Im Untergrund - Friseure während des Lockdowns

Tobias Huch
·Journalist und Englandkorrespondent
·Lesedauer: 7 Min.
Ein kleines, illegales Reich im Abgeschiedenen (Bild: Tobias Huch)
Ein kleines, illegales Reich im Abgeschiedenen (Bild: Tobias Huch)

Der Shutdown der deutschen Wirtschaft vernichtet derzeit reihenweise Existenzen, ganze Branchen kollabieren und niemand vermag abzusehen, wer diese teils fragwürdige Feuerprobe, diesen angeblich alternativlosen volkswirtschaftlichen "Stresstest" überleben wird.

Für die Kunden und Verbraucher sind die Schließungen eine Belastung, doch vieles können sie auch über Onlineanbieter einkaufen - zum Leidwesen des Einzelhandels, der dadurch erstrecht unattraktiv wird. Bei Dienstleistungen, vor allem den "körpernahen", geht das nicht so einfach: Hier werden alle Marktteilnehmer gleichermaßen, auf Angebots- und Nachfrageseite, vom Staat in die Bredouille gebracht. Gerade im Fall der Friseure wirkten sich die Öffnungsverbote verheerend aus, und zwar für alle Beteiligten.

Kein Wunder, dass sich gerade in dieser Branche früh ein reger "Schwarzmarkt" entwickelt hat. Viele zur Untätigkeit verdammten Beschäftigte des Friseurhandwerks, die bis auf wenige Starcoiffeure schon vor der Krise nicht gerade zu den Großverdienern gehörten, boten ihre Dienste bereits im ersten Lockdown in großer Zahl im Privatumfeld an - und weil sie ohne große Ausrüstung bequem per Hausbesuch oder in den eigenen vier Wänden arbeiten können, war die Hemmschwelle vieler Deutscher, diese in Anspruch zu nehmen, von Beginn an niedrig. Haare wachsen während der Pandemie und im härtesten Lockdown nicht weniger und nicht langsamer, und nicht jeder ist bei einem TV-Sender beschäftigt, wo er das erweiterte Leistungsspektrum von Stylistin oder Maskenbildner nutzen kann, oder jettet als Fußballprofi mal eben ins Ausland für einen Haarschnitt.

Friseurzunft in der "Prohibition"

Not macht erfinderisch, und so hat sich in den vergangenen vier Monaten in vielen deutschen Ballungsräumen eine regelrechte Untergrundszene entwickelt aus inoffiziellen Friseuren, die die "Prohibition" ihrer Zunft unterlaufen. André (Name von der Redaktion geändert) ist einer von ihnen. Der Beruf macht ihm Spaß, er liebt den Dialog mit seinen Kunden. Im Schneiden von so genannten "Übergängen" ist er ein wahrer Künstler. Normalerweise arbeitet er in einem schicken Salon im Szeneviertel einer norddeutschen Großstadt, wo er zumeist junge Kunden bedient. Auf die Ansage "Seiten auf null" hin folgt üblich seine Gegenfrage: "Wasser? Tee? Kaffee?". Heute sieht sein Alltag jedoch ganz anders aus.

Corona hat das Friseurhandwerk praktisch lahmgelegt. Staatliche Hilfen gibt es wie in anderen betroffenen Mittelstandsbranchen nur auf dem Papier - und das trotz ausgefeilter Hygienekonzepte, in die viele Betriebe vor dem zweiten Lockdown aufwändig und umfangreich investiert hatten. Obwohl es praktisch keine signifikante Virusausbreitung in Friseurgeschäften gab, wurde die Branche dichtgemacht und damit auch der Laden, in dem André beschäftigt ist. Kein Bundesland machte hier eine Ausnahme. Stattdessen liest man in der Lokalpresse häufig, dass die Ordnungsämter immer wieder hart gegen Friseure vorgehen, die Hausbesuche machen oder heimlich schneiden; bei Erstverstößen drohen ertappten Friseuren in den meisten Bundesländern 1000 Euro Bußgeld. Dabei waren Hausbesuche von Friseuren im Bundesland Bremen bis vor kurzem sogar noch ganz offiziell möglich - durch einen Formulierungsfehler in der Corona-Allgemeinverfügung. Für André war dies jedoch irrelevant: er hat keine Kunden aus Bremen, und die Fahrt dorthin wäre für ihn nicht kostendeckend - die Gesetzeslücke wurde dann auch geschlossen.

