Impfskepsis bei Pflegekräften: Jetzt wird's persönlich

Khesrau Behroz
·Lesedauer: 10 Min.

Lange vermutete unser Autor Verschwörungstheorien weit weg in rechten Chatgruppen. Dann erreichten sie seine Mutter, eine Pflegerin. Sie zögert, sich impfen zu lassen.

Was ist die richtige Strategie gegen Impfskepsis im engsten Umfeld? © Fredrik Schlyter; Angelika Warmuth/​dpa
Was ist die richtige Strategie gegen Impfskepsis im engsten Umfeld? © Fredrik Schlyter; Angelika Warmuth/​dpa

Das Video erreicht mich einen Tag vor Heiligabend. Eine Frau vor ihrem grell geschmückten Weihnachtsbaum, ihre ersten Worte sind unscheinbar: "Wir haben kurz vor Weihnachten und ich möchte dieses Jahr meinen kleinen Weihnachtsbaum mit euch teilen, denn viele Menschen im Land werden sich dieses Jahr nicht einmal mehr einen Weihnachtsbaum leisten können…" Dann öffnet sich der Abgrund: "…wegen der größten Lüge, die die Welt je gesehen hat."

Seit es Massentests gebe, würden die Getesteten wegsterben "wie die Fliegen". In Frankreich, Kanada und Großbritannien seien die Coronatests "bewiesenermaßen kontaminiert". Man müsste auch in Deutschland beweisen, "dass diese Tests mit dem Virus schon belegt sind". Das würde nämlich heißen, dass die Tests "uns mit dem Virus infizieren". Sie redet noch 17 Minuten weiter. Gegen Ende sagt sie: Das Coronavirus sei "in Wahrheit nur ein Grippevirus".

Ihr Name ist nicht wichtig. Auf YouTube folgen ihr über 70.000 Menschen. Dort sind aber fast alle Videos gelöscht – Google geht aktiv gegen Verschwörungsideologien vor. Stattdessen verbreitet sie ihre Theorien weiter auf Telegram, das Lagerfeuer der Verschwörungs-Szene, dort folgen ihr 60.000 Menschen.

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Die Videobotschaft hat mich ziemlich geärgert. Nicht wegen des Inhalts – die Theorien sind und bleiben Unsinn. Sondern weil diese Frau vor der Kamera es irgendwie geschafft hat, meine Mutter zu erreichen. Meine Mutter ist Altenpflegerin, sie arbeitet täglich mit Menschen aus der Risikogruppe. Sie ist es, die mir das Video per WhatsApp weitergeleitet hat. Ich rufe sie sofort an. Sie wirkt verunsichert, fragt mich, ob sie sich impfen lassen soll. In England sei schon jemand an der Impfung gestorben, ich solle mir das Video anschauen. Vielleicht wäre es besser gewesen, mir Zeit zu nehmen, ihr in Ruhe zu erklären, was Verschwörungstheorien sind, wie sie Ängste schüren. Ich beschäftige mich beruflich gerade viel damit. Stattdessen sage ich vielleicht genau deswegen etwas genervt: Das ist Quatsch, Mama, einfach ignorieren. Wir beenden unser Gespräch.

Es geht nicht nur meiner Mutter so. Eine bundesweite Umfrage unter medizinischem Personal hat erst kürzlich gezeigt, wie groß die Verunsicherung und Skepsis gegenüber dem neuen Impfstoff sind. Nur die Hälfte der befragten Pflegekräfte ist bereit, sich impfen zu lassen. Der Grund: Angst vor Nebenwirkungen und Langzeitfolgen. Offenbar hat die Kommunikation über den neuen Impfstoff nicht dazu geführt, dass diese Ängst verschwunden sind.

Später ärgere ich mich über meine erste Reaktion und rufe sie nochmal an. Ich sage meiner Mutter: Eure Arbeit ist wichtig, deshalb bekommt ihr als Erste den Impfstoff. Ich sage: Ich würde mich sofort impfen lassen, wenn ich könnte. Doch sie redet wieder über die Nebenwirkungen und den vermeintlichen Toten aus Großbritannien. Mein genervtes "einfach ignorieren" war tatsächlich keine gute Strategie. Dass das alles Quatsch ist, das ist nicht angekommen. Ich versuche es anders, sage: Schau mal, selbst der nächste US-Präsident lässt sich impfen und der ist genauso alt wie deine Patienten. Ich merke, dass sich etwas in ihr regt, aber ich weiß nicht, ob ich an sie rangekommen bin damit.

In ihrer Pflegegruppe wird anders über die Impfung gesprochen. Manche Menschen, sagt meine Mutter, glaubten, auch die Corona-Tests seien gefährlich. Angeblich könne man sich dadurch anstecken. Diese Leute würden sich auf das Video beziehen, das sie mir weitergeleitet habe. Sie würden über Demonstrationen sprechen, auf denen sie gewesen seien. Sie sei verunsichert, wisse nicht, was sie tun solle. Und das ist ja auch verständlich: Schließlich bekommt sie diese Informationen von Menschen, mit denen sie täglich zusammenarbeitet, denen sie vertraut. Diese Menschen haben keinen Grund, ihr wehzutun oder sie anzulügen.

