US-Vermögensverwalter packt aus - Neben seiner Gesundheit hat Joe Biden jetzt das „Volkswagen-Problem“

Us-Präsident Joe Biden<span class="copyright">Getty Images / Megan Varner / Freier Fotograf</span>
Us-Präsident Joe BidenGetty Images / Megan Varner / Freier Fotograf

Nach dem TV-Duell-Debakel für Joe Biden bereiten sich die Märkte auf eine mögliche zweite Präsidentschaft von Donald Trump vor. Elliot Hentov vom Vermögensverwalter State Street schätzt seine Wahlchancen auf 70 Prozent und erklärt, was „Trump 2.0“ bedeuten würde.

Die USA sind unter Präsident Joe Biden eine „grünere“ Nation geworden - zumindest auf den ersten Blick. Mit dem Inflation Reduction Act (IRA) werden umweltfreundliche Energien wie Wind, Solar und Kernkraft stark gefördert und auch das Elektroauto soll sich schneller durchsetzen. In der Praxis läuft das allerdings noch nicht so wie geplant . Die Elektroauto-Lobby zittert nun vor einer möglichen zweiten Trump-Präsidentschaft - und nicht nur die. Zurecht? Elliot Hentov, Head of Macro Policy Research beim weltweit viertgrößten Vermögensverwalter State Street , erklärt im Interview mit FOCUS online, warum eine mögliche zweite Trump-Präsidentschaft zwar schlecht für das E-Auto, aber gut für den gesamten Energiesektor inklusive der erneuerbaren Energien wäre - und was „Trump 2.0“ für den Aktienmarkt und die US-Wirtschaftspolitik bedeuten würde.

FOCUS online: Wie schätzen Investoren nach dem für Joe Biden desaströsen Rede-Duell die Chancen für Donald Trump auf einen Wahlsieg im November ein?

Elliot Hentov: Das Wichtigste für die Finanzindustrie ist die Mischung aus Wachstums- und Inflationsprognosen. Dabei spielt die Finanzpolitik eine große Rolle, die im Weißen Haus betrieben wird. Entscheidend ist dabei nicht, wie es derzeit läuft, sondern die Frage, wie wird es 2025 aussehen? Die nach dem Präsidenten-Duell nun tatsächlich erhöhte Wahrscheinlichkeit eines Trump-Wahlsieges wird langsam eingepreist.

Wie hoch würden Sie die prozentuale Wahrscheinlichkeit eines Trump- und eines Biden-Siegs beziffern?

Elliot Hentov: Unsere Fundamentalanalyse liegt nach der Debatte bei 70 Prozent Siegchancen für Trump, sofern er gegen Biden antritt und nicht gegen einen anderen Kandidaten. Die Prognose der Weltmärkte liegt nach unseren Analysen bei 58 Prozent für Trump. Wir haben im Jahr 2020 mit unserer Prognose richtig gelegen, als wir Biden als Wahlsieger prognostizert hatten, mit 3-4 Bundesstaaten Abstand.

Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung im Sunset Park in Las Vegas, Nevada, am 9. Juni 2024.<span class="copyright">Brandon Bell / Staff via GettyImages</span>
Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung im Sunset Park in Las Vegas, Nevada, am 9. Juni 2024.Brandon Bell / Staff via GettyImages

Siegchance für Trump nach TV-Debatte bei 70 Prozent

Es wird dabei übrigens differenziert zwischen den Chancen der Partei und den Chancen eines individuellen Kandidaten. Interessant ist, dass die Märkte einen Sieg der Demokraten höher bewertet haben als einen des Kandidaten Joe Biden – man hat dort also schon länger die Schwäche dieses Kandidaten gesehen und in die Prognosen eingepreist. Bei Trump sah es bis zur Debatte anders aus: Sein Sieg wurde höher bewertet als generell ein Sieg der Republikaner. Seit der Debatte haben sich die Prognosen für die Partei und den Kandidaten einander angeglichen.

Derzeit drängen viele Demokraten Biden dazu, das Handtuch zu werfen und einer anderen Kandidatin oder einem anderen Kandidaten Platz zu machen. Da kursieren mehrere Namen: Vizepräsidentin Kamala Harris natürlich, Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom oder die ehemalige First Lady Michelle Obama. Was wäre denn aus Sicht von Investoren der Favorit oder die Favoritin?

