Impfskepsis bei Pflegekräften: "Ich verstehe nicht, warum Pfleger sich nicht impfen lassen"

David Gutensohn
·Lesedauer: 2 Min.

Die Pflegerin Anna Sesterhenn ärgert sich, wenn sich Kolleginnen nicht impfen lassen. Schließlich würden sie doch täglich sehen, was das Virus anrichtet. Ein Appell

Der Corona-Impfstoff ist weltweit begehrt. Doch viele Pflegekräfte wollen sich nicht impfen lassen. © KONTROLAB /​ Kontributor/​Getty Images
Der Corona-Impfstoff ist weltweit begehrt. Doch viele Pflegekräfte wollen sich nicht impfen lassen. © KONTROLAB /​ Kontributor/​Getty Images

Menschen aus der Risikogruppe und Angestellte in Pflegeheimen und Kliniken gehören zu den ersten, die sich seit Ende Dezember in Deutschland impfen lassen können. Doch medizinisches Personal reagiert auf das Angebot bisher zurückhaltend. Nur 73 Prozent der Ärztinnen und Ärzte sind hierzulande zu einer Impfung bereit, Pflegekräfte sogar nur zu 50 Prozent, wie eine Umfrage zeigt, die ZEIT ONLINE vergangene Woche exklusiv veröffentlichte. Hier erzählt eine Pflegekraft, die auf einer Intensivstation in Trier arbeitet, weshalb sie das ärgert und sie sich sofort hat impfen lassen.

Anna Sesterhenn, 24, arbeitet auf einer Intensivstation in Trier. Sie wurde bereits geimpft und ärgert sich, dass andere Pflegekräfte das nicht wollen. © privat
Anna Sesterhenn, 24, arbeitet auf einer Intensivstation in Trier. Sie wurde bereits geimpft und ärgert sich, dass andere Pflegekräfte das nicht wollen. © privat

Das neue Jahr hat für mich mit einer tollen Nachricht angefangen. Noch am 1. Januar saß ich auf dem Sofa und erholte mich von meinen Diensten auf der Intensivstation, da klingelte das Telefon. Der Impfstoff für uns sei da, schon morgen könne ich mich impfen lassen, sagte ein Kollege. Ich war sofort bereit. Am Tag danach betrat ich den zu einem Impfzentrum umfunktionierten Veranstaltungssaal meiner Klinik in Trier. Überall waren Kabinen und Trennwände aufgebaut, vorne stellte ich mich mit Mundschutz und Abstand in die Schlange. Rund 15 Minuten musste ich warten, dann kam ich in eine Kabine und sprach mit einem Arzt über die Impfung. Währenddessen bereiteten die Apothekenmitarbeiter die Spritzen vor, zogen Impfdosen auf. Kurz danach spürte ich den kleinen Piks auch schon, auf den ich so lange gewartet hatte. Nebenwirkungen hatte ich keine, nur ein paar Stunden nach der Impfung spürte ich einen leichten Muskelkater im Arm. Ich finde, es ist ein Privileg, als eine der ersten in Deutschland geimpft zu werden.

Auch meine unmittelbaren Kolleginnen und Kollegen sehen das so. Auf meiner Station lassen sich die meisten von ihnen impfen. Doch andernorts scheint das nicht so zu sein. In den Nachrichten habe ich gelesen, dass Umfragen zeigen, dass die Impfbereitschaft in meinem Berufsstand niedrig ist. Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen.

Wir Pflegekräfte sehen doch jeden Tag, was das Virus macht. In Trier sind die Intensivstationen voll, zusätzlich gibt es eine Corona-Station, die zwei Krankenhäuser in einem separaten Gebäude gemeinsam betreiben. Im Frühjahr und Sommer war ich dort für einige Dienste im Einsatz und habe Dinge gesehen, die ich nie vergessen werde: Ich war dabei, wenn Menschen verzweifelt um ihr Leben gekämpft haben, konnte ihnen Mut zureden und versuchen, sie nicht alleine zu lassen. Einige sind vor meinen Augen gestorben, andere mussten sich mühsam wieder in einer Reha-Klinik aufbauen lassen. Auch etliche jüngere Patientinnen und Patienten sind darunter, sie haben bis heute schwere Folgeschäden.

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