Homeoffice: So flexibel, so unsichtbar

Wlada Kolosowa

In ihrem heute beschlossenen Strategiepapier fordert die SPD einen Rechtsanspruch auf Homeoffice. Das ist überfällig. Doch Heimarbeit hat auch Schattenseiten.

Wer zu Hause arbeitet, macht oft mehr Überstunden als die Kolleginnen im Büro. Trotzdem wünscht sich das ein Drittel der Beschäftigten in Deutschland. (Symbolbild) © Igor Golovnov/EyeEm.com

Morgens länger schlafen, weil der Weg zum Schreibtisch nur wenige Sekunden dauert – statt sich eine halbe Stunde in die überfüllte Bahn zu quetschen. Kein Kollege, der telefonierend die Konzentration stört. Selbst bestimmen können, wie warm oder kalt, laut oder leise es am Arbeitsplatz ist. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wünscht sich jeder Dritte in Deutschland, zumindest gelegentlich von zu Hause aus zu arbeiten – aber nur jeder Achte bekommt diesen Wunsch auch erfüllt.

Ziemlich viele Menschen dürften es also begrüßen, dass die SPD heute ein Strategiepapier beschlossen hat, in dem sie einen gesetzlichen Anspruch auf Homeoffice und mobiles Arbeiten fordert. Ein solches Recht ist längst überfällig. Denn schon heute brauchen viele nur einen Computer und Internetzugang, um ihren Job zu erledigen. Und je weiter die Digitalisierung fortschreitet, desto mehr werden es sein. Momentan bekommen 45 Prozent aller Angestellten mit Bürojob in Deutschland einen Laptop von ihrem Arbeitgeber gestellt – mit dem Arbeiten außerhalb des Büros zumindest in der Theorie möglich wäre.

Doch Deutschland ist auch im Jahr 2019 ein Land der Präsenzkultur. Viel weniger Menschen hierzulande nutzen das Homeoffice als im EU-Schnitt. Deutschland liege deutlich hinter Frankreich, dem Vereinigten Königreich oder den skandinavischen Ländern, heißt es in der DIW-Studie. In den meisten Fällen scheitere der Wunsch nach Heimarbeit an den Arbeitgebern. Denn solange keine Regelungen zur Heimarbeit im Arbeitsvertrag stehen, entscheidet momentan die oder der Vorgesetzte, ob die Angestellten zu Hause arbeiten dürfen – unabhängig davon, ob die Anwesenheit im Büro nötig ist.

Mehr Überstunden im Homeoffice

Ein Rechtsanspruch würde Arbeitnehmern helfen, ihren Wunsch nach Homeoffice durchzusetzen. Sie könnten sich Fahrkosten und die Pendelzeit sparen – und damit die Straßen und die Umwelt entlasten. Sie könnten die Anforderungen des Berufslebens besser mit Kita-Öffnungszeiten und der Pflege von Familienangehörigen vereinbaren. Doch Homeoffice bedeutet nicht automatisch weniger Stress und mehr Freizeit. Wer sich von Zuhause einloggt, arbeitet häufig sogar länger als die Kollegen im Büro: 2,5 Stunden mehr pro Woche, haben Forscher von der Universität Basel herausgefunden. Heimarbeiter fühlten sich zwar freier, weil Vorgesetzte ihnen nicht auf die Finger schauten – aber auch mehr unter Druck, zu beweisen, dass sie zu Hause nicht faulenzen. Das kann zur Selbstausbeutung führen. Außerdem bleiben Menschen, die zu Hause arbeiten, auch nach Feierabend öfter in Gedanken bei der Arbeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht abschalten können, liegt laut einer Auswertung der Hans-Böckler-Stiftung bei 45 Prozent – mehr als doppelt so hoch wie bei den Büroarbeiterinnen.

Die Pläne der SPD sehen zwar vor, "Beschäftigte vor einer überbordenden Inanspruchnahme und der Anforderung einer ständigen Erreichbarkeit" abzuschirmen. Man werde "das Recht auf Nichterreichbarkeit schützen und Arbeitszeitmodelle unterstützen, die die Gesundheit von Beschäftigten stärken", steht in dem Strategiepapier. Das sind wichtige Vorhaben. Doch hätten sie wirklich Auswirkungen auf den Arbeitsalltag? Schon heute ist ein Arbeitnehmer nicht verpflichtet, außerhalb der vereinbarten Arbeitszeit für seine Vorgesetzte erreichbar zu sein. Trotzdem beantworten drei von vier Berufstätigen in Deutschland nach Feierabend und am Wochenende Dienstmails und Anrufe.

Im Homeoffice, wo die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit noch mehr verschwimmen, ist es besonders schwierig, den Laptop zuzuklappen oder das Handy abzuschalten. Viele mobile Kollegen wollen ihrem Arbeitgeber wohl digitale Präsenz signalisieren – wenn sie schon nicht im Büro sind. Einen weiteren Nachteil des Homeoffice kann man gesetzlich kaum regeln: Wer zu Hause arbeitet, ist für den Arbeitgeber weniger sichtbar und wird laut einer Studie der Stanford University seltener befördert. Heimarbeiter gelten vielen Arbeitgebern wohl noch immer als weniger leistungsbereit.


Viele, die Karriere machen wollen, werden sich nicht trauen, auf Homeoffice zu bestehen, auch wenn sie die Möglichkeit und das Recht dazu hätten. Der Vorstoß der SPD ist trotzdem wichtig. Denn er spricht an, was inzwischen selbstverständlich sein sollte: Die Art, wie wir arbeiten, verändert sich. Leistung bedeutet nicht mehr, möglichst lang im Office zu hocken. Und ob wir sie im Büro erbringen oder auf der heimischen Couch, sollte egal sein.