"Heute bisschen für Kollegen schämen": Die Stimmen zur "#allesdichtmachen"-Kampagne

Franziska Wenzlick
·Lesedauer: 8 Min.
Nora Tschirner ist eine von zahlreichen Prominenten, die sich im Netz entschieden gegen die #allesdichtmachen-Kampagne stellten. (Bild: 2019 Getty Images/Sebastian Reuter)
Nora Tschirner ist eine von zahlreichen Prominenten, die sich im Netz entschieden gegen die #allesdichtmachen-Kampagne stellten. (Bild: 2019 Getty Images/Sebastian Reuter)

In einer satirischen Kampagne empörten sich prominente Schauspieler über die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung. Es hagelte Kritik - oft aus der eigenen Branche. Ein Überblick über die wichtigsten Wortmeldungen!

Am Donnerstagabend teilten rund 50 bekannte deutsche Schauspieler - darunter Jan Josef Liefers, Wotan Wilke Möhring, Ulrike Folkerts, Ulrich Tukur und Heike Makatsch - im Rahmen einer Netzkampagne satirische Videos, in denen sie die Corona-Maßnahmen kritisieren. Es dauerte nicht lange, bis sich in den sozialen Medien Entsetzen über die Aktion breit machte. Während #allesdichtmachen von zahlreichen AfD-Politikern und Anhängern der "Querdenken"-Bewegung Applaus erntete, kam von vielen Medienschaffenden und Schauspielkollegen der Beteiligten heftiger Gegenwind.

So kommentierte zum Beispiel "Tatort"-Schauspielerin Nora Tschirner die Aktion auf Instagram im schnodderigen Ton, aber mit explizitem Tenor: "Echt ja, Leude? Was' los da? "Make cynicism great again"? Oder wie? Wird's schon boring im Loft und im Brandenburger Landhaus? Jetzt doch mal raus wagen und n büschn kokeln, weil man sich sonst um die eigene Gefühlsverwaltung kümmern müsste? Joah, kann man machen. Kann halt sein, dass man sich ein büschn schämen wird in nen paar Jahren (Wochen). Unfuckingfassbar."

Unter den deutschen Stars geht es hoch her: Mehrere Schauspielkollegen haben die satirischen Clips unter dem Hashtag #allesdichtmachen heftig kritisiert. Schauspielerin Heike Makatsch hat am Freitagmorgen öffentlich um Verzeihung gebeten.  (Bild: 2020 Kurt Krieger/Kurt Krieger - Corbis)
Unter den deutschen Stars geht es hoch her: Mehrere Schauspielkollegen haben die satirischen Clips unter dem Hashtag #allesdichtmachen heftig kritisiert. Schauspielerin Heike Makatsch hat am Freitagmorgen öffentlich um Verzeihung gebeten. (Bild: 2020 Kurt Krieger/Kurt Krieger - Corbis)

Auch Moderator und Notfallsanitäter Tobias Schlegl fand auf Twitter harte Worte: "Die Schauspieler:innen von #allesdichtmachen können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben."

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"Tatort"-Star Jan Josef Liefers kritisierte in einem YouTube-Clip auch den Umgang der Medien mit der Pandemie. (Bild: 2019 TF-Images/TF-Images)
"Tatort"-Star Jan Josef Liefers kritisierte in einem YouTube-Clip auch den Umgang der Medien mit der Pandemie. (Bild: 2019 TF-Images/TF-Images)

Georg Restle: "Zum Teil wohlfeile Kritik an #allesdichtmachen ist mir zu plump"

Georg Restle, Moderator des WDR-Politmagazins "Monitor", nahm rief zur Differenzierung auf und schrieb: "Die zum Teil wohlfeile Kritik an #allesdichtmachen ist mir zu plump. Nicht jeder, der einen neuen Untertanengeist aufs Korn nimmt, ist ein 'Querdenker' oder 'nimmt Tausende Tote in Kauf'. Wir sollten aufhören, uns gegenseitig in Ecken zu treiben, aus denen keiner mehr rauskommt."

