"Honest Thief": Schwache Vorstellung von Liam Neeson

Christopher Diekhaus
·Lesedauer: 4 Min.

In "Honest Thief" darf Liam Neeson als reumütiger, von FBI-Beamten gelinkter Meisterdieb erneut den Gerechtigkeitskämpfer spielen und dieses Mal sogar seine romantische Seite zeigen. Spannend ist das alles leider nicht.

Schon seine Körpergröße macht ihn zu einer auffälligen Präsenz. Immer wieder gelingt es dem in Nordirland geborenen Liam Neeson, seine Rollen mit einem besonderen Charisma zu versehen. Seine Fähigkeiten als Charakterdarsteller hat er bereits in zahlreichen Dramen unter Beweis gestellt. Seit seinem Auftritt im Ein-Mann-sieht-Rot-Reißer "96 Hours" (2008) verbindet man mit ihm aber auch den knallharten Actionhelden, der seine Vorstellung von Gerechtigkeit mit allen Mitteln durchboxt. Regelmäßig tauchte Neeson in den letzten Jahren in adrenalingetränkten Thrillern auf und zeigte sich, gemessen an seinem fortgeschrittenen Alter - er ist 68 Jahre alt -, erstaunlich energiegeladen.

Mark Williams ("The Accountant") knüpft in seiner zweiten Regiearbeit "Honest Thief" (ab 28. Januar digital erhältlich, ab April auf DVD und Blu-ray) nun an eben dieses Haudrauf-Image an und mischt dem Ganzen einen Schuss Romantik bei. Ein gar nicht mal so schlechter Gedanke, der allerdings schon dadurch Kratzer bekommt, dass sich Williams und Koautor Steve Allrich keine Zeit für eine vernünftige Einführung nehmen.

Liebe heilt alle Laster

Der von Neeson gespielte Tom Dolan ist, wie der Vorspann auf nicht gerade elegante Weise deutlich macht, ein gewiefter Bankräuber. Da er stets unauffällig in Geldinstitute einbricht und ebenso geräuschlos entkommt, wird ihm der Name "In-and-Out-Bandit" verpasst. Als der bislang unerkannt gebliebene Gauner eines Tages einen Lagerraum anmieten will, gerät er an Annie Wilkins (Kate Walsh) - und ist sofort hin und weg. Nach einem Zeitsprung von einem Jahr sind die beiden auch schon ein Paar.

Wie stark ihre Liebe sein muss, wird uns von nun an ständig im Dialog versichert und soll zudem in einer großen Geste von Tom zum Ausdruck kommen. Jetzt, da er die Frau seiner Träume getroffen hat, will er nicht länger Banken erleichtern. Ganz oben auf der Agenda steht nun die Zweisamkeit mit Annie. Kurzerhand meldet sich Tom bei der Polizei, um das Geld zurückzugeben und einen Deal auszuhandeln. Überrascht stellen die FBI-Agenten John Nivens (Jai Courtney) und Ramon Hall (Anthony Ramos) wenig später fest, dass Tom die Wahrheit sagt. Nivens sieht seine große Chance gekommen und kann seinen Partner überzeugen, die beschlagnahmte Beute einzustecken. Ein Treffen mit Dolan endet jedoch in einer Katastrophe - und zwingt den reumütigen Einbrecher zur Flucht mit seiner Freundin.

Behäbig und arg durchschaubar

Die Handlung von "Honest Thief" steht von Anfang an auf wackeligen Beinen. Toms Glaube an eine Abmachung in seinem Sinne ist reichlich naiv und das Vorgehen der korrupten Polizisten alles andere als durchdacht. Nivens, die treibende Kraft, erweist sich früh als schießwütiger Rambo, bleibt in der Rolle des durchtriebenen Gegenspielers aufgrund seines kopflosen Vorgehens aber enttäuschend blass. An der Glaubwürdigkeit des Films kratzt auch Annies Reaktion, als sie mit ihrem Liebsten das Weite suchen muss und erfährt, dass er der "In-and-Out-Bandit" ist. Ihre Verärgerung über sein Schweigen verfliegt verblüffend schnell. Und ihre Bewunderung für Tom scheint immer größer zu werden. Sie selbst wird wiederholt als besondere Frau bezeichnet. Einen ernsthaften Beweis dafür liefert der Film jedoch nicht.

Das alles wäre nur halb so wild, wenn "Honest Thief" wie manch anderer Neeson-Thriller ein paar unterhaltsame Wendungen und Actioneinlagen zu bieten hätte. Zwar lässt die Prämisse eine Hetzjagd im Stil von "Run All Night" (2015) vermuten. Toms Notlage wird allerdings nie so stark zugespitzt, dass handfeste Spannung aufkommen könnte. Fast alle Schritte des dünnen Plots sind vorhersehbar. Und noch dazu wirken die rar gesäten Kampfmomente seltsam schwerfällig. Ein paar routiniert umgesetzte Verfolgungsszenen sind da ein schwacher Trost. Eine ungewöhnliche, für die Geschichte aber verzichtbare Idee ist der Running Gag rund um den integren FBI-Ermittler Sean Meyers (Jeffrey Donovan), der nach der Trennung von seiner Frau den gemeinsamen Hund erhält und das Tier permanent mit zur Arbeit schleppt. Gegen die Langeweile kann freilich weder dieser skurrile Farbtupfer noch die natürliche Ausstrahlung des kantigen Hauptdarstellers etwas ausrichten. "Honest Thief" ist erschreckend uninspirierte B-Ware und sicherlich einer der schwächsten Neeson-sorgt-für-Ordnung-Filme.