Immer mehr Verbündete Russlands wenden sich ab: Wer steht jetzt noch an der Seite von Putin?

Russlands Machthaber Wladimir Putin mit seinem engsten Verbündeten, dem belarusischen Präsidenten Alexander Lukaschenko - Copyright: picture alliance/dpa/POOL/Alexei Danichev
Russlands Machthaber Wladimir Putin mit seinem engsten Verbündeten, dem belarusischen Präsidenten Alexander Lukaschenko - Copyright: picture alliance/dpa/POOL/Alexei Danichev

Knapp ein Jahr nach der russischen Invasion in die Ukraine bleiben Moskau nur noch wenige Verbündete. Selbst ehemalige Sowjetrepubliken und andere Staaten, die historisch eng an Russland gebunden sind, scheinen sich mehr und mehr abzuwenden.

So sorgte ein Werbespot der russischen Söldnertruppe "Wagner" im serbischen Fernsehen kürzlich für ungewöhnlich kritische Worte an Moskau. Auch Armenien brüskierte Russland öffentlich, indem es eine bereits angekündigte Militärübung auf armenischem Gebiet wieder absagte. Selbst China, bisher stets um Neutralität bemüht, könnte einem Medienbericht zufolge seine Strategie ändern.

Was bleibt, sind vor allem autoritäre und weltpolitisch isolierte Staaten wie Nordkorea oder Iran – und einige überraschende neue Verbündete. Ein Überblick.

Armenien

Im Konflikt mit Aserbaidschan ist Armenien seit den 1990er Jahren auf Russland als Schutzmacht angewiesen. Darum ist der Land Mitglied der russisch dominierten Militärbündnisses "Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit" (OVKS) und der Eurarischen Wirtschaftsunion. Zudem sind noch immer russischen Truppen in Armenien stationiert. Zuletzt ging die armenische Regierung jedoch auf Abstand zu Moskau.

Russlands Verteidigungsministerium hatte für Anfang des Jahres ein Manöver der OVKS in Armenien abzuhalten. Die Ex-Sowjetrepublik dementierte diese Berichte jedoch kurz darauf: "In der aktuellen Situation halten wir die Durchführung von OVKS-Übungen auf dem Gebiet Armeniens für nicht zweckmäßig", sagte Regierungschef Nikol Paschinjan.

Grund für die öffentliche Zurückweisung ist aber offenbar weniger die Invasion in der Ukraine, als die Situation in der Konfliktregion Berg-Karabach. Armenien hatte Moskau zuletzt immer wieder Untätigkeit in dem schwelenden Konflikt mit Aserbaidschan vorgeworfen.

Belarus

Der belarusische Machthaber Alexander Lukaschenko ist der engste Verbündete von Russlands Präsident Wladimir Putin im Ausland. Zu Beginn des Krieges ist Russlands Militär auch von Belarus aus in die Ukraine einmarschiert. Als eines von wenigen Ländern stimmte die ehemalige Sowjetrepublik gegen die Resolutionen der Vereinten Nationen, die im März die Invasion der Ukraine und im Oktober die Annexion von Teilen der Ostukraine verurteilten.

Bis heute sind russische Truppen und Ausrüstung in Belarus stationiert, regelmäßig halten beiden Staaten gemeinsame Militärübungen ab. Aktuell läuft ein Manöver der Luftwaffen, das noch bis zum 1. Februar andauern soll. Das befeuert Spekulationen, dass Putin erneut eine Invasion aus dem Norden auf die Ukraine planen könnte oder Belarus gar selbst direkt in den Krieg eingreifen könnte.

Dafür gibt es laut westlichen Militärexperten aber bisher keine Anzeichen. Dagegen spricht auch, dass ein Kriegseintritt von Belarus Beobachtern zufolge von einer große Mehrheit der Bevölkerung nicht unterstützt würde und Unruhen im Land auslösen könnte. Auch Machthaber Lukaschenko hatte stets betont, er wolle sich nicht in den Krieg hineinziehen lassen.

Belarus blieb nach dem Ende der Sowjetunion eng mit Russland verbunden und ist heute wirtschaftlich und politisch von dem Nachbarland abhängig. Als Mitglied des 2002 gegründeten Militärbündnisses OVKS besteht bereits seit längerer Zeit auch offiziell eine sicherheitspolitische Kooperation mit Russland.

