HVO 100 - Experten zerlegen Kampagne der Deutschen Umwelthilfe gegen Klima-Diesel

Klimaneutraler Diesel aus Abfällen: Das HVO100-Versprechen ist nicht zu halten<span class="copyright">EFAHRER.com</span>
Klimaneutraler Diesel aus Abfällen: Das HVO100-Versprechen ist nicht zu haltenEFAHRER.com

Mittlerweile werden auch in Deutschland synthetische Kraftstoffe eingesetzt. Der Elektroauto-Lobby ist das ein Dorn im Auge. Die Deutsche Umwelthilfe stellte nun Messungen zu angeblich schädlichen Emissionen von HVO 100 vor. Was steckt dahinter?

Mit dem Klima-Diesel HVO 100 kann man seit einigen Wochen auch in Deutschland synthetischen Kraftstoff tanken, wenn das Fahrzeug vom Hersteller dafür freigegeben ist. Das auf Rest- und Abfallstoffen basierte HVO 100 gilt als Vorstufe der echten „E-Fuels“, also komplett mit Wind- oder Solarenergie produzierten Öko-Kraftstoffen, und soll dabei helfen, die Klimaziele im Verkehr zu erreichen. HVO 100 kann sowohl von Diesel-PKW als auch von LKW getankt werden, zudem findet er Verwendung bei Schienenfahrzeugen. In München etwa werden am riesigen Rangierbahnhof der DB Cargo im Norden der Stadt Diesel-Loks mit HVO betrieben.

HVO-Diesel an ersten Tankstellen zu haben

In Ländern wie Italien ist der Klima-Diesel bereits weit verbreitet. In Österreich setzt der Supermarkt-Riese SPAR auf HVO 100. Der Haken: Klima-Diesel kann als Alternative zu herkömmlichem Diesel die CO2-Bilanz eines Autos zwar erheblich verbessern, kostet an der Tankstelle allerdings deutlich mehr - der Aufschlag beträgt derzeit rund 9 Cent . Wie groß der Beitrag von HVO oder anderen alternativen Kraftstoffen langfristig sein wird, hängt zudem von der verfügbaren Menge ab. Viele Experten sehen den Klima-Sprit denn auch als sinnvolle Ergänzung an, nicht aber als Ersatz für den Einsatz von E-Fahrzeugen. „Bei Diesel-Bestandsfahrzeugen setzt die DB vor allem auf alternative Kraftstoffe wie den Biokraftstoff HVO, bei Neufahrzeugen auf neue Antriebsformen - wie etwa Wasserstoff und Batterietechnologie“, sagt zum Beispiel die Deutsche Bahn.

Der Supermarktriese SPAR aus Österreich setzt bei seinen LKW zum Klimaschutz auf HVO-Diesel<span class="copyright">Spar</span>
Der Supermarktriese SPAR aus Österreich setzt bei seinen LKW zum Klimaschutz auf HVO-DieselSpar

Deutsche Umwelthilfe kritisiert Klima-Kraftstoffe

Der Verein Deutsche Umwelthilfe (DUH) sowie dessen Dachverband Transport & Environment (T&E), der auf EU-Ebene politische Lobbyarbeit für Elektrofahrzeuge macht, kritisieren dagegen grundsätzlich den Einsatz von alternativen Kraftstoffen. Sie seien keine Alternative zur Emobilität und zur Beschränkung des privaten Autoverkehrs. Unter Berufung auf Zahlen des ADAC hat die DUH jetzt HVO 100 ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Der Verein bezeichnet ihn aufgrund gegenüber herkömmlichem Diesel leicht höherer Werte bei ultrafeinen Rußpartikeln und Stickoxiden als „gesundheitlich problematisch“ und „Scheinlösung“.

