TV-Kritik: Hetzjagd im Kölner "Tatort"

Mila Lemke
Freie Autorin
Die Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk befragen den Polizisten und Augenzeugen Frank Lorenz. Foto: WDR/Martin Valentin Menke

Im Kölner Tatort “Weiter, immer weiter” wird gehetzt. Allerdings verfolgen nicht russische Geschäftsleute einen Drogendealer, wie anfangs vermutet, sondern Wahnvorstellungen den Streifenpolizisten Frank Lorenz (Roeland Wiesnekker). Er wähnt sich einem Komplott der Russen-Mafia auf der Spur und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln.

Als Tatort-Neuling wundert man sich die erste Hälfte, ob Köln nichts anderes zu bieten hat als einen Kripo-versucht-Mafia-dranzukriegen-Krimi, bis am Ende die überraschende Wendung kommt. Als Tatort-Fan denkt man sich bei der Wendung am Ende: Das hatten wir doch schon – vor zwei Wochen im Tatort „Damian“. Man könnte meinen, Schizophrenie wird zur Volkskrankheit, wenn man Tatort schaut. Allerdings übertrifft dieser den Vorgänger bei Weitem, denn der Zuschauer nimmt jede neue Erklärung von Lorenz, die seine Wahnvorstellungen verschleiert, dankbar an. Man wünscht sich einfach, dass er richtig liegt. Und am Ende glaubt man selbst schizophren gewesen zu sein – zum Glück nur eineinhalb Stunden lang.

Gescheitert im Leben

Die Schlüsselfigur des Krimis ist Lorenz – ein gescheiterter Polizist. In seinem Beruf wird er von Betrunkenen vollgekotzt, bei seinen Kollegen findet er schwer Anschluss und dann rennt ein Mann bei einer Verkehrskontrolle auch noch vor eine Straßenbahn. Als die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) eintreffen, stellt sich als Sahnehäubchen noch heraus, dass Lorenz’ damaliger Kollege Schenk inzwischen in der Mordkommission arbeitet, während er von der Kripo in Düsseldorf zur Streife in Köln degradiert wurde – angeblich Alkohol.

In Schenk sucht Lorenz einen Verbündeten, bei dem er sein Herz ausschüttet, der ihm glaubt, was er gesehen hat: Einen schwarzen Geländewagen mit zwei bewaffneten Männern, kurz nachdem er den Mann angehalten hatten. Lorenz ist felsenfest davon überzeugt: Der Tote wurde verfolgt.

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Scheinrealität

Doch es gibt Hinweise, dass der Geländewagen nie existiert hat – keine Überwachungskamera hat ihn aufgezeichnet. Lorenz beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und findet angebliche Beweise. Mit einer Skizze kommt er zu Schenk, der deshalb extra das Date mit seiner Frau absagt. Er hat die Kamerawinkel ausgemessen und einen Feldweg gefunden, der von ihnen nicht erfasst wird. Reifenspuren im Matsch deuten auf ein Fahrzeug hin – der Geländewagen?

Als Schenk darauf hinweist, dass es auch ein Traktor sein könnte, der seine Spuren im Schlamm hinterlassen hat, wird Lorenz laut. Und man gibt ihm Recht, weil man ihm glauben will, weil man sich wünscht, dass er als Held aus der Geschichte geht. Ermittelt endlich! Ihr seid noch immer nicht weiter, denkt man sich, während man sich selbst durch Lorenz’ Wahnvorstellung schon weit in der Lösung des Falles voraus wähnt. Schließlich hat man als Zuschauer selbst den Geländewagen gesehen, man hat selbst gesehen wie Lorenz mit seinem Informanten geredet hat, der ihm vom russischen Delikatessenladen “Nikitin” und von einem Maulwurf bei der Polizei erzählte. Lorenz’ Wirklichkeit ist inzwischen schon lange die Wirklichkeit des Zuschauers.

Nikolay Nikitin vor dem Delikatessen-Großhandel seiner Mutter. Der Polizist Frank Lorenz vermutet, dass er Teil der Russen-Mafia ist. Foto: WDR/Martin Valentin Menke

Böses Erwachen

Erst als man von Lorenz’ Realität schon komplett überzeugt ist, als man selbst zu seinem Komplizen wurde, stellt sich durch einen Anruf von Kommissar Ballauf in Düsseldorf heraus: Es gibt gar keinen Geländewagen. Es gibt keinen Informanten. Es gibt keinen Maulwurf. Lorenz wurde von der Kripo degradiert, weil er den Russen Beweise unterjubeln wollte. Er war niemals alkoholabhängig. Die Kommissare vermuten, dass die Schizophrenie durch den Selbstmord seiner Schwester ausgelöst wurde.

Und Lorenz’ Komplize Schenk wird zum Verräter, als er ihm die Waffe aus der Hand nimmt, ihm sagt, dass er Recht hat, dass er ihm glaubt. “Ich will dir helfen”, sagt Schenk, doch Lorenz schaut nur zu ihm auf und sagt: “Danke, jetzt weiß ich endlich, wer der Maulwurf ist.” Mit Gänsehaut verfolgt man Lorenz’ Festnahme und ist erleichtert, dessen Kopf verlassen zu haben, als er kurz darauf, beim Versuch sich loszureißen, erschossen wird.

Auch wenn zu den Risikofaktoren von Schizophrenie keine einschneidenden Lebensereignisse zählen, können sie schizophrene Anzeichen verstärken. Immer wieder wurde angedeutet, dass Lorenz eine ganz besondere Art hat. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn am Ende alles gut wird, wie seine Schwester es ihm sagte. Auch sie war nur eingebildet, nur Schein.

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