir beurteilen Sie den Stellenwert, den Kinder in unserer Gesellschaft haben?

Plenk: Kinder sind das Fundament für alles, was kommt. Sie müssen sehr ernst genommen werden. In der aktuellen Situation sieht man ja, wie wichtig das Engagement der Gesellschaft für Bildung und individuelle Entfaltung und Entwicklung ist. Von daher denke ich, ist das beste Investment überhaupt in einer Gesellschaft das in die Kinder.