Elliot Hentov: Unser Job ist es, sich mit den Realitäten auseinanderzusetzen: Was ist juristisch und logistisch machbar, wenn man den Kandidaten austauschen will? Wir gehen nicht davon aus, dass Michelle Obama eine neue Kandidatin sein wird. Es ist eher denkbar, dass einer der demokratischen Gouverneure wie Gavin Newsom übernimmt. Sollte es einen neuen Kandidaten geben, dann könnte die Chancenverteilung auf den Wahlsieg durchaus wieder bei 50:50 landen.

Elliot Hentov, Head of Macro Policy Research beim Vermögensverwalter State Street: "Ein Präsident Trump wäre schlecht für das elektroauto, aber gut für den kompletten Energiesektor"<span class="copyright">State Street Global Advisors</span>
Elliot Hentov, Head of Macro Policy Research beim Vermögensverwalter State Street: "Ein Präsident Trump wäre schlecht für das elektroauto, aber gut für den kompletten Energiesektor"State Street Global Advisors

Doch in der Praxis ist das schwierig: Zum einen könnte Biden einfach stur bleiben, denn er muss letztlich selbst entscheiden, die Kandidatur aufzugeben. Man kann ihn nicht zum Abdanken zwingen. Sollte er es trotzdem tun, müsste die demokratische Partei eine neue Convention einberufen, wo die Delegierten in mehreren Wahlgängen einen neuen Kandidaten oder eine neue Kandidatin küren müssten. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass ein Außenseiter – das betrifft auch Michelle Obama – sich dort durchsetzt.

„Neue Kampagne organisatorisch enorm schwierig“

Man darf zudem nicht vergessen: Wenn Biden abdankt, dann stehen die ganzen Finanzmittel und Konten für den Wahlkampf immer noch ihm und Vizepräsidentin Harris zur Verfügung. Eine neue Kampagne mit einem neuen Kandidaten müsste also neu finanziert, angelegt und definiert werden – organisatorisch enorm schwierig. Dazu kommt der Zeitdruck, da es für die Registrierung von Kandidaten in den Bundesstaaten Deadlines gibt. Davon sind viele im September, andere aber schon im August.

US-Präsident Joe Biden zu Besuch bei Ford in den USA - im Hintergrund der neue Elektro-Pickup des Unternehmens<span class="copyright">Ford USA</span>
US-Präsident Joe Biden zu Besuch bei Ford in den USA - im Hintergrund der neue Elektro-Pickup des UnternehmensFord USA

Die Demokraten müssten mit einem neuen Kandidaten auch ihre Kampagne inhaltlich neu aufstellen. Die Debatte zwischen Trump und Biden hat bei den Demokraten Glaubwürdigkeit zerstört, weil sich viele Menschen über die aktuellen Entscheidungsprozesse im Weißen Haus nicht klar sind. Es wurde eine gewisse Scheinheiligkeit offenbar. Mit diesem Verlust der eigenen Glaubwürdigkeit hätten die Demokraten bei einer neuen Kandidatur also nur eine Chance: Sie müssten die Wählerinnen und Wähler davon überzeugen, dass Trump ihrer Ansicht nach eine existenzielle Gefahr für die Demokratie der USA darstellt, etwa weil er unaufrichtig ist, kein Vertrauen verdient und Regeln nicht respektiert. Um das glaubhaft vermitteln zu können, muss aber natürlich die eigene Marke für Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit stehen – was in der Präsidenten-Debatte komplett zerbröckelt ist. Unkonventionelle Rhetorik - Donald Trump versucht sich als Poet, und erntet Lacher für kuriose Wortspiele

Joe Biden hat jetzt das „Volkswagen-Problem“

Das klingt ungefähr so, als würde ein Autohersteller versuchen, eine alte Opa-mit-Hut-Marke zu einer trendigen neuen Elektro-Marke zu transformieren, und zwar in kürzester Zeit.

