"Wir impfen gegen die Zeit": Karl Lauterbach warnt bei Lanz vor Mutationen

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Coronavirus-Mutationen wie die britische Variante B.1.1.7 sorgen in Ländern wie Taiwan gerade für zahlreiche neue Ausbrüche. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht die Gefahr vor allem in niedrigen Impfquoten, wie er am Dienstagabend im Talk mit Markus Lanz erklärte.

Grund für das rasche Infektionsgeschehen in Taiwan sei die niedrige Impfquote, so Lauterbach. (Bild: ZDF)
Grund für das rasche Infektionsgeschehen in Taiwan sei die niedrige Impfquote, so Lauterbach. (Bild: ZDF)

Während der Inzidenzwert in Deutschland mittlerweile auf stabilem Niveau unter der 50er-Marke zu bleiben scheint (Stand RKI 02.06.: 36,8), schießen nun ausgerechnet im einstigen Musterland Taiwan die Fallzahlen in die Höhe. Es ist der erste Ausbruch der Pandemie im asiatischen Inselstaat, wo das Virus durch strikte Quarantänemaßnahmen und Abschottung lange Zeit keine Chance zu haben schien - nun hat Taiwan seit Wochen mit hunderten Infizierten pro Tag zu kämpfen. Das jetzige Infektionsgeschehen im südostasiatischen Raum zeige deutlich, dass die Pandemie erst besiegt sei, "wenn sie überall vorbei ist", erklärte Karl Lauterbach am Dienstag im ZDF-Talk mit Markus Lanz, wo über die möglichen Gründe der plötzlichen Ausbrüche diskutiert wurde.

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Die Fallzahlen in Taiwan seien wahrscheinlich auf eine Lücke bei der Quarantänepflicht von Piloten zurückzuführen, verumutete Lauterbach. Das wahre Problem liege aber darin, dass die neuen Varianten des Coronavirus deutlich ansteckender seien: In Taiwan sei es vor allem die britische Mutation B.1.1.7 gewesen, die den Ansteckungen neuen Auftrieb gegeben habe, so der SPD-Gesundheitsexperte. "Explosionsartig" nannte er das Tempo, in dem sich Menschen durch B.1.1.7 gegenseitig infizieren.

Im Gespräch mit Markus Lanz warnte Karl Lauterbach:
Im Gespräch mit Markus Lanz warnte Karl Lauterbach: "Wir impfen wirklich gegen die Zeit." (Bild: ZDF)

Weniger "Superspreader" in Deutschland

Taiwan habe nun besonders mit der Pandemie zu kämpfen, weil die Impfquote dort "extrem niedrig" sei, erklärte er. Dadurch, dass kaum Impfstoff vorhanden sei und aufgrund des niedrigen Infektionsgeschehens im vergangenen Jahr fast niemand Antikörper entwickelt habe, träfen die neuen Varianten das Land besonders hart, befürchtete Lauterbach. Die einzige Lösung sei es nun, das Land abzuriegeln. Doch "ohne eine schnelle Impfung der Bevölkerung wird es nicht möglich sein, eine solche Strategie durchzuhalten", mahnte der Politiker. Auch hierzulande müsse man die Mutationen im Blick behalten. Lauterbach ist sich sicher: "Wir impfen wirklich gegen die Zeit".

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"Nichtsdestotrotz: Im Moment sind wir in einem schnellen Rückgang, und das war genauso erwartet worden", so der Mediziner hinsichtlich der zunehmend entspannter werdenden Lage in Deutschland. Dadurch, dass Geimpfte und Genese keine "Superspreader" mehr seien und die Temperaturen steigen, gebe es deutlich weniger Ansteckungen. "Das wird auch so weitergehen", versprach Lauterbach. Auch Tests hätten besonders in den letzten Wochen eine große Rolle beim Rückgang der Infektionen gespielt. Durch die zahlreichen Schnelltests habe man zahlreiche potenzielle Infektionsherde frühzeitig herausfiltern können, so der 58-Jährige.

Die Ärztin Anke Richter-Scheer beklagte, zu wenig Impfstoff zur Verfügung zu haben. (Bild: ZDF)
Die Ärztin Anke Richter-Scheer beklagte, zu wenig Impfstoff zur Verfügung zu haben. (Bild: ZDF)

Teststruktur war "Einladung zum Betrug"

Moderator Markus Lanz hingegen sprach in Bezug auf Masken, Impfstoff und Tests von einem "Trio der Scheinheiligkeiten" und empörte sich über die kürzlich aufgedeckten Betrugsmaschen ins Test- und Impfzentren, wo Tests zwar abgerechnet, aber nicht durchgeführt worden waren. Die Strukturen seien an sich betrugsanfällig gewesen, entgegnete Lauterbach. Man habe "auf Tempo gearbeitet und sich darauf verlassen, dass das gut geht", was schlichtweg "eine Einladung zum Betrug" gewesen sei. Die Ärztin Anke Richter-Scheer, die ebenfalls im Studio zu Gast war und selbst reihenweise Tests durchgeführt hat, stimmte ihm zu: "Die Kontrolle hat gefehlt."

Einer Meinung waren Lauterbach und Richter-Scheer auch hinsichtlich der Impfung von Kindern und Jugendlichen. Nachdem die Regierung kürzlich erklärt hatte, dass nun auch Kinder ab zwölf Jahren geimpft werden sollen, eine Empfehlung der Ständigen Impfkomission (STIKO) allerdings bislang fehlt, zeigte sich Lanz sichtlich irritiert. Auf seine Frage, ob denn nun zusätzlicher Impfstoff bereitgestellt werde, erklärte Richter Scheer vielsagend: "Ich weiß erst dann, wie viel Impfstoff ich habe, wenn er da ist." Momentan seien nicht genügend Dosen vorhanden, aber sobald dies der Fall sei, würde sie beispielsweise ein chronisch krankes Kind einem gesunden Erwachsenen vorziehen. Auch Karl Lauterbach sprach sich für die baldige Impfung von Kindern aus. Seien Schüler vor dem Schulstart nach den Sommerferien nicht geimpft, werde man aufgrund der Mutationen "riesige Ausbrüche auch in den Schulen sehen", warnte er.

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