An einer Tankstelle in der Nähe des Münchner Isartors wird der Klima-Diesel "HVO100" verkauft<span class="copyright">Mobil in Deutschland</span>
An einer Tankstelle in der Nähe des Münchner Isartors wird der Klima-Diesel "HVO100" verkauftMobil in Deutschland

ADAC kritisiert „Alarmismus und Panikmache“ der DUH

Dem widerspricht der ADAC deutlich: Bei eigenen Messungen zu den Emissionen von HVO 100 seien die Grenzwerte sowohl bei den Rußpartikeln (PN) als auch bei den Stickoxiden (NOx) um bis zu 97 Prozent bzw. 78 Prozent unterschritten worden. „Die alarmistische Darstellung der DUH ist vor diesem Hintergrund höchst tendenziös und trägt zur Verunsicherung von Verbrauchern bei“, heißt es in einer Pressemitteilung.

DUH wendet cleveren Trick an

Eine solche „Verzerrung der Sachverhalte“ sei nicht nachvollziehbar, so der ADAC. Die DUH zerrede die Chancen von HVO 100 für einen klimafreundlichen Verkehr. Gerade vor dem Hintergrund eines zögerlichen Hochlaufs der Elektromobilität gelte es, die Möglichkeiten alternativer Kraftstoffe für Bestandsfahrzeuge voll auszuschöpfen, betont der Automobilclub. Fraglich ist für den ADAC außerdem, warum die DUH bei ihren Messungen an einem Touareg 3.0 TDI Euro 5 ein Fahrzeug genutzt habe, dass gar keine HVO-Freigabe vom Hersteller besitzt. ADAC Technikpräsident Karsten Schulze: „Für mich ist das Ziel der Untersuchung sowie der Veröffentlichung klar. Es geht um Stimmungsmache und nicht um die Sache."

Auch Michael Haberland vom Autoclub „Mobil in Deutschland“, der sich auf Bundesebene für eine schnellere Verbreitung von HVO 100 einsetzt, zeigte sich irritiert über die Daten der DUH. „Alleine die Infragestellung der CO2-Einsparung von HVO100 ist schlichtweg falsch. Denn HVO100 erreicht nachweislich bis zu 90 Prozent Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen im Lebenszyklus, der Kraftstoff an sich ist CO2-neutral. Diese Berechnung schließt somit die Emissionen der Lieferketten für Rohstoffe und Endprodukte bereits ein und erfüllt alle gesetzlichen Vorgaben“, so Haberland.

Der Diesel- und Abgastechnik-Experte Profesor Thomas Koch vom Karslruher Institut für Technologie (KIT) sagte auf Anfrage von FOCUS online: „Die publizierten wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen einen Vorteil in den Rußemissionen bei Einsatz von HVO. Eine Verschlechterung kann wenn überhaupt nur in einzelnen Betriebspunkten bei HVO-Mischkraftstoffen gesehen werden. In den hier meist betrachteten Motorrohemissionen sind in den meisten Betriebspunkten auch Vorteile bei NOx sichtbar, wobei dies vermehrt vom individuellen Motorkonzept und der Betriebstrategie abhängt“, so Koch.

Anti-Diesel-Kampagnen und „Klima-Klagen“

Die DUH ist offiziell gemeinnützig und genießt dadurch Steuer-Vorteile sowie ein Klagerecht. Neben den Anti-Diesel-Klagen auf Fahrverbote in Städten, die zu einigen Fahrverboten führten, hat die DUH als neues Geschäftsmodell auch die sogenannten „Klima-Klagen“ entdeckt. Während die Klagen gegen Autohersteller wie BMW erfolglos blieben, weil diese die Behauptung, zu wenig zur Erreichung von Klimazielen zu tun, widerlegen konnten, erzielte der Lobby-Verein zuletzt einen Erfolg vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Bandenburg. Die Bundesregierung muss nun schärfere Eingriffe durchführen, um die sich selbst auferlegten Klimaziele zu erfüllen. Welche Maßnahmen das sind, etwa neue Fahrverbote oder noch höhere CO2-Steuern, bleibt vorerst offen. Neben ihren Klagen und politischen Aktivitäten tritt die DUH auch als Dienstleister für Lobbyverbände auf. Der Verein bot etwaeinem Gas-Lobbyverband gegen zwei Millionen Euro eine Kampagne an, um Erdgas-Taxen zu promoten und den Dieselantrieb „zurückzudrängen“.