Ich kann spüren, wie ich sie langsam verliere

Als wir uns das nächste Mal sprechen, frage ich meine Mutter, ob sie noch andere Sachen bekommen hat, außer dem Video. Sie schickt mir einen Screenshot. Er zeigt ein Desinfektionsspray, das laut Packungsangaben 2016 produziert wurde. Weiter steht da, dass es gegen Viren wie zum Beispiel das Coronavirus hilft. Im begleitenden Social-Media-Text heißt es: "So so, der Corona virus ist also NEU? […] Von was sollen wir wohl wieder abgelenkt werden??? Noch ne neue Steuer, neues Gesetz wegen Verblödung?" Dahinter zwei ungläubig schauende Smileys.

Ich sage meiner Mutter, sie solle sich von dem Begriff "Coronavirus" nicht irritieren lassen, Coronaviren gebe es schon lange, COVID-19 sei die Infektionskrankheit, die durch SARS-CoV-2 verursacht wird. Sie hört mir zu, aber ich kann spüren, wie ich langsam ihre Aufmerksamkeit verliere. Für sie wie für den Rest der Gesellschaft ist es das Coronavirus, im Singular. Begriffliche Differenzierungen bringen uns nicht weiter. Sie hört nicht den Coronavirus-Update Podcast, in dem diese Begriffe erklärt werden. Ich fühle mich etwas hilflos, sage am Ende beschwichtigend: Vertrau mir einfach. Mehr fällt mir nicht ein.

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Videos wie die von der Frau vor dem Weihnachtsbaum werden im Netz millionenfach geteilt. Meistens unkommentiert im Freundinnen- und Familienkreis. Schau dir das mal an, heißt es dann. Es gibt keine journalistische Einordnung, keine Faktenchecks. Das Setting in heimischer Atmosphäre wirkt erstmal nahbar. Die Argumente werden souverän vorgetragen, unter den Videos steht eine extensive Linksammlung, sogenannte Quellen. Bei der Frage, ob die Impfung nun gefährlich ist oder nicht, liegt die Beweislast plötzlich auf der Seite der Impfbefürworter. Das ist der Moment, in dem wir oft scheitern.

Links: Der Autor Khesrau Behroz. Rechts: Seine Mutter Fahima Behroz. © privat
Links: Der Autor Khesrau Behroz. Rechts: Seine Mutter Fahima Behroz. © privat

Viele Pflegeeinrichtungen scheinen nicht vorbereitet auf die Skepsis ihrer Mitarbeitenden zu sein. Ich kontaktiere stichprobenartig verschiedene Heime. Die meisten wollen sich nicht äußern. Eine der wenigen, die antworten, ist Katarzyna Wygrab, Leiterin eines ambulanten Pflegedienstes in Göttingen. Sie sagt, dass sie sich zwar gut informiert fühle vom Gesundheitsamt und vor allem vom Berufsverband. Bei der Aufklärung gehe es aber kaum um Verschwörungstheorien oder um Argumentationshilfen gegen diese Theorien. Genau das, sagt Wygrab, sei aber sinnvoll. Erst gestern habe jemand in ihrem Umfeld behauptet, dass der Corona-Impfstoff unter anderem aus Leichen von an Corona verstorbenen Menschen extrahiert werde. Ihr gesunder Menschenverstand habe sich sofort eingeschaltet und die Falschinformation enttarnt. Offenbar gebe es aber Menschen, die sowas glaubten.

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Solche Aussagen machen mich ratlos, denn: Die Bundesregierung kennt die Gefahren, die von Falschinformationen ausgehen. Wäre es dann nicht auch ihre Aufgabe, die Pflegereinrichtungen darauf vorzubereiten, ihnen Argumente an die Hand geben und sie anzuhalten, diese auch ungefragt an das Pflegepersonal weiterzugeben? Viele Pflegekräfte sprechen nicht offen über ihre Einstellungen. Die Sorgen meiner Mutter müssten längst entkräftet sein. Gesundheitsminister Jens Spahn betont immer wieder, wir bräuchten mehr Aufklärung und mehr Transparenz gegenüber Ärztinnen, Apothekern und anderem Medizinpersonal. Aber am Ende kommt doch nur ein Allgemeinsatz an: Die Impfung schützt euch und eure Patientinnen.

Womöglich speist sich die Unsicherheit auch aus reißerisch formulierten Schlagzeilen, wenn es zum Beispiel heißt: "Rödinghausen: Corona-Ausbruch in Seniorenheim nach Impfungen". Oft kommt nur die Überschrift an, aber nicht die schlüssige Erklärung dahinter. Auch meine Mutter sagt, dass ihr Leute von solchen Nachrichten erzählt hätten. Irgendwo habe es einen Corona-Ausbruch gegeben, obwohl dort wenige Tage vorher geimpft worden sei. Warum also sollte sie sich impfen lassen, lautet ihre Frage, wenn die Impfung nicht wirkt?

