Interview mit Nicole Jäger: „Dicke sind nicht immer witzig“

Die Kabarettistin erzählt, warum ihr Programm nicht immer witzig ist.

Frau Jäger, Sie sagen von sich selbst: „Ich bin blond, ich bin dick und auf der Bühne ziemlich laut.“ Nach Ihrem Buch-Erfolg touren Sie nun mit einem Bühnenprogramm. Werden Sie die nächste Cindy aus Marzahn?

Auf gar keinen Fall. Ich finde vieles, was Cindy gemacht hat, super. Aber das ist Comedy, und Cindy ist eine Kunstfigur. Ich mache Kabarett und erzähle Geschichten aus meinem Alltag. Ich unterhalte, aber ich bin nicht immer lustig. Sondern auch bösartig oder traurig. Ich will weg von diesem Vorurteil: Dicke sind immer witzig. Nein. Dicke sind nicht immer witzig. Mein Programm ist nicht brachial, es ist eher bittersüß.

Bevor Sie die Kehrtwende geschafft haben, wogen Sie deutlich mehr als 300 Kilo und wären fast gestorben an Ihrem Übergewicht. Was gibt es da überhaupt zu lachen?

Die Liste dämlicher Diäten zum Beispiel. Ich befrage das Publikum und wir schaukeln uns gegenseitig hoch: Kohlsuppen-Diät, Eier-Diät, Brigitte-Diät … Neulich sagte einer: Ich mache die Wurst-Diät. Die war sogar mir neu. Mode für Dicke ist auch so ein unerschöpfliches Thema.

Aus welchem Grund?

Der Markt in Deutschland ist eine Katastrophe. Da gibt es XXXL-T-Shirts in Animal-Print-Optik. Möchte ich aussehen wie ein 400 Kilo schweres Säugetier? Nein. Ich kaufe fast nur noch in den USA. Da gibt es stilvolle Mode in Übergrößen. Es hat mein Leben verändert, dass ich schöne Sachen tragen kann. Unterm Strich geht es in meinem Programm also nicht nur um Ernährung und Übergewicht, sondern um Körperlichkeit. Darum, wie wir uns zeigen und wie wir wahrgenommen werden.

Was berichten Sie dazu aus Ihrem Alltag?

Stellen Sie sich vor, es kommt jemand zu ihnen und fragt: Haben Sie eigentlich Sex? Wenn ja, wie geht das? Und hat Ihr Partner einen Fetisch? Das ist mir häufiger passiert. Ich bin in den Augen mancher Leute nur noch übergewichtig und nichts anderes mehr. Da verlieren manche alle Hemmungen. Das wird oft nur ironisch thematisiert. Aber es ist sehr verletzend. Das sage ich ganz klar.

Was wollen Sie mit dem Programm erreichen?

Es gibt so viele, die unzufrieden mit sich sind. Denen möchte ich sagen: Traut euch was. Ich kann nur erwarten, von anderen akzeptiert zu werden, wenn ich mich selbst akzeptiere. Das strahlt man dann auch aus. Und ja, das bietet auch neue Angriffsflächen für die Leute, die partout nicht die Klappe halten können. Na und?

Viele Menschen sind mit dem Vorsatz, Gewicht zu verlieren, ins neue Jahr gestartet. Eine gute Idee?

Es ist immer eine gute Idee, etwas für sich zu tun. Aber das muss nicht unbedingt am 1. Januar anfangen. Man muss auch nicht am 31. Dezember fertig sein. Man muss einfach anfangen. Und wenn es nicht klappt, noch mal anfangen. Und weitermachen. Ich bin das beste Beispiel. Je schneller ich abnehme, desto größer ist der Jojo-Effekt. Ich habe es jetzt nicht mehr eilig. Ich komme lieber irgendwann an.

Welches Ziel haben Sie vor Augen?

Ich wiege jetzt um die 165 Kilo. 50 bis 60 Kilo will ich noch abnehmen.

Zur Person

Nicole Jäger, Jahrgang 1982, lebt in Hamburg. Nach einem Sportunfall wurde sie als Teenager esssüchtig, mit Mitte 20 wog sie 340 Kilo. Ihr Gewicht hat sie seitdem mehr als halbiert. Ihre Autobiografie „Die Fettlöserin – Eine Anatomie des Abnehmens“ wurde ein Bestseller.

Am 16. Januar tritt Jäger mit dem Bühnenprogramm „Ich darf das, ich bin selber dick“ im Gloria-Theater auf. (asp)...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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