China

Russlands Nachbarland China hat es bisher vermieden, zum Krieg in der Ukraine Position zu beziehen. Bei den Resolutionen der UN enthielt sich das Land, stimmte aber nicht dagegen. Peking spricht offiziell von einem "Konflikt" statt von einem Krieg und hat keine direkte Kritik in Richtung Moskau geäußert.

Seit Jahrzehnten sind die chinesische und russische Wirtschaft eng verflochten; China ist das wichtigste Exportland für Russland, insbesondere für Öl und Gas. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich das noch verstärkt: In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres stieg der Handel zwischen den beiden Ländern um rund 33 Prozent.

Noch vor wenigen Tagen sagte der chinesische Außenminister im Gespräch mit seinem russischen Amtskollegen, Peking wolle "die chinesisch-russischen Beziehungen weiter vorantreiben" und "enge Kontakte pflegen". Auch an gemeinsamen Militärübungen mit Russland hat China im vergangenen Jahr teilgenommen.

Laut einem Bericht der "Financial Times", die sich auf chinesische Insider beruft, könnte sich China aber langsam von dieser Strategie abwenden. Demnach fürchtet Peking um die wirtschaftlichen Folgen der Invasion auch für das eigene Land. Denn: Auch die westlichen Absatzmärkte sind zu wichtig für die chinesische Wirtschaft, um diese durch eine zu deutliche Unterstützung Putins zu gefährden.

Eritrea

Das von einem Diktator regierte Land im Nordosten von Afrika ist international isoliert und wegen der desolaten Menschenrechtslage mit Sanktionen belegt. Für Russland hat Eritrea durch die günstige Lage am Meer eine wichtige strategische Bedeutung. Mit militärischer und wirtschaftlicher Kooperation umwirbt Moskai den Staat darum schon seit längerem.

Eritrea sieht in der Partnerschaft offenbar eine Möglichkeit, die Sanktionen des Westens zu umgehen. Auch nach der Invasion in die Ukraine stellt das afrikanische Land eindeutig auf die Seite Russland und stimmte gegen die UN-Resolution im März.

Personalberaterin Eva Brückner sucht Führungskräfte für die Verteidigungs- und Sicherheitsbranche.
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Indien

Moskau und Delhi pflegen traditionell enge Beziehungen – auch im militärischen Bereich. Ein Großteil der indischen Militärausrüstung, Schätzungen zufolge bis zu 85 Prozent, kommt aus Russland. Auch deshalb ist die größte Demokratie der Welt im Ukraine-Krieg bisher neutral geblieben.

Indien trägt westliche Sanktionen gegen Russland nicht mit und kaufte nach Kriegsbeginn vermehrt günstiges Öl aus Russland. Bei Resolutionen der Vereinten Nationen zum Krieg in der Ukraine hat sich das Land enthalten und mehrfach zu einer diplomatischen Lösung aufgerufen. Im August 2022 nahm eine indische Delegation an dem russischen Militärmanöver "Wostok" teil.

Im September 2022 sprach sich der indische Premierminister Modi allerdings erstmals öffentlich gegen den Krieg aus. "Ich weiss, dass unsere Ära nicht die Ära des Krieges ist, das habe ich Ihnen schon am Telefon gesagt", sagt Modi vor laufenden Kameras bei einem Treffen mit Putin in Usbekistan.

Beim G-20-Gipfel in Bali im November vergangenen Jahres ging Indien weiter auf Distanz zu Russland. Zum Abschluss des Gipfel veröffentlich die Staaten eine Statement, in dem "die meisten Teilnehmer" den Angriffskrieg in der Ukraine verurteilen und Russland zum Rückzug auffordern. Dass Indien keinen Widerspruch gegen die scharfe Formulierung einlegte, wurde als Schritt weg von Moskau gedeutet.

Iran

Offiziell hat sich Iran nach der Invasion der Ukraine nicht auf die Seite Russlands gestellt. Bei der ersten UN-Resolution März 2022 enthielt sich das Land, an der zweiten nahm kein iranischer Vertreter teil. Die Annexion der Krim 2014 und der ostukrainischen Regionen Luhansk und Donezk hat Iran nach eigenen Angaben bis heute nicht anerkannt.

