Hoeneß' Abschied: Ab jetzt würde es nur noch bergab gehen

Stefan Kumberger

Es war wieder einer dieser typischen Momente: Gerade hatte er per Spontan-Anruf im CHECK24 Doppelpass die versammelten Journalisten ausgeschimpft, um dann nach knapp vier Minuten ein freundliches "Alles Gute, tschüss!" in den Hörer zu flöten.


Eine Szene vom vergangenen Sonntag, die exemplarisch für die Karriere von Uli Hoeneß steht: radikaler Haudrauf einerseits, sanfter Menschenfreund andererseits. Ein echter Hoeneß eben.

Jetzt tritt der "Patriarch vom Tegernsee" ab, aber sein Geist wird bleiben - und das ist auch gut so!

Egal ist Hoeneß niemandem

Hoeneß wird geliebt und gehasst. Egal ist er niemandem.


Er machte den FC Bayern zum Vorzeigeverein und sprach bereits von Marketing und Fanartikeln, als man sich bei der Konkurrenz noch von der Großmutter den Fan-Schal stricken lassen musste.

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Hoeneß war für den deutschen Fußball immer ein Taktgeber, ein Vordenker, dem es besonders um den FC Bayern, aber eben auch um den Fußball insgesamt ging. Seine "Retterspiele" sind legendär und ein Ausdruck seines großen Herzens. Er nutzte sein Geld und seinen Einfluss, um denen zu helfen, die es im Leben nicht so gut erwischt hatten wie er selbst. 

Hoeneß brachte die Stars zu den Fans

Während man bei Real, Barca, ManUnited und Co. die Trainingsstätten hermetisch abriegelte, blieb der FC Bayern immer ein Weltklub, der familiär sein wollte. Bei keinem anderen Verein dieser Größenordnung gibt es so viele öffentliche Trainingseinheiten wie beim FC Bayern.

Und Hoeneß brachte die Stars zu den Fans. Die jährlichen Fanklub-Besuche sind eine Hoeneß-Idee. Raus an die Basis, den Anhängern etwas für ihre Unterstützung zurückgeben. Und er selbst immer an vorderster Front.


Mehrfach habe ich erlebt, wie Hoeneß bei Fanklub-Besuchen eine Ladung Nürnberger Würstchen versprach und sich anschließend einen Schal der Gastgeber umhängen ließ. Inklusive des Versprechens, ihn für den Rest der Saison im Stadion zu tragen. Das kommt natürlich an.

Hoeneß' verbale Fehltritte häuften sich

Doch wer Licht verbreitet, sorgt auch für Schatten. Uli Hoeneß ist dafür das beste Beispiel. Seine brachiale Art mag immer im Dienste des FC Bayern gestanden haben, mitunter vergriff sich der Bayern-Macher aber im Ton und schoss allzu oft zu scharf. Willi Lemke, Mesut Özil und viele, viele andere können ein Lied davon singen.

Der Siegertyp Hoeneß ging fast immer als Gewinner vom Platz und merkte manchmal nicht, dass der Gegner eigentlich schon aufgegeben hatte. Das verschärfte sich nach seiner Zeit im Gefängnis - "meiner Steuersache", wie Hoeneß es selbst gerne nennt - sogar noch.


Die verbalen Fehltritte häuften sich und aus manch einem "Mensch, der Uli" wurde auch bei Bayern-Fans immer öfter: "Oh Mann, der Uli!" Die Haftstrafe scheint ihn eben doch verändert zu haben.

Legendäre Pressekonferenz beim FC Bayern

Eine Krawall-Pressekonferenz wie im Oktober 2018 wäre ihm früher vermutlich nicht passiert. Seine Selbstbezeichnung als "großer Demokrat" sorgte vielerorts für Schmunzeln, denn Demokrat ist er durchaus. Doch im Zweifelsfall sollten die anderen schon lieber seiner Meinung sein.

"Ulikratie" nennen das die Spötter.


Wenn er Reporter wütend anrief oder in der Interview-Zone im Stadion öffentlich ausrief, wurde es laut. Oft legte er bei anderen andere Maßstäbe an als bei seinen Schützlingen und sich selbst. Hoeneß war allerdings selten nachtragend. Und vor allem war er immer authentisch. Emotionen sind es schließlich, die uns Menschen ausmachen.

Hoeneß' Abgang kommt zur richtigen Zeit

Uli Hoeneß hat sich selbst ein Denkmal aufgebaut. Aber es ist eben nicht aus Marmor, sondern aus Fleisch und Blut. Deswegen kommt sein Abgang gerade noch zur richtigen Zeit. Ab jetzt würde es nur noch bergab gehen. Denn die Typen vom Schlage eines Uli Hoeneß sind in der globalisierten Fußball-Welt leider nicht mehr gefragt.

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Umso wichtiger ist es, dass der FC Bayern sich große Teile seines Geistes und seiner Prinzipien bewahrt. Der Verein muss unterscheidbar bleiben und seine Identität behalten, sonst ist er nur noch eine fußballspielende Gelddruckmaschine.


Man kann nur hoffen, dass der Funktionär und Fan Hoeneß in Zukunft nicht nur im CHECK24 Doppelpass, sondern auch an der Säbener Straße anrufen wird, um Fehlentwicklungen anzusprechen und seinen Einfluss - den er zweifelsohne weiterhin haben wird - geltend zu machen.

Dem Menschen Hoeneß bleibt nur zu wünschen, dass er ein wenig zur Ruhe kommt. Ohne die ständige Hitze des Gefechts, die er so sehr brauchte. Er hat es sich redlich verdient. Er muss niemandem mehr etwas beweisen.

Hoeneß wird uns allen noch fehlen - auch denen, die ihn nicht mögen.

In diesem Sinne, Herr Hoeneß: "Alles Gute, tschüss!"