Ich sage: Ja, das kann sein, du bist ja nicht sofort immun nach der ersten Spritze, das braucht Zeit, und es gibt doch auch einen zweiten Impftermin. Und während ich so argumentiere, ärgere ich mich, dass diese Worte aus meinem Mund kommen müssen. Ich bin ja kein Experte, ich kann meine Mutter nur informieren mit dem, was ich in den Nachrichten gelesen oder bei Christian Drosten gehört habe. Sie ruft mich nicht an wegen meiner wissenschaftlichen Kompetenz. Sie ruft mich an, weil sie mir vertraut.

Jetzt greifen sie in mein Privatleben ein

Ich bin milde mit ihr, weil ich ihren Alltag kenne. Sie arbeitet sich müde, kommt nach Hause und dann schickt ihr jemand eine Information. Sie hat nicht die gleichen Ressourcen wie andere Menschen, um Fakten zu überprüfen und Quellen zu hinterfragen. Vielleicht spielt da eine gewisse Naivität eine Rolle, ein gewisser Mangel an Kompetenz im Umgang mit sozialen Medien und den Inhalten, die darüber verbreitet werden. Also ruft sie mich an und ich kläre sie auf, versuche ihr die Angst zu nehmen.

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Wir beobachten gerade, dass Verschwörungstheorien zwar Theorien bleiben. Die Vertreterinnen dieser Theorien aber zeigen sich auch außerhalb ihrer digitalen Communitys, in denen wir sie jahrelang vermutet und belächelt haben. Sie gehen auf die Straße, dringen vor bis zum Reichstagsgebäude oder sind plötzlich bei unseren Familien und Freunden im Gruppenchat. Als meine Mutter mir das Weihnachtsbaum-Video schickte, war meine erste Reaktion: Jetzt wird’s persönlich. Jetzt greifen sie in mein Privatleben ein und stiften dort Unruhe. Was ist, wenn meine Mutter sich nicht impft und sich ansteckt? Nicht nur meine Mutter ist war der Situation überfordert. Ich war es auch. Wir versuchten es mit Geduld.

Es funktionierte. Meine Mutter hat ihr Denken über die vergangenen Wochen mehrfach verändert. Bei einem unserer letzten Telefonate sagte sie schließlich: Natürlich lasse ich mich impfen. Ich fragte sie, woran das liegt. Sie sagte: an dir. Tatsächlich glaube ich, das ist das Geheimrezept. Unser Vertrauensverhältnis ist viel wert in so einer Situation. Ich habe nicht das entscheidende Argument gebracht, es hat nicht plötzlich "Klick" gemacht. Aber wir haben miteinander geredet, wir haben einander zugehört. Menschen, die so eine Art Auffangnetz nicht haben, denen fehlt diese Gegenrede, dieses Zusprechen.

Beharrlichkeit durch Frust ersetzen wäre fatal

Vor ein paar Monaten, als ich beruflich auf einer Anti-Corona-Demonstration in Berlin war, erzählte mir eine Frau, ihre Kinder sprächen nicht mehr mit ihr. Ich dachte, damit ist sie eigentlich verloren. In so einer Situation Beharrlichkeit durch Frust zu ersetzen kann fatal sein. Meine Mutter war noch lange nicht soweit, aus ihrer Unsicherheit wurde noch keine Überzeugung, die sich nicht mehr umstoßen ließe. Aber ich kann mir vorstellen, wie schnell so etwas gehen kann.

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Meine Mutter kann sich heute über viele Falschinformationen nur noch wundern. Sie ist selbstbewusst geworden mit ihrer Haltung: Wie blöd man denn sein könne, zu glauben, dass jemand einem beim Corona-Test das Coronavirus durch die Nase in den Körper gibt? Auch bei den Nebenwirkungen des Impfstoffs gibt sie sich pragmatisch: Ob ich denn schon mal gelesen hätte, welche potentiellen Nebenwirkungen eine Ibuprofen habe? Da sei der Corona-Impfstoff vergleichsweise harmlos gegen! Ich bin überrascht, als sie das alles am Telefon sagt, sich dabei kaum bremst, als wäre sie stolz auf diese Erkenntnis. Ich habe ihr das alles nicht vordiktiert. Sie ist von sich aus darauf gekommen. Mit ein bisschen Unterstützung von mir vielleicht.

Manchmal wirkt es so, als hätten wir unsere Rollen getauscht. Als würde sie mich nun von der Impfung überzeugen wollen. Ob sie auch so mit den Leuten spräche, die noch skeptisch sind, frage ich sie. Sie winkt ab. Es sei schwer, Meinungen zu ändern.

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