Allerdings hat Teheran die Invasion auch nie kritisiert und die Nato-Osterweiterung als Ursache für den Krieg bezeichnet. Mehr noch: Übereinstimmenden Berichten zufolge soll Iran die russische Armee mit der Lieferung von Kamikaze-Drohnen untertsützt haben, die etwa für Angriffe auf militärische Ziele oder Infrastruktur genutzt werden können.

Die iranisch-russischen Beziehungen sind seit Jahren eng. Beide Länder vereint vor allem die Rivalität zu den USA: Um die Auswirkungen westlicher Sanktionen zu mildern, wirbt Teheran seit Jahren bei Russland um ökonomische und militärische Kooperation.

Bei einem Besuch des Sekretärs des russischen Sicherheitsrates im November erklärte der iranische Präsident Ebrahim Raisi, er wolle die Beziehungen zu Moskau auf eine "strategische" Ebene heben. So besteht seit dem vergangenen Jahr etwa ein milliardenschweren Kooperationsvertrag des russischen Energiekonzerns Gazprom mit einem iranischen Ölunternehmen.

Kasachstan

Die Ex-Sowjetrepublik ist wirtschaftlich eng mit Russland verbunden und gehört zu dem russisch dominierten Militärbündnis OVKS, das bei Unruhen Anfang 2022 mit seinem Eingreifen die Macht des kasachischen Präsidenten Kassym-Schomart Tokajew absicherte.

Trotzdem sprach sich Tokajew gleich zu Beginn gegen den Krieg aus und weigerte sich bei einem Treffen mit Kremlchef Putin öffentlich, die russischen Annexionen ukrainischer Gebiete anzuerkennen. Kasachstan versucht Beobachtern zufolge schon seit Längerem, sich strategisch von Russland zu lösen – auch, weil zunehmend Befürchtungen aufkommen, dass Putin künftig auch Gebietsansprüche gegen Kasachstan erheben könnte.

Ein weiteres Zeichen für die Abkehr Kasachstans von Russland: Ende des vergangenen Jahres unterstützte die ehemalige Sowjetrepublik die Ukraine mit mehr als 40 Generatoren für die Energieversorgung in ukrainischen Krankenhäusern. Bei den UN-Resolutionen stimmte Kasachstans allerdings nicht für eine Verurteilung Russlands, sondern enthielt sich.

Nordkorea

Zu den traditionellen Verbündeten Russlands gehört auch Nordkorea. Die Diktatorenfamilie Kim bekam etwa beim Aufbau ihres Raketen- und Atomprogramms Unterstützung von Moskau. Als eines von wenigen Ländern hat Nordkorea offiziell die von Russland unterstützte Abspaltung der ostukrainischen Regionen Donezk und Luhansk anerkannt.

Nach Informationen von US-Experten hat die kommunistische Diktatur zudem die russische Söldnergruppe "Wagner" mit Waffen und Munition versorgt. Beide Seiten dementierten die Berichte bisher. In einer Mitteilung lobte das nordkoreanische Außenministerium Russland dafür, dass es "die Sicherheit und territoriale Integrität seines Landes ohne die militärische Unterstützung anderer" verteidigte.

Ein Waffenhandel mit Nordkorea wäre ein nächster diplomatischer Tiefschlag für Russland: Moskau hatte in der Vergangenheit den Sanktionen des UN-Sicherheitsrats zugestimmt, die nordkoreanische Waffengeschäfte verbieten.

Serbien

Als einziges europäisches Land neben Belarus trägt Serbien die westlichen Sanktionen gegen Russland nicht mit. Die beiden Länder sind langjährige Verbündete, vielen Serben sind pro-russisch eingestellt und unterstützen den Angriffskrieg in der Ukraine. In der Hauptstadt Belgrad gab es immer wieder pro-russische Demonstrationen.

Grund dafür ist einerseits die Verbundenheit durch die christlich-orthodoxe Kirche und Kultur. Andererseits die weit verbreitete Ablehnung der Nato, die Ende der 1990er Jahre zahlreiche jugoslawische Städte bombardierte, um den Kosovokrieg zu beenden. Russland hatte sich 1999 im UN-Sicherheitsrat gegen die Bombardierung gestellt und die Aufnahme des Kosovos in die Vereinten Nationen verhindert.

