Was im 16. Jahrhundert im Klingelbeutel landete

Magdeburg (dapd-lsa). Akribisch sind der Inhalt des Klingelbeutels und die Höhe des Opfergeldes notiert. Die Kirchengemeinde im altmärkischen Jeggeleben erfasste Ausgaben und Einnahmen in Rechnungsbüchern. Die beiden länglichen Kladden aus dem 16. Jahrhunderte sind gut erhalten. Der Einband bestehe aus noch älteren und besonders stabilen Pergamentseiten, sagt Christina Neuß. "Solche Wiederverwendung waren in der Vergangenheit durchaus üblich", fügt sie hinzu. Im Archiv der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen in Magdeburg betreut Neuß die Verfilmung von 30.000 Kirchenbüchern.

Solche Dokumente seien ein richtiger Schatz, lautet ihr kurzer Kommentar. In wenigen Monaten soll die Aktion abgeschlossen sein, gut 27.000 Exemplare wurden bereits mehrfach gesichert. Je eine Kopie davon liegt auch im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin.

Namensforscher nutzen alte Kirchenbücher

Die Filmrollen stehen bei Wissenschaftlern und Freizeitforschern hoch im Kurs. Im abgedunkelten und vollbesetzten Lesesaal des Magdeburger Archivs herrscht Stille, Störungen sind verpönt. Das Entziffern alter Schriften verlangt Konzentration. Ständig steigt die Zahl der Nutzer. 2011 kamen 3.000 Menschen in das Haus, 2007 waren es noch 2.700. Vier von fünf Besuchern beschäftigten sich mit Genealogie, der Namensforschung. Zu DDR-Zeiten galt das Archiv eher als Geheimtipp. Öffentlich zugänglich sei es immer gewesen, erklärt Leiterin Margit Scholz.

In den vergangenen Jahren sei der Bestand in ihrem Haus deutlich gestiegen. Mit der Fusion der Thüringer und der Provinzsächsischen Landeskirche kam eine neue Flut an Akten zur Aufbewahrung. In Magdeburg liegen historische Dokumente vom 13. bis zum Ende des 20. Jahrhundert, insgesamt 6.000 Regalmeter. Kriegsverluste habe der Bestand nicht erlitten, obwohl nur wenige Meter davon entfernt Bomben einschlugen. Deshalb besitzt das Magdeburger Kirchenarchiv im Gegensatz zu vielen anderen einen geschlossenen Bestand. Dazu gehören unter anderem die Unterlagen des Konsistoriums der Kirchenprovinz Sachsen seit 1815.

Privilegien für ein Kaufhaus aus dem Jahr 1224

Sorgsam öffnet Margit Scholz ein altes Pergament. Das Schriftstück ist das älteste im Haus. Die Urkunde stammt von 1224. Erzbischof Albrecht II. von Käfernburg erteilte darin Handelsprivilegien, erklärt die Kirchenarchivrätin. Für den Erhalt solcher Stücke sieht sie kaum Probleme. Viel mehr Kopfschmerzen bereite die Archivierung von Dokumenten der vergangenen Jahrzehnte und der Gegenwart. Zum Beweis holt sie Fotos aus mehreren Kartons hervor. "Das sind richtige Sorgenkinder", sagt sie. Selten seien die Bilder ordentlich beschriftet. Es sei schwer, Personen zu erkennen oder Ereignisse zuzuordnen. Viele Erklärungen würden zum Glücksfall.

Tonbänder und Kassetten der neueren Zeit bereiteten wiederum andere Probleme. Ihre Haltbarkeit sei begrenzt, das Material erweise sich als empfindlich. Deshalb hat längst die Digitalisierung aller Aufzeichnungen von Provinzialsynoden begonnen, die seit 1953 lückenlos vorliegen. Margit Scholz nennt als ein Problem, das Abspieltechnik dafür immer knapper werde. Auch das sei ein Grund, für die Speicherung auf Festplatten. Sie seien nicht das "Ultima Ratio", denn wer könne schon sagen, wie lange dieses Medium halte.

(http://www.archive-bibliotheken-ekm.de)

dapd