Elliot Hentov: Die Analogie ist durchaus passend. Ich würde sagen: Die Demokraten sind wie Volkswagen – zuverlässig, preislich attraktiv, man weiß, was man bekommt. Dann kommt plötzlich der Abgas-Skandal und macht genau diese Tugenden zunichte. Und jetzt konkurriert VW mit chinesischen Autoherstellern, die man als Autokäufer bisher skeptisch betrachtet hat. Und stellt fest: Die Chinesen sind auch nicht schlechter als VW. Die Demokraten müssen also in den kommenden Monaten unbedingt versuchen, ihre Glaubwürdigkeit wieder herzustellen. Das ist zwar machbar, aber eben sehr schwierig. Auch bei Volkswagen ist dieser Makel ja bis heute nicht ganz weg: Ihr wurdet beim Lügen ertappt.

Gehen wir einmal davon aus, dass Trump sich eine zweite Präsidentschaft sichern kann. Was würde das für Investoren bedeuten? Nehmen wir als Beispiel den Protektionismus in der Wirtschaft, etwa Zölle – wie sie jetzt auch Biden eingeführt hat gegen chinesische Elektroautos – oder generell den Umgang mit China.

Elliot Hentov: Der Durchschnittszoll auf chinesische Produkte in den USA ist derzeit 25 Prozent, Trump schweben 60 Prozent vor. Auf chinesische E-Autos gibt es schon jetzt unter Biden 100 Prozent. Analytisch jedoch sind die Zölle der USA und die, die die EU jetzt gegen chinesische E-Fahrzeuge erhoben hat , anders zu bewerten. Die US-Zölle bedeuten eine komplette Abriegelung des Binnenmarktes von chinesischen Importen. Die EU-Zölle sind eher dazu da, der heimischen Autoindustrie ein bisschen Zeit zu verschaffen, und sie werden auch als eine Art Verhandlungsmasse benutzt. Was also würde ein zweiter Präsident Trump machen? Er wird sehr hart mit den Europäern umgehen, vor allem im Industriegüter-Bereich, wo die EU wenig Flexibilität hat – Luft- und Raumfahrt, Automobil, chemische Industrie.

Der republikanische Präsidentschaftskandidat und frühere Präsident Donald Trump bei einem Interview im US-Fernsehen. Sollte Trump die Wahl im November gewinnen, dürfte auch die Elektroauto-Lobby um viele Förder-Milliarden fürchten<span class="copyright">picture alliance / ASSOCIATED PRESS</span>
Der republikanische Präsidentschaftskandidat und frühere Präsident Donald Trump bei einem Interview im US-Fernsehen. Sollte Trump die Wahl im November gewinnen, dürfte auch die Elektroauto-Lobby um viele Förder-Milliarden fürchtenpicture alliance / ASSOCIATED PRESS

Das heißt nicht, dass es in jedem Fall zu weiteren Zöllen kommt, aber Trump wird von den Europäern in wirtschaftlichen Verhandlungen viele Zugeständnisse einfordern. Der Druck auf Europa wird in jedem Fall größer als jetzt; auch deshalb, weil Trump mehr Rüstungsausgaben von der EU verlangen wird.

„Trump würde sehr hart mit den Europäern umgehen“

Bei China sieht es anders aus. Wir würden dort eine Art Treppen-hafte Eskalation sehen: Trump geht nach China, verhandelt, macht einen Deal klar, dann ist erstmal Ruhe. Irgendwann reicht es der US-Regierung aber nicht mehr, dann gibt es neue wirtschaftliche Drohungen und Verhandlungen.

Für E-Autos aus China müssen mehr Zoll-Abgaben hinterlegt werden. (Archivbild)<span class="copyright">Lars Penning/dpa</span>
Für E-Autos aus China müssen mehr Zoll-Abgaben hinterlegt werden. (Archivbild)Lars Penning/dpa

China kann allerdings Zölle durchaus abfedern, etwa durch Abwertung der eigenen Währung, sie haben da einfach mehr Spielraum als die Europäer. Und sie können durch Drittländer hindurch importieren. Für China ist der Netto-Effekt von Zöllen also viel kleiner, als es aussieht.

Was bedeutet die harte Gangart gegen Europa denn beispielsweise für die deutschen Autohersteller? Würden sie dann gezwungen, noch mehr als ohnehin schon in den USA zu investieren?

Elliot Hentov: Dieser Effekt ist noch viel größer für andere Unternehmen etwa im Bereich erneuerbarer Energien oder der Chemieindustrie. Hier könnte es zu noch stärkerer Verlagerung in die USA kommen.