"Wir sind ein unabhängiges Land", betonte der serbische Präsident Aleksandar Vucic im Dezember bei einem Gipfel der EU mit den Westbalkan-Staaten. "Wir schützen unsere nationalen Interessen", sagte er mit Blick auf die westlichen Sanktionen gegen Russland, die Serbien nicht übernommen hat. Im UN-Sicherheitsrat hat die serbische Vertretung aber mit den westlichen Staaten gestimmt und die russische Invasion verurteilt.

Zuletzt sorgte Vucic zudem mit ungewöhnlich deutlicher Kritik Richtung Moskau für Aufsehen. Der serbische Präsident reagierte empört auf den Versuch der russischen Söldnertruppe Wagner, in einem Werbespot Serben für einen Einsatz in der Ukraine anzuwerben. "Warum tun Sie Serbien das an?", fragte er laut der serbischen Nachrichtenagentur Beta in einem Fernsehinterview.

Südafrika

Bei den bisherigen UN-Resolutionen gegen Russland war Südafrika eines der Länder, die sich enthalten haben. Die südafrikanische Regierung betonte mehrfach, es müsse eine Verhandlungslösung gebe und bot sich als Vermittler an. Zuletzt scheint sich Südafrika aber sogar eher Moskau anzunähern, als sich zu entfernen.

Zu Beginn des Krieges hatte Außenministerin Naledi Pandor die russische Invasion noch kritisiert und Moskau zum Rückzug aufgefordet. Zuletzt vermied sie es bei einem Treffen mit ihrem russischen Amtskollegen Lawrow allerdings, überhaupt von einem Krieg zu sprechen. Die Situation sei heute eine völlig andere, sagte sie, weil es einen "massiven Transfer von Waffen" gegeben habe.

Zudem ist für Mitte Februar eine gemeinsame Militärübung der russischen, chinesischen und südafrikanischen Marine geplant. Sie werde die "bereits blühende Beziehung zwischen Südafrika, Russland und China stärken", teilte das Militär des afrikanischen Landes in der vergangenen Woche mit.

Die südafrikanische Oppositionspartei Demokratische Allianz hat die geplante Übung scharf kritisiert, weil sich das Land damit de facto auf die Seite Russlands stelle. Umfragen zufolge lehnt eine große Mehrheit der Südafrikaner den Krieg in der Ukraine ab.

Syrien

Putin ist der wichtigste Verbündete des syrischen Machthaber Baschar al-Assad. Dessen Regierung kontrolliert nach jahrelangen Kämpfen inzwischen wieder den größten Teil des Landes – auch dank militärischer Unterstützung aus Moskau.

Syrien stimmte als eines von vier Ländern neben Russland gegen die UN-Resolution im März. Seit der russischen Invasion in die Ukraine kommt immer wieder Gerüchte auf, dass Russland in Syrien Kämpfer für den Angriffskrieg rekrutieren könnte. Belege gibt es dafür jedoch nicht.

Türkei

Das Nato-Land Türkei hat seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen
die Ukraine beiden Partnern die Treue versprochen und sich nicht an Sanktionen
gegen Russland beteiligt. Dadurch haben sich die Importe aus und Exporte nach Russland innerhalb eines Jahres verdoppelt, das Land ist zum wichtigsten Handelspartner der Türkei aufgestiegen.

Gleichzeitig verkauft die Türkei Waffen an die Ukraine, darunter unter anderem Drohnen und Munition. In der UN-Generalversammlung stimmte das Land der Verurteilung sowohl der russischen Invasion in die Ukraine als auch der Annexion der ostukrainischen Gebiete zu.

Außerdem hat sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan als Vermittler zwischen Moskau und Kiew positioniert und im Sommer 2022 ein Abkommen zum Export ukrainischen Getreides ausgehandelt. Erdoğan, so die Einschätzung von Beobachtern, ist sich der strategisch wichtigen Position der Türkei für beide Seiten bewusst und nutzt diese geschickt zu seinem Vorteil aus.

Mit Material der dpa

Christine Lambrecht (SPD), Verteidigungsministerin, spricht mit Soldaten im deutschen Camp Castor in Mali.
Christine Lambrecht (SPD), Verteidigungsministerin, spricht mit Soldaten im deutschen Camp Castor in Mali.