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Auch "Tatort"-Star Ulrich Tukur kritisierte in einem satirisch gemeinten Video die Corona-Maßnahmen.  (Bild: DANIEL ROLAND)
Auch "Tatort"-Star Ulrich Tukur kritisierte in einem satirisch gemeinten Video die Corona-Maßnahmen. (Bild: DANIEL ROLAND)

Auch der Schauspieler Armin Rohde äußerte sich zu der Thematik. Als Antwort auf einen Tweet schrieb der 66-Jährige: "Satire wird nur in diesen aufgeregten Zeiten immer weniger verstanden. Dinge werden reflexhaft 1 zu 1 für bare Münze genommen, es gibt keine innere Distanz mehr, keine entspannte Draufsicht, die Bereitschaft, sich gleich angegriffen zu fühlen ist enorm hoch."

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"Tatort"-Kommissarin Ulrike Folkerts beteiligte sich ebenfalls an der Aktion "Alles dicht machen".  (Bild: 2019 Isa Foltin/Isa Foltin)
"Tatort"-Kommissarin Ulrike Folkerts beteiligte sich ebenfalls an der Aktion "Alles dicht machen". (Bild: 2019 Isa Foltin/Isa Foltin)

Der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann verwies auf Twitter auf eine Folge der ARD-Sendung "Charité Intensiv: Station 43", die den Pandemiealltag einer Berliner Intensivstation dokumentiert. Er schrieb: "Das ist das einzige Video, das man sich ansehen sollte, wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat: Charité Intensiv: Station 43 - Sterben" und fügte den Hashtag #allenichtganzdicht hinzu, unter dem viele Twitter-Nutzer die Online-Kampagne kritisierten.

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"Mit Zynismus ist doch keinem geholfen"

Der "Fack ju Göhte"-Star Elyas M'Barek war einer der Ersten, die sich gegen die Kampagne aussprachen. Unter einem Instagram-Video von Volker Bruch schrieb er: "Come on, das ist doch Blödsinn. Was unterstellst du denn da unserer Regierung? Kann ich null nachvollziehen." M'Barek schrieb, jeder wolle zur Normalität zurückkehren, und das werde auch passieren. "Wenn alle dafür sorgen, dass eine weltweite PANDEMIE bekämpft wird. Mit Zynismus ist doch keinem geholfen."

Währenddessen postete "jerks."- und "Tatort"-Darsteller Christian Ulmen eine eigene Instagram-Story: "Heute bisschen für Kollegen schämen."

Der Pianist Igor Levit fand auf seinem Twitter-Profil noch deutlichere Worte: "Die stumpfste Waffe gegen die Pandemie, gegen eine noch immer viel zu hohe Anzahl von Menschen, die sterben, gegen schlechte Politik, ausbleibende Hilfen, etc: Schlechter, bornierter Schrumpfsarkasmus, der letztendlich bloß fader Zynismus ist, der niemandem hilft. Nur spaltet."

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Wettermoderator Jörg Kachelmann zeigte sich auf Twitter ähnlich verärgert über die Kampagne. Er schrieb: "Mit weniger Wohlstandsverwahrlosung, und wenn wenigstens die Empathie eines abgetauten Kühlschranks in ihnen wohnen würde, hätten die dichtmachenden Leute wenigstens für ein konsequentes Impfen auch in den nun nahestehenden bescheuerungsaffinen Bevölkerungsschichten werben können."

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Auch Oliver Berben zeigte sich kritisch. "Grundsätzlich finde ich es richtig, wenn verschiedene Positionen geäußert werden. Ich bin mir jedoch nicht sicher, wie durchdacht diese Aktion war", sagte der Filmproduzent dem "Spiegel". Die Art und Weise scheine ihm "nicht sonderlich glücklich".

Zuspruch erhielt die Kampagne vor allem aus dem rechten Lager, unter anderem von der AfD-Politikerin Alice Weidel. Sie schrieb: "Hut ab vor Schauspieler Jan Josef Liefers und all jenen, die sich freiwillig der nun folgenden Hatz durch kritiklose Regierungsfans und Leitmedien ausgesetzt sehen. Tolle Aktion, die hoffentlich zum Nachdenken anregt!"