Geschlossener Friseur in Stuttgart: Die Branche leidet stark unter dem Lockdown (Bild: Sebastian Gollnow/dpa)
Geschlossener Friseur in Stuttgart: Die Branche leidet stark unter dem Lockdown (Bild: Sebastian Gollnow/dpa)

Doch das Problem stellt sich für André ohnehin nicht mehr - denn auch er hat längst den Weg in die Illegalität genommen. "Mir bleibt nichts anderes übrig. Der Staat lässt uns hängen und die Nachfrage ist riesig. Jeden Tag bekomme ich SMS und WhatsApp-Nachrichten, ob ich hier einen Freund oder da einen Freund schneiden kann", erzählt er. Ein Unrechtsbewusstsein ist ihm diesbezüglich fremd: "Irgendwie muss ich ja überleben", rechtfertigt er sich.

Zuerst war sich André nicht sicher, ob er überhaupt mit einem Journalisten über seine Berufsausübung im Lockdown reden will. "Wie läuft so ein Untergrund-Friseurtermin im Lockdown eigentlich ab?", hatte ich von ihm wissen wollen. Nach der verbindlichen Zusage, ihn zu anonymisieren, und dem Hinweis auf strikten Quellenschutz ging dann alles recht flott. Ich verabrede mich mit André zu einem geheimen "Friseurtermin", so wie das derzeit täglich vieltausendfach in Deutschland geschieht. Alles läuft recht konspirativ ab: Ich bekommen eine Adresse und eine Telefonnummer mitgeteilt; per WhatsApp bitte ich um einen Termin für 15 Uhr am selben Tag - ganz so wie ein normaler Kunde. "Kein Problem. Ruf an, wenn Du vor der Tür stehst!" kommt prompt als Antwort zurück.

Studio hinter den Heizungsboilern

Um kurz vor drei stehe ich vor einem Mehrfamilienhaus an einer vielbefahrenen Hauptstraße. Ich melde mich und keine Minute später steht André in der Tür. Ein kurzes "Hallo", er bittet mich hinein, ich folgen ihm in den Keller. Vorbei an Heizungsboilern, an diversen Kellerabteilungen der Nachbarn geht es weiter - hinein in einen engen Verschlag von vielleicht fünf Quadratmetern. Hier lagern Kisten und allerlei Hausrat, was man eben so in einem normalen Keller stehen hat. Eine Ecke ist freigeräumt, hier hat André sein provisorisches Friseurstudio eingerichtet: An eingeschlagenen Nägeln in der Wand sind diverse Scheren aufgehängt, darunter ein kleiner Tisch mit Rasierapparat und Rasierklingen. Ein Heizlüfter summt, der mehr kühlt als wärmt. Kein Spiegel, auch kein "Wasser, Tee oder Kaffee" - dafür aber ein halbkaputter Stuhl, der einst vermutlich an einem bürgerlichen Esstisch glücklichere Tage gesehen hat.

Dies also ist Andrés Wirkungsstätte, ein kleines, illegales Reich im Abgeschiedenen. Man fühlt sich irgendwie an eine Pokerrunde im Untergrund (und zwar in jeder Bedeutung dieses Wortes) erinnert - und die Parallele liegt ja auch auf der Hand: Man begibt sich in einen feuchten Keller, um dort einer nicht ganz so legalen Tätigkeit nachzugehen. Hier also empfängt André am Tag bis zu fünf Kunden; zumeist sind es Bekannte oder Freunde, oder Freunde von Freunden, die ihn weiter empfohlen haben. Alles läuft strikt über Mundpropaganda und persönliche Bekanntschaften. Alles andere wäre auch kaum verantwortbar, weil die Behörden regelrechte Jagd auf derartige "illegale Zusammenkünfte" machen - primär wegen der Corona-Auflagen, aber natürlich auch, weil es sich um Schwarzarbeit handelt.

