Impfgegner: Bitte nur, wenn es rein und natürlich ist!

Jakob Simmank

Weder Fakten noch Meinungen bestimmen mehr den Streit um die Impfpflicht. Impfen oder nicht impfen ist zur moralischen Pflicht mutiert. Wer stellt sich so noch infrage?

Impfgegner erheben die Reinheit zum moralischen Prinzip. © Cultura/Andrew Brookes/plainpicture

Kurz nachdem der Medizinprofessor Paul Offit ein Buch über Impfmythen veröffentlicht, spricht er mit der New York Times: "Ich gehe nicht in Buchläden, um Bücher zu signieren. Das kann garstig werden. Es gibt Eltern, die wirklich glauben, Impfungen verletzen ihre Kinder, und für die bin ich unglaublich böse. Sie hassen mich." Neun Jahre später, im vergangenen Jahr, sorgt ein Film für Aufregung, in dem der Dokumentarfilmer David Sieveking meint, einen individuellen Impfplan für seine Kinder entwickeln zu müssen. Als sein Film Eingeimpft von Expertinnen und Medien mit deutlichen Worten als unwissenschaftlich und tendenziös kritisiert wird, reagiert er dünnhäutig. Er sei "sprachlos angesichts der aggressiven Art", mit der sein Beitrag "verurteilt" werde. Noch ein Jahr später – Anfang Mai – stellt Gesundheitsminister Jens Spahn eine Impfpflicht für Masern vor. Der Hass der Impfgegner dürfte auch ihm gewiss sein.

Warum wird die Debatte um Impfungen so emotional geführt? Wieso verursacht sie so viel Aufregung und wieso scheint sie so sehr zu polarisieren? Eine Antwort ist, dass sich die Debatte vielerorts nicht nur jenseits der Fakten abspielt, sondern auch nicht mehr nur noch um Meinungen dreht. Sie arbeitet sich an der moralisch überhöhten Vorstellung perfekter körperlicher Reinheit und Natürlichkeit ab. Und immer wenn es um Moral geht, wird Streit anstrengend. Denn es geht darum, dass Menschen etwas tief in sich richtig oder falsch finden. 

Es gibt Eltern, die wirklich glauben, Impfungen verletzen ihre Kinder, und für die bin ich unglaublich böse. Sie hassen mich.

Paul Offit, Medizinprofessor

Hinweise dafür lieferte vor eineinhalb Jahren eine Studie, die die Einstellungen von rund 1.000 Eltern mit Kindern erfragte. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um den Medizinprofessor Saad Omer (ein Interview mit ihm zur geplanten Impfpflicht lesen Sie hier) befragten Eltern erst zu ihren Einstellungen zu Impfungen und teilten sie in drei Gruppen ein: Impfbefürworter, leicht skeptische und sehr skeptische Eltern. Dann ermittelten sie anhand eines Fragebogens die moralischen Überzeugungen. Das Ergebnis: Die skeptischen Eltern hatten andere Moralvorstellungen als die Impfbefürworter (Nature Human Behaviour: Amin et al., 2017).

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