Insgesamt fünf Millionen Euro - Stiftungs-Boom: Das hat die Stadt zu verschenken

Irene Kleber

Rund fünf Millionen Euro darf die Stadt jedes Jahr an Münchner in Not vergeben. Und es wird immer mehr: Weil so viele Bürger wie nie ihr Vermögen der Stadt anvertrauen. Welche Stiftungen gibt’s? Wie gründet man eine? Und wer kann Geld bekommen?

München - Neulich war wieder so ein Tag. Da kam eine ältere Dame durch die Tür in Nathalie Leppers Büro am Orleansplatz. Sie sei alleinstehend, sagte sie, ohne Kinder. Sie überlege, ob sie ihr Haus im Münchner Westen vielleicht der Stadt vermachen solle. Und das Geld auf ihrer Bank, sechsstellig immerhin. Für arme Senioren vielleicht. Oder für Kinder, die in Not sind.

Frau Lepper, Chefin der Stiftungsverwaltung der Stadt München, hat erst mal zwei Kaffees geholt. "Für solche Gespräche", sagt sie, "braucht man Ruhe – und sehr viel Zeit."

Davon muss sie sich mit ihrem Team gerade reichlich nehmen. Denn noch nie hat die Stiftungsverwaltung so viele Erbschaften angeboten bekommen wie seit dem vergangenen Jahr. Häuser, Grundstücke, Bargeld und Wertanlagen im Wert von 20 Millionen Euro bekam die Stadt allein 2016 aus 30 Nachlässen anvertraut.

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Weit mehr als doppelt so viel wie im Jahr davor. Und sechs Mal so viel wie im Schnitt der vergangenen zehn Jahre. 176 soziale Stiftungen verwaltet das Team um Nathalie Lepper inzwischen und hat allein 2015 4,9 Millionen Euro ausgeschüttet. 3,4 Millionen davon gingen an rund 14.000 Münchner, die in Not geraten sind.

"Die Erbengeneration aus dem Wirtschaftswunder-Deutschland wird jetzt zunehmend älter", sagt die Stiftungs-Chefin. "Wer Kinder hat, übergibt ihnen jetzt sein Vermögen. Die anderen suchen einen guten Zweck – und dann kommen viele eben zu uns."

Nathalie Lepper, die Chefin der städtischen Stiftungsverwaltung. Quelle: Stiftungsverwaltung München

Was viele Schenker neben dem Wunsch, anderen zu helfen, als Vorteil empfinden: "Stiften ist steuerlich interessant", erklärt Lepper, "und man kann davon ausgehen, dass eine Stiftung, die die Stadt als Treuhänderin verwaltet, stabil auch noch die nächsten paar Jahrhunderte überdauert."

Wie die Heiliggeist-Stiftung von 1208. Sie schüttet noch immer Geld ans Heiliggeist-Altenheim aus. Oder die "Brasilische Stiftung" von 1829 für Münchner Waisenmädchen, die heute, da es kaum Vollwaisen gibt, Sozialwaisen hilft.

Den neusten Stiftern ist zu verdanken, dass bedürftige Kinder an einer Haidhauser Schule kostenlos frühstücken können, dass demenzkranke Senioren in den Tierpark begleitet werden, Obdachlose eine Holzwerkstatt bekamen oder Kinder von Studenten, deren Geld nur knapp reicht, kostenlos in der Krippe essen. "Die Rückmeldungen der Beschenkten sind wundervoll", sagt die Stiftungs-Chefin. Kürzlich schrieb ein Senior: "So viel Geld – warum gerade ich? Sie können nicht ermessen, was das in meinem Alter bedeutet. Nicht nur das Geschenk, sondern dass mir jemand hilft."

Welche Stiftungen also hat die Stadt zum Beispiel? Wie wird man Stifter? Und wer kann Hilfe bekommen? Die AZ gibt einen Einblick.

Nervenleidende Väter und Wöchnerinnen

Der Name: "Wohltätigkeitsstiftung der Ehegatten Melchior und Josepha Grosjean, letztere geborene Beierlein, und deren Tochter Marie"

Gegründet: 1903

Der Stifter: Der Münchner Privatier Melchior Grosjean.

Vermögen: Heute rund 600.000 Euro plus ein Mehrfamilien-Altbau an der Pettenkoferstraße.

Wer soll das Geld bekommen? Der Stiftungszweck von 1903 sieht drei Möglichkeiten vor: "Nervenleidende, bevorzugt Familienväter". Außerdem: "In München wohnende würdige Frauen, die ohne ihr Verschulden arbeitslos geworden sind" für eine "praktische" Berufsausbildung. Und: Einrichtungen für die "Pflege von Wöchnerinnen".

Wie viel gibt’s pro Jahr? Rund 42.000 Euro

Die Beschenkten: Die Verwaltung hat den Stiftungszweck für die heutige Zeit u.a. so erweitert: 2016 bekam ein alleinerziehender Vater (vier Kinder) Zuschüsse für Möbel, eine Alleinerziehende erhielt Hilfe für die Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin. Beschenkt wurde auch eine Schreibaby-Sprechstunde.

Besuche im Seniorenheim

Der Name: "Katharina Löttgers und Thomas Wimmer Stiftung"

Gegründet: 2012

Die Stifterin: Katharina Löttgers (die unverheiratete und kinderlose Nichte von Alt-OB Thomas Wimmer), die 2016 in Harlaching verstorben ist. Sie hatte die Stiftung noch zu Lebzeiten errichtet.

Vermögen: 40.000 Euro plus (neu aus dem Nachlass) drei Reihenhäuser in Harlaching.

Wer soll das Geld bekommen? Bedürftige Senioren in Altenheimen (für Ausflüge und Gemeinschaftsveranstaltungen). Außerdem Zuschüsse für Altenheime wie die Einrichtung an der Tauernstraße.

Wie viel gibt’s pro Jahr? Aktuell 360 Euro, demnächst mehr.

Die Beschenkten: 2016 ist damit eine ehrenamtliche Betreuerin unterstützt worden (Taschengeld und Spesen), die wöchentlich eine bedürftige alte Dame im Seniorenheim an der Tauernstraße besucht hat und mit ihr spazieren ging. Eine zweite alte Dame bekam einen Zuschuss für ein Weihnachtsgeschenk.

Katharina Löttgers (r), Nichte von Alt-OB Thomas Wimmer, vermachte ihr Vermögen der Stadt.
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