"heute-show spezial": "Söder hat mehr Bäume umarmt, als Windräder aufgestellt!"

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Lutz van der Horst (links) stieg im "heute-show spezial" der Windkraft aufs Dach. (Bild: ZDF)
Lutz van der Horst (links) stieg im "heute-show spezial" der Windkraft aufs Dach. (Bild: ZDF)

"heute-show"-Sommerpause? Nicht für Lutz van der Horst und Fabian Köster. Klimawandel und Energiewende ruhen auch nicht. Allerdings, so stellten die beiden im "heute-show spezial" (ZDF) fest: Beides kommt viel langsamer voran als nötig. Woran es liegt, erörterten sie mit Experten und Politikern.

Stromgewinnung ist für den Hauptanteil der Emissionen zuständig, wurden Lutz van der Horst und Fabian Köster in ihrer "heute-show spezial"-Reportage zunächst mal vom Energieexperten Professor Michael Sterner aufgeklärt. Die Maxime müsse heißen: "Weg vom Feuer", also von Kohle- oder Gaskraftwerken. Die Energie von möglichst nachher und nicht erst morgen müsse technisch auf dem höchsten Stand, bezahlbar, umweltfreundlich und von der Gesellschaft akzeptiert sein.

Windräder, zum Beispiel, bekommen gerade aus Politik und Gesellschaft viel Gegenwind. Es gebe zwar 29.000 auf deutschem Festland, somit aber viel zu wenig, um die festgelegten Ziele - 65 Prozent erneuerbare Energie bis 2030 - zu erreichen. Die Diagnose: "Windräder sind so knapp wie Impfstoff. Man könnte meinen, die seien auch von Jens Spahn bestellt worden."

Energie tanken an der Ladestation? Lutz van der Horst und Fabian Köster (rechts) warten auf Energienachschub. (Bild: ZDF)
Energie tanken an der Ladestation? Lutz van der Horst und Fabian Köster (rechts) warten auf Energienachschub. (Bild: ZDF)

Vize-Ministerpräsident Aiwanger frotzelt gegen Markus Söder

Woran es liegt? Die Bürokratie ist mühsam (es dauert fünf Jahre bis zur Genehmigung eines Windrad-Projektes), die Politik mauere, und die Bürger rebellierten. Letztere aber oft aufgrund von gezielten Falschinformationen und regelrechter Panikmache, wie Bauingenieur Robert Sing aus eigener Erfahrung berichtete - ebenso wie persönlichen Anfeindungen und wüsten Drohungen.

In Bayern treibt die Anti-Windkraft-Haltung seltsame Blüten, wie der stellvertretende Minsiterpräsident Hubert Aiwanger (Freie Wähler) berichtete. Da gebe es "laute Bürgerinitiativen", bei denen "bei näherem Hinsehen" plötzlich der überzeugte Kernkraft- und Kohlebefürworter zum eingefleischten Windkraftgegner werde, weil er "sich plötzlich um das Wohl von Fledermäusen und Vögeln" sorge.

Geradem mal drei Windräder wurden 2020 in ganz Bayern genehmigt. Köster hämisch: "Söder hat mehr Bäume umarmt, als Windräder aufgestellt." Da mochte der Vize-Ministerpräsident Aiwanger nicht widersprechen. "Klar, das dauert auch nicht so lange." Aiwanger konzedierte, Söder sei "gar nicht der Hemmschuh", sondern "seine zweite und dritte Reihe", doch er forderte ihn auf, die lähmende "10H-Regel" abzuschaffen. Noch unter Söders Vorgänger Horst Seehofer war beschlossen worden dass Windräder einen "Mindestabstand vom Zehnfachen ihrer Höhe zu Wohngebäuden" haben müssen. Seither werden kaum noch geeignete Standorte im größten Flächenbundesland der Republik gefunden.

Modellspiele im "heute-show spezial" mit Anton Hofreiter (Mitte): Ist die Deutsche Bahn zu retten? (Bild: ZDF)
Modellspiele im "heute-show spezial" mit Anton Hofreiter (Mitte): Ist die Deutsche Bahn zu retten? (Bild: ZDF)

"Söder meint, in Bayern gibt es keinen Wind"

Das erschwerte auch die Situation in Eberberg, wo ein langer und erbitterter Streit um fünf geplante Windräder im Ebersberger Forst entbrannte. Landrat Robert Niedergesäß (CSU) singt nicht mit seinem Ministerpräsidenten im Chor. "Söder meint ja, in Bayern gibt's keinen Wind." Trotzdem haben sich nun im Bürgerentscheid 53 Prozent der Wähler pro Windräder entschieden. Niedergesäß: "Wir gehen in die Planung!"