Die Spritpreise sind in den USA zuletzt wieder gefallen. Die Energiekrise trifft das Land weitaus weniger stark als Europa.<span class="copyright">IMAGO/ZUMA Wire</span>
Die Spritpreise sind in den USA zuletzt wieder gefallen. Die Energiekrise trifft das Land weitaus weniger stark als Europa.IMAGO/ZUMA Wire

Wie sieht es generell aus mit der Energiepolitik? Biden setzt stark auf erneuerbare Energien mit dem IRA. Trump ist nicht gerade ein Fan der Windenergie, obwohl die ja im republikanisch regierten Texas eine enorme Rolle spielt. Allerdings wurde in den USA trotz IRA zuletzt die heimische Öl- und Gasproduktion angekurbelt, sie lag sogar höher als während der ersten Trump-Amtszeit. Was würde eine Trump-Regierung in diesem Bereich für Akzente setzen?

Elliot Hentov: Trump wird einen Fokus daraufsetzen, die Energiepreise für die Bevölkerung zu senken. Das wird aber nicht nur Auswirkungen auf die USA haben. Die relativ guten Beziehungen Trumps zu Saudi-Arabien und anderen Erdöl-fördernden Staaten werden unseren Analysen nach einen Spill Over-Effekt bewirken, der auch in anderen Ländern die Energiepreise senkt. Also auch in Europa als großem Nettoimporteur von Primärenergie in Form von Öl oder Gas. Trump hat zwar vor allem die USA im Blick – profitieren würden aber letztlich alle.

Pickups in den USA: Die Autos, hier von Chevrolet, sind nach wie vor die absoluten Bestseller<span class="copyright">Viehmann</span>
Pickups in den USA: Die Autos, hier von Chevrolet, sind nach wie vor die absoluten BestsellerViehmann

Auch erneuerbare Energien würden von Trump 2.0 profitieren

Wie ist das beim Thema erneuerbare Energien? Hier erwarten viele, dass Trump für die USA auf die Bremse tritt.

Elliot Hentov: Das sehen wir in unseren Analysen nicht so. Wir gehen stattdessen davon aus, dass die meisten Subventionen in diesem Bereich erhalten bleiben werden, weil es ein Wachstumsmarkt ist. Der einzige Bereich, der tatsächlich unter einer Trump-Präsidentschaft leiden könnte, ist unserer Ansicht nach die Elektromobilität. Subventionen oder ein von der Regierung vorangetriebener US-weiter Ausbau von Ladesäulen könnten darunter leiden. Für grüne Energien selbst aber – sei es nun Wind, Solar oder Kernkraft – wird Trump sozusagen dem Kapitalismus freien Lauf lassen und den stark wachsenden Markt nicht einbremsen.

Spritpreise in den USA: Sparsame Autos sind hier eine Weltanschauung, aber keine Notwendigkeit<span class="copyright">Viehmann</span>
Spritpreise in den USA: Sparsame Autos sind hier eine Weltanschauung, aber keine NotwendigkeitViehmann

Beim Thema Elektromobilität wäre Trumps Einfluss aber doch gar nicht so groß. In Kalifornien etwa gibt es schon seit Jahrzehnten besonders harte Abgas-Regulierungen und 2035 sollen, ähnlich wie in der EU, neue Benzin- und Dieselfahrzeuge verboten werden. Könnte Trump überhaupt einzelnen Bundesstaaten untersagen, solche Verbote einzuführen?

Elliot Hentov: Das ist tatsächlich eine wichtige Frage einer möglichen neuen Trump-Amtszeit – das Verhältnis zwischen Zentralregierung und Bundesstaaten. Es ist denkbar, dass die Zentralregierung künftig versuchen wird, bestimmte Regeln in den Bundesstaaten zu untersagen. Dann könnte es zum Beispiel für verfassungswidrig erklärt werden, ein komplettes Verbot für Autos mit Verbrennungsmotoren zu erzwingen.

Unter Trump könnten Verbrenner-Verbote kippen

Unter Trump könnte es da zu erheblichen juristischen Auseinandersetzungen kommen. Tatsächlich hat es gerade erst mit dem Kippen der sogenannten „Chevron-Doktrin“ ein wichtiges Verfassungsrechts-Urteil des Supreme Court gegeben: Es wurde die Zuständigkeit von Behörden eingeschränkt, in letzter Konsequenz selbst über die Auslegung von Gesetzen im Bereich Umwelt oder Klimapolitik zu befinden. Das könnte die Macht stärker zur Zentralregierung verlagern.

