Heute ist Happy Hour gegen Europas Süden

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Europa und das Problem der Solidarität (Bild: dpa)

Gehässigkeiten und fehlende Solidarität: Europas Norden zeigt sich gerade nicht von seiner besten Seite.

Ein Kommentar von Jan Rübel

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Es gibt Wellen des Bashings. Zuerst erkennt man sie nicht, denn sie landen einzeln und unabhängig voneinander an. Doch dann ergibt sich ein Muster. In diesen Tagen nehmen immer mehr Frechheiten gegenüber den Mittelmeerländern zu, und pikanterweise sind es Sozialdemokraten, die sich unrühmlich hervortun. Es ist, als verhalte sich das nördliche Europa wie ein bockiges Kind, das keine Fehler zugibt und stattdessen mit Sand schmeißt.

Den Anfang machte Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem. Er sagte der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: „Als Sozialdemokrat halte ich Solidarität für äußerst wichtig. Aber wer sie einfordert, hat auch Pflichten. Ich kann nicht mein ganzes Geld für Schnaps und Frauen ausgeben und anschließend Sie um Ihre Unterstützung bitten.“ Damit meinte er die Hilfe für Krisenländer in der EU. Was aber wollte der smarte Niederländer damit sagen? Dass in den Ländern Südeuropas mehr Geld für Schnaps und Frauen ausgegeben wird als, sagen wir in den Niederlanden oder in Deutschland? Abgesehen davon, dass Schnaps mehr ein Getränk der nördlichen Hemisphäre und am Mittelmeer eher besserer Wein statt stumpfer Korn geschlürft wird, ist ein Blick in die Alkoholstatistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufschlussreich.

Malen nach Zahlen

Die WHO maß den Konsum reinen Alkohols pro Person in Litern pro Jahr. Heraus kommt: In Tschechien sind es 16,45 Liter, in Ungarn 16,27 Liter, in der Slowakei 13,33 Liter, in Polen 13,25 Liter und in Österreich 13,24 Liter. All jene Länder, die sich in Fragen der Solidarität gegenüber den südeuropäischen Ländern knauserig zeigen und sie bei der Aufnahme von Geflohenen allein lassen – all diese Länder stehen in der Alkoholstatistik oben. In Griechenland sind es übrigens 10,75 Liter und in Italien 10,68 Liter. Deutschland erobert sich einen Mittelplatz mit 12,81 Litern, und die Niederlande stehen mit 10,05 Litern tatsächlich fast nüchtern da. Rechtfertigt das aber solch Gerede von Schnaps – von der Frauenfeindlichkeit ganz abgesehen? Unvergessen bleibt jene Horde niederländischer Fußball-Fans im Februar 2015, welche in Rom den berühmten Bernini-Brunnen anging und ihn in einen Käse mit Löchern zu verwandeln suchte. Gerüchten zufolge soll auch, ein wenig, Alkohol geflossen sein. Ähnliche Berichte über italienische Fans, welche in Holland etwa Deiche angruben, sind mir nicht bekannt.

Doch Dijsselbloem steht nicht allein. In Österreich zum Beispiel sperrt man sich konkret gegen eine wichtige Geste der Solidarität – denn noch immer nehmen Griechenland und Italien viele Menschen auf, die übers Meer geflohen kommen. Natürlich können diese Länder, bei all dem Schnapskonsum, nicht allein gelassen werden, wenn man am nächsten Sonntag beim Hören der Bergpredigt in der Kirche vor Scham nicht versinken will und wenn das Wort Europa noch etwas wert sein soll. Doch was sagt Österreichs Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil, ein gestandener Sozialdemokrat? „Ich bin derzeit dagegen, dass wir diesen legalen Weg für Asylbewerber öffnen.“ Heißt: Nicht einmal die bereits beschlossene Umverteilung von Geflohenen kommt für ihn in Frage. Legal? Pfui! Darauf einen Veltliner.

Der Werte eines gegebenen Wortes

Bis vergangenen September sollten hunderttausend angekommene Geflohene aus den Mittelmeerländern Europas von anderen EU-Ländern aufgenommen werden. Es wurden: 13.456. Die Menschen sitzen in Griechenland und in Italien auf gepackten Koffern, aber im Rest Europas besinnt man sich plötzlich auf die eigene Unmoralität, die immerhin 20 Jahre lang andauerte.

Solange währt das Dublin-Ankommen, welches regelte, dass jener EU-Staat für den Asylbewerber verantwortlich, den er als ersten betritt. Die Folge: Ruhe in der Mitte, Trubel am südlichen Rand. Bei den aktuellen Migrationsbewegungen, die mitnichten aufhören werden, ist dieses Abkommen längst nicht mehr aufrecht zu erhalten. Und in diesen Tagen ist immer wieder zu hören, die Grenzöffnung im September 2015 durch die Bundesregierung sei eben nicht alternativlos gewesen. Wer das sagt, möge bitte erklären, wie die Alternative ausgesehen hätte: All diese Leute nach Griechenland und Italien zurückschicken? So etwas mag drei Affen gelingen, die Augen, Ohren und Mund verschließen. Realität aber sieht anders aus. Das damalige Aussetzen des Dublin-Abkommens war die einzige Grundlage dafür, überhaupt nach einer Antwort suchen zu können.

Heut aber wird fröhlich gebasht.

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