In Indien nehmen 99 Prozent der Erwachsenen an einem Experiment teil, das düstere Zukunfts-Vorhersagen übertrifft

Jonas Grundler
Schöne neue Welt? Etwa 1,2 Milliarden Inder sind in einer staatlichen Datenbank registriert. Datenschützer sprechen von einem Überwachungsstaat.

Im September 2010 wurde in Indien ein weltweit einzigartiges Projekt namens „Aadhaar“ gestartet. Die Idee dahinter: Jeder Inder sollte sich freiwillig in eine zentrale Datenbank eintragen lassen können, in der digitale biometrische Ausweise aller teilnehmenden Bürger gespeichert werden. Wer mitmachen will, muss Namen, Adresse, Fotos und Abdrücke aller Finger abliefern. Zudem ist eine Iriserkennung an beiden Augen erforderlich, um in die Staats-Datenbank aufgenommen zu werden. 

Mit einer 12-stelligen Nummer wurden diese Bürger in der Datenbank registriert. Ein Ausweis auf Papier ist ab der Registrierung nicht mehr nötig. Das ausgegebene Ziel des Projekts war es vor allem, staatliche Hilfen in Form von Lebensmitteln und Kochgas auch wirklich den Hilfsbedürftigen zukommen zu lassen und Missbrauch der Hilfen durch Nichtbedürftige vorzubeugen. Die Weltbank lobte das Ausweis-Programm der indischen Regierung damals als das anspruchsvollste der Welt.

Negative Kritik macht sich breit 

Doch schon kurz nach Einführung des Systems gab es erste heftige Kritik durch Datenschützer und Menschenrechtler. Aadhaar sei totalitär, verfassungswidrig und freiheitsbeschränkend, hieß es. Hoffnung für die Gegner des Systems keimte beim Regierungswechsel 2014 auf, als Narendra Modi, selbst ein Gegner des Systems, neuer Premierminister des Landes wurde. Doch nur wenige Tage nach einem Treffen mit Nandan Nilekani, dem Projekt-Leiter Aadhaars, machte Modi aus der freiwilligen Registrierung sogar eine Verpflichtung für alle erwachsenen Bürger Indiens.

„Leben ohne Aadhaar noch möglich?“ 

Bis heute wurden 1,2 Milliarden Inder in der Datenbank registriert. Das sind 99 Prozent der gesamten Bevölkerung. Wer heute in Indien nicht in der Aadhaar-Datenbank erfasst ist, kann weder eine Kreditkarte besitzen, noch eine Ehe schließen, Grundstücke eintragen lassen oder Steuern zahlen. Seit Januar ist sogar die staatliche Hilfe nur noch für die Bürger zugänglich, von denen die Regierung eine Aadhaar-Datei besitzt. In der südindischen Stadt Hyderabad ist eine Aadhaar-Nummer sogar für Barbesuche notwendig. Für viele Kritiker dürfte das wie eine wahrgewordene Dystopie klingen, wie ein weiterer Schritt hin zu einer vernetzten Totalüberwachung, die den Bürgern ihre letzten Freiheiten raubt. 

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