Auch dazu dürfte es aber juristische Auseinandersetzungen geben, und zwar gerade mit republikanischen Bundesstaaten, die ja sehr auf ihre politische Freiheit und Unabhängigkeit von der Zentralregierung bedacht sind.

Das würde dann ja bedeuten, dass gerade republikanische Staaten bei einigen Fragen auf Konfrontationskurs mit einer möglichen Trump-Regierung gehen könnten. Ein ziemlicher Widerspruch.

Elliot Hentov: Genau – allerdings gibt es in der US-Politik etliche solcher Widersprüche.

Die Aktien- und Anleihenmärkte dürften ja die Möglichkeit einer zweiten Trump-Präsidentschaft mit einpreisen. Welche Branchen würden in diesem Fall wahrscheinlich am meisten profitieren?

Elliot Hentov: Der Aktienmarkt würde unserer Ansicht nach auf eine zweite Trump-Ära sehr gemischt reagieren. Das wird auch davon abhängen, ob die Republikaner gleichzeitig mit der Präsidentschaft auch die Mehrheit im Kongress erzielen oder nicht.

So würde der Aktienmarkt auf Trump 2.0 reagieren

Falls ja, könnte sich das negativ auf den Aktienmarkt auswirken, weil nämlich die Langzeitrenditen von Staatsanleihen stark ansteigen werden. Diese sind bereits in den letzten Tagen nur aufgrund der Trump-Biden-Debatte um 20 Basispunkte gestiegen. Wir erwarten für den Fall eines republikanischen Wahlsiegs auch im Kongress einen weiteren Anstieg um 100 Basispunkte. Das wäre für den breiteren Aktienmarkt negativ. Andreas Beck bei „René will Rendite“ - Finanz-Profi: Beim Aktienkauf machen Anleger einen großen Denkfehler

Die Ausnahme sind Sektoren, die ganz stark von Trumps angekündigter Deregulierung und politischen Agenda profitieren würden. Das betrifft zum Beispiel den Energiesektor, zum Teil auch der Finanzsektor.

Eine letzte Frage zum Thema Ukraine – auch dieser Konflikt wird ja von den Finanzmärkten beobachtet. Die Situation scheint festgefahren; gerade hat Ungarns Präsident Viktor Orbán ohne EU-Mandat Gespräche mit Russlands Präsident Putin begonnen, um einen möglichen Friedensprozess anzustoßen. Gehen die Märkte im Falle eines Trump-Siegs von einer weiteren Eskalation oder eher einer Deeskalation des Ukraine-Konflikts aus?

Elliot Hentov: Ich male mal folgendes Szenario: Im Dezember 2025 fährt Präsident Trump nach Oslo und erhält den Friedensnobelpreis. Ich meine das nur halb im Scherz: Trump könnte unserer Ansicht nach tätsächlich eine Deeskalation in der Ukraine erreichen, zumindest kurzfristig. Trump hat zu den Russen einen guten Draht und die Russen werden bei ihm sehr zuvorkommend sein. Und Trump hat die Mittel, die Ukrainer zu Verhandlungen zu zwingen. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Aspekte, sondern auch das US-Veto, wenn Drittstaaten amerikanische Waffensysteme an die Ukraine liefern. Sie sehen das zum Beispiel an der Lieferung von Patriot-Raketensystemen über Israel in die Ukraine.

Für Trump ist nicht Ukraine entscheidend, sondern China

Ob es neben einer Deeskalation dann auch wirklich zu einem Friedensprozess kommen würde - da bin ich mir nicht sicher. Für die Trumpsche Außenpolitik ist eine Entschärfung des Ukraine-Konfliktes aber auch deshalb wichtig, weil der eigentliche Fokus der außenpolitischen Auseinandersetzung auf China liegt. Nach dieser Logik lohnt es sich nicht, noch mehr US-Kapital in die Ukraine zu stecken. Stattdessen würde man die Russen eher stabilisieren, die Ukraine mit Garantien absichern und sich dann auf den Schauplatz Asien konzentrieren.