Human Rights Watch kritisiert US-Angriff auf syrisches Dorf Al-Dschineh

Angriffsort in Al-Dschineh

Bei ihrem Luftangriff auf das nordsyrische Dorf Al-Dschineh vor einem Monat haben die USA laut einer Untersuchung der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch durch Nachlässigkeit den Tod Dutzender Zivilisten verschuldet. "Die US-Streitkräfte haben es anscheinend versäumt, die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, um zivile Opfer zu vermeiden", heißt es in dem Bericht, den Human Rights Watch (HRW) am Dienstag veröffentlichte.

Bei dem Luftangriff am 16. März in Al-Dschineh in der Provinz Aleppo waren nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 49 Menschen getötet worden. Die meisten Todesopfer waren demnach Zivilisten. Laut Beobachtungsstelle wurde eine Moschee bombardiert, das Pentagon erklärte hingegen, die US-Kampfjets hätten ein nahe gelegenes Gebäude mit Dutzenden Al-Kaida-Führungsmitgliedern getroffen.

HRW befragte für seinen Bericht nach eigenen Angaben 14 Menschen, die Angaben aus erster Hand zu dem Luftangriff machten. Außerdem wurden in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen Bilder von dem Angriff ausgewertet.

"Die USA scheinen bestimmte Dinge bei diesem Angriff grundlegend falsch aufgefasst zu haben, und Dutzende Zivilisten haben den Preis dafür bezahlt", kritisierte der stellvertretende HRW-Leiter für Krisenfälle, Ole Solvang. Die US-Behörden müssten nun "herausfinden, was schief gelaufen ist, anfangen, ihre Hausaufgaben zu machen, bevor sie Angriffe starten, und sicherstellen, dass das nicht noch einmal passiert".

Zentraler Streitpunkt bei der Bewertung des Angriffs ist die Frage, ob eine Moschee getroffen wurde oder nicht. HRW legte dar, das Gebetshaus habe keine traditionellen äußerlichen Merkmale einer Moschee wie eine Kuppel oder ein Minarett aufgewiesen. Aus Luftüberwachungsbildern hätte die US-Armee aber schließen können, dass sich in dem Gebäude regelmäßig Menschen zum täglichen Gebet versammelten.

"Jeder Versuch, über Menschen mit Ortskenntnissen zu prüfen, welche Art von Gebäude das war, hätte wahrscheinlich ergeben, dass es eine Moschee war", kritisierte HRW. Die in New York ansässige Organisation fand keinen Hinweis darauf, dass sich während des Angriffs Kämpfer in der Moschee aufhielten.

Eine Moschee "unmittelbar vor dem Gebet zu beschießen und dann Leute anzugreifen, die versuchen zu fliehen, ohne zu wissen, ob es Zivilisten sind oder Kämpfer", könne in jedem Fall "unverhältnismäßig und willkürlich" gewesen sein, heißt es in dem Bericht. "Unverhältnismäßige und willkürliche Angriffe" wiederum verstießen "gegen das Kriegsrecht ebenso wie das Versagen, alle machbaren Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, um Todesfälle von Zivilisten zu minimieren".

HRW übermittelte den Bericht nach eigenen Angaben an das Zentralkommando der US-Armee. Dieses habe erklärt, dass eine umfassende Untersuchung des Angriffs in Al-Dschineh vorläufig ergeben habe, dass dieser "rechtmäßig" gewesen sei. Die Luftangriffe der USA in Syrien richten sich insbesondere gegen die IS-Miliz, aber auch gegen andere dschihadistische Kämpfer.

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