In Fuchstal (ebenfalls Bayern) planen sie auch: und zwar drei neue. "Aber sagen Sie's nicht weiter", flüstert Bürgermeister Karg. Er hat schon vor Jahren vier Rotoren durchgeboxt, musste viele Hürden überwinden. Die Bürger finden Windkraft mittlerweile sehr okay, sie sind nämlich finanziell beteiligt. "Wir haben in den ersten fünf Jahren 46 Prozent der Einlagen ausbezahlt." Es läuft also, nicht nur das Rad.

Lutz van der Horst (rechts) und Fabian Köster präsentierten ein etwas anderes EM-Studio. (Bild: ZDF)
Lutz van der Horst (rechts) und Fabian Köster präsentierten ein etwas anderes EM-Studio. (Bild: ZDF)

Berlin ist Europas gefährlichste Stadt - für Radfahrer!

Apropos Rad. Im Verkehr muss sich ja auch was tun. Bei 48 Millionen Autos auf den Straßen ist es nämlich egal, ob die von Verbrenner oder elektrisch angetrieben werden - es sind einfach zu viele. Wie aber steht's um die Alternativen?

Doof, dass im Verkehrsministerium "beim Thema Rad halt nur an Allrad gedacht" wird, so Köster. Das Fahrrad werde nicht wirklich beachtet: Nur ein Prozent seines Budgets investiere das Verkehrsministerium in Radwege. Ganz anders im Nachbarland Niederlande, wo mittlerweile 25 Prozent aller Wege per Fahrrad zurückgelegt werden. In Deutschland sind es deren elf.

Lutz van der Horst besuchte den Verkehrswissenschaftler Dirk Bussche im Fahrradparadies Nijmwegen, wo highwayartige, zweispurige (!) Radwege zum entspannnten Cruisen laden. Fabian Köster versuchte derweil durch Berlin - Europas gefährlichste Fahrradstadt - zum Treffen mit Franziska Giffey, Bundesfamilienmisterin und Ex-Bezirksbürgemeisterin von Neukölln, zu radeln. Er schob zwar mehr um Hindernisse, aber immerhin: Er schaffte es unversehrt.

Das Erfolgskonzept hinter der holländischen Verkehrswene: Es gibt keine Auto-Lobby

Das Konzept von Nijmwegen klingt verwegen: Die hören dort auf die Meinung und Ideen ihrer Bürgerinnen und Bürger. Und bauten deshalb zweispurige (!) Fahrrad-Highways. Van der Horst fragte Bussche: "Wo nehmen Sie denn den ganzen Platz für die Radwege her?" Busche: "Ich frag mich immer, wo ihr Deutschen den Platz für die Autostraßen hernehmt."

Woran liegt's, dass Holland so radfreundlich ist? Busche führte aus, dass die Bewohner irgendwann gegen die Tatsache rebellierten, dass tausend Kinder pro Jahr bei Unfällen mit Autos starben. Außerdem: "In Holland gibt es keine Autoindustrie, das heißt auch: keine Lobby gegen die Radfahrer."

Vielleicht meinte Franziska Giffey auch deshalb, man könne die Konzepte einer holländischen Kleinstadt nicht einfach auf eine deutsche Großstadt kopieren. Denn da gibt's die gute, alte Auto-Lobby noch.

Hofreiter: In die Bahn muss investiert werden

Und wie wär's mit der Bahn? Die sich doch, so Konzersprrecher Achim Staus, um Pünktlichkeit bemühe und da auch schon bei 80 Prozent angelangt sei.

Der bayerische Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter wünscht sich schon, dass die Bahn so funktioniert, dass sie zum Beispiel innerdeutsche Flüge überflüssig machen kann (und, so Köster süffisant, die armen Grünenpolitiker nicht so viel fliegen müssen). Dafür müsse man aber viel Geld investieren. Damit sie so werden könne, wie es nötig sei: schnell, pünktlich, sauber, bezahlbar und zuverlässsig. "Und mit nem guten Bier im Bistro."

Na dann: Prost!

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