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Heike Makatsch: "Ich erkenne die Gefahr, die von der Corona Pandemie ausgeht"

Heike Makatsch, die Teil der Kampagne war, ruderte schließlich am Freitagvormittag zurück. Auf ihrem Instagram-Profil postete Sie einen Text, den sie mit dem Hashtag #womöglichgescheitert kommentierte. Im Statement der Schauspielerin heißt es: "Ich distanziere mich klar und eindetuig von rechtem Gedankengut und rechten Ideologien. Schon immer. Ohne Frage. Ich erkenne die Gefahr, die von der Corona Pandemie ausgeht und will niemals das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen schmälern und sie womöglich dadurch verletzen." Sie habe "durch Kunst und Satire den Weg gewählt, die Veränderung unserer Gesellschaft aufzuzeigen und Raum zu schaffen für einen kritischen Diskurs". Weiter schreibt die 49-Jährige: "Ich finde es wichtig, unsere nicht mehr wieder zu erkennende Welt auf irgendeine Art zu spiegeln oder zu kommentieren. Wenn ich damit rechten Demagogen in die Hände gespielt habe, so bereue ich das zutiefst."

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Liefers: Keine "aufkeimende Nähe zu Querdenkern"

Auch Jan Josef Liefers distanzierte sich von rechtem Gedankengut. In einer Reihe von Tweets, die der Schauspieler noch in der Nacht absetzte, schreibt er: "Klartext. Ich setze mich kritisch mit den Entscheidungen meiner Regierung zu SarsCoV2 und Covid 19 auseinander. Besonders wegen der in Kauf genommenen Verluste in Kultur und Kunst und der Veranstaltungsbranche. Auch im jüngsten Video, das ein ironischer Kommentar über Prioritäten von Medien sein sollte." Er weise eine "da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern" zurück, so Liefers. "Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der ich ferner stehe, als der AfD. Weil wir gerade dabei sind, das gilt auch für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte. Punkt."

In einem letzten Tweet schreibt der "Tatort"-Darsteller: "Ich bin bei all denen, die zwischen die Fronten geraten sind, den Verängstigten, den Verunsicherten, den Verstörten und Eingeschüchterten, den Verstummten, den Hin- und Hergerissenen. Denen, die während der ständig erneuerten ineffektiven Lockdowns häusliche Gewalt erleiden müssen und bei den unverzeihlichsten aller Kollateralschäden, den Kindern. Gute Nacht zusammen."

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"Sollten uns wieder anderen, eventuell wichtigeren Themen zuwenden"

Schauspieler Marcus Mittermeier ("München Nord") hat am Freitag eine ganze Reihe von Tweets zum Thema gepostet. Unter anderem schrieb er: "Das Video von Richy Müller hat was von Loriot, es ist sehr witzig. Weniger witzig ist, dass mir das Video zusammen mit Alice Weidel und Gauland vorgeschlagen wird." Später allerdings auch: "Weil sich gerade Presseanfragen häufen: Ich habe alles zu #allesdichtmachen gesagt, ich finde jetzt sollten wir uns wieder anderen, eventuell wichtigeren Themen zuwenden."

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"Was ihr abbekommt, ist Meinungsfeiheit!"

Die Publizistin und Politikerin Marina Weisband (Bündnis 90/Die Grünen) machte sich die Mühe, eigens ein Video bei Twitter zu hinterlegen. In ihrem sehr klug formulierten Beitrag differenziert sie einerseits, findet andererseits aber auch sehr deutliche Worte in Richtung aller an der Aktion Beteiligten. "Ihr habt euch entschieden, eure Kritik auf eine Weise zu äußern, die Antisemiten abfeiern und teilen. Dass Leute euch jetzt dafür Gegenwind geben, bedeutet nicht, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland stirbt. Was ihr abbekommt, ist keine keine Zensur. Was ihr abbekommt, ist kein Mob. Was ihr abbekommt, ist Meinungsfeiheit!"

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