Von den Standards eines Salons ist das Untergrund-
Von den Standards eines Salons ist das Untergrund-"Studio" weit entfernt (Bild: Tobias Huch)

Die Sinnhaftigkeit des Lockdowns in diesem Umfang und der heftigen Kontaktbeschränkungen werden inzwischen von vielen Deutschen kritisch gesehen - vor allem in der eher jüngeren Ziel- und Altersgruppe, die den "Underground-Service" von Friseuren wie André nutzen, weil sie ohnehin nicht den gefährdeten Risikopersonen gehören. Wie immer man dazu stehen mag: Dass gerade die Zwangsschließung der Friseure, die Hygieneregeln auch ohne Pandemie seit jeher penibel einhalten, irgendeinen Effekt auf die Eindämmung des Infektionsgeschehens gehabt haben soll, ist jedenfalls mehr als zweifelhaft. Vielleicht erklärt dies die vergleichsweise große Bereitschaft weiter Teile der ansonsten eher regelkonformen deutschen Bevölkerung, die Grenzen der Legalität zu verlassen, wenn es um die eigene Frisur und Haarpflege geht. Und auch Friseuren wie André kann man keinen großen Vorwurf machen: Sie müssen von irgendetwas leben, doch der Staat lässt sie seit Monaten durch das Dauerärgernis verschleppter und nur tröpfchenweise bis gar nicht fließender Corona-Hilfen am ausgestreckten Arm verhungern.

Die eigene Branche tut sich schwer, das eigenmächtigen Ausscheren vieler ihrer Friseure zu tadeln: Der Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks (ZV) weiß um das formal illegale Treiben - und das lässt sich auch gar nicht leugnen, was in der Natur der Sache liegt: "Jeder, der frisch geschnittenes Haar hat, fällt derzeit auf", sagt ZV-Präsident Harald Esser dem Mitteldeutschen Rundfunk (mdr) Anfang Februar. "Schauen Sie sich um, dann sehen Sie, wie die Schwarzarbeit boomt."

Ein Schuss, der nach hinten losging

Kritisch zu sehen ist auf jeden Fall die mangelnde Weitsicht der Regierungen in Bund und Ländern, denen früh hätte klar sein müssen, dass die Anordnung von Friseurschließungen binnen kürzester Zeit illegale Umgehungsversuche provozieren würde. Und weil diese illegalen und provisorischen Haarschnitte unter hygienisch deutlich schlechteren und riskanteren Umständen erfolgen als in regulär geöffneten Salons, ist das Verbot sogar kontraproduktiv. Aus Sicht der Gesundheitsbehörden (und auch des Finanzamtes) ging dieser Schuss auf jeden Fall nach hinten los.

Anscheinend hat dies inzwischen auch die Politik kapiert - und so erklärt sich wohl auch die Entscheidung, noch vor irgendwelchen sonstigen Lockerungen oder Öffnungen ab kommenden Montag zunächst die Friseure wieder zu öffnen: Nach elf Wochen der Schließung dürfen sie dann den Betrieb wieder aufnehmen - mit strikten Hygieneauflagen Regelungen zur Zutrittssteuerungen, nur nach Reservierung und unter strikter Einhaltung der medizinischen Maskenpflicht. Allerdings werden dann bei weitem nicht alle der 80.000 deutschen Friseursalons wiedereröffnen, die es vor dem zweiten Lockdown noch gab: Der Zentralverband rechnet mit einer beispiellosen Pleitewelle. Gut möglich also, dass sich auch weiterhin viele Friseure im Untergrund durchschlagen müssen, wenn sie ihrem Beruf weiter nachgehen wollen.

Video: Friseure öffnen am 01.03. - das muss man beachten