Historische Abstimmung entscheidet über erste US-Gewerkschaft bei Amazon

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Der Amazon-Standort Bessemer könnte Geschichte schreiben

In dem monatelangen Kampf um eine erste Gewerkschaftsvertretung beim Onlineversandhändler Amazon in den USA rückt eine Entscheidung näher: Nach der historischen Abstimmung unter den 5800 Angestellten eines Logistikzentrums im Bundesstaat Alabama beginnt am Dienstag die Auszählung der Stimmen. Ein Votum für eine gewerkschaftliche Vertretung wäre ein Einschnitt für den US-Handelsriesen, der die Pläne entschieden ablehnt.

"Ich bin stolz auf die Arbeiter bei Amazon, die aufstehen und sagen: 'Es reicht'", sagte der örtliche Vorsitzende der Einzelhandelsgewerkschaft RWDSU, Joshua Brewer. Die RWDSU würde die Angestellten am Amazon-Standort Bessemer vertreten, falls diese dafür stimmen sollten, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Die Abstimmung in Bessemer hatte Anfang Februar begonnen. Die Initiative der Gewerkschaft löste eine landesweite Debatte über die Arbeitsbedingungen bei dem Versandhändler mit seinen 800.000 Angestellten in den USA aus. "Amazons größte Befürchtung ist schon eingetreten: 3000 Mitarbeiter haben gesagt, dass sie unter den Bedingungen nicht arbeiten können", sagte der Gewerkschaftsvertreter Brewer. Die "systematischen Probleme" in den Amazon-Warenlagern seien offen zutage getreten.

Gewerkschaftsvertreter hatten in den vergangenen fünf Monaten täglich vor dem Logistikzentrum in Bessemer für ihre Initiative geworben. Sollten sie Erfolg haben, könnte dies einen Dominoeffekt in den Amazon-Standorten in den USA auslösen und auch bei anderen Unternehmen die gewerkschaftliche Organisierung vorantreiben. Dabei können sie auf Rückendeckung von US-Präsident Joe Biden hoffen, der eine Stärkung der Gewerkschaften befürwortet.

Amazon selbst ging entschieden gegen die Pläne vor. In dem Logistikzentrum in Bessemer sprach sich die Geschäftsleitung bei Konferenzen und auf Flyern in den Toiletten gegen Gewerkschaften aus. Sie richtete sogar eine Internetseite ein, auf der sie Argumente anführt, warum eine Gewerkschaft unnötig sei. Das Unternehmen argumentiert, dass es überdurchschnittliche Löhne und Zuschüsse biete.

Gewerkschaften und Politiker beklagen aber seit langem, dass die Beschäftigen bei Amazon einem hohen Arbeitsdruck und einer permanenten Kontrolle ausgesetzt seien. "Wir brauchen sichere Arbeitsbedingungen", sagte die Amazon-Mitarbeiterin Jennifer Bates. Sie forderte außerdem eine angemessene Bezahlung.

Ihre Kollegin Lafonda Townsend sagte, sie sei anfangs zufrieden gewesen mit den Löhnen. Dann habe sie aber feststellen müssen, dass sie in ihren Pausen hastig essen müsse "wie ein Häftling". Jede Minute Verspätung werde ihr vom Lohn abgezogen.

Amazon ist in den USA der zweitgrößte Arbeitgeber. Der Konzern profitierte von dem Bestellboom während der Corona-Pandemie und verdoppelte seinen Nettogewinn im vergangenen Jahr nahezu auf 21 Milliarden Dollar. Das Unternehmen stellte zehntausende neue Mitarbeiter ein, um die Nachfrage zu bedienen.

Das Unternehmen steht jedoch immer wieder wegen seiner Arbeitsbedingungen in der Kritik. Auch in Deutschland gibt es deswegen immer wieder Streiks und Forderungen nach einem Tarifvertrag. Am Sonntag hatte die Gewerkschaft Verdi die Beschäftigten in sechs Amazon-Verteilzentren zu einem viertägigen Streik aufgerufen.

bfi/hcy