Vom IS entführt: Der 12-jährige Khalef konnte entkommen

Er stammt aus einer jesidischen Familie und war monatelang in Gefangenschaft.

Zwei Dinge werden ihm für immer in Erinnerung bleiben. Der Name des Mannes: Abdullah. Und die Schläge, die er bekam, als dieser Abdullah ihm einen Koran vorlegte, den er nicht lesen konnte, weil er die arabische Schrift nicht kennt.

Dieser Abdullah, der in seiner Erinnerung bärtig ist und fett, mit strähnigem langen Haar und einer schwarzen Tunika, die ihm bis über die Knie reichte. Abdullah, der Palästinenser, der den Koran selber nicht kannte, der konvertiert war und immer schmutzig, sagt er.

Was er aber vergessen will, ist die Zeit, als Abdullah und andere Männern aus ihm einen Soldaten machen wollten. Als sie ihm ein Messer in die Hand drückten und es an die Kehlen anderer Kinder legten und ihm zeigten, wie er die Klinge halten und wie er durchziehen soll. „Natürlich nicht echt“, sagt er dann schnell.

Er habe niemanden getötet, auch auf niemanden geschossen, nur auf Pappfiguren, auf deren Kopf und deren Herz. Manchmal brachten sie ihn und die anderen Kinder zu den Leichen der gefallenen Kämpfer und sagten, an diesen Männern sollten sie sich ein Beispiel nehmen, denn diese Männer würden in den Himmel kommen. „Aber ich habe das nicht geglaubt“, sagt er, und zum ersten und einzigen Mal in diesem Gespräch lacht er, wie ein Kind eben lacht.

„Beim Daesh weiß man nie, wann sie einen wieder fangen"

Er ist zwölf Jahre alt, und er soll in dieser Geschichte Khalef heißen. Um ihn zu schützen, hauptsächlich aber seine vier Brüder, die noch dort sind, von wo er mit seiner Mutter und seiner Schwester entkommen konnte: in der Gewalt des sogenannten Islamischen Staates. Khalef sagt nicht IS, er verwendet das arabische Wort Daesh.

Er spuckt es förmlich aus, in seinem Ton klingt es wie eine Beschimpfung, und das ist auch so gemeint. Er sagt Daesh und verzieht sein schmales Gesicht in Abscheu. Aber hinter dieser Abscheu ist Angst. „Beim Daesh weiß man nie, wann sie einen wieder fangen. Sie sind überall, glaube ich.“

Dass er wieder frei ist , so wie seine Mutter und seine kleine Schwester auch, verdankt er dem Lösegeld, das sein Vater für sie zahlte. 500 Dollar seien es gewesen. „Kannst du dir das vorstellen? So viel Geld.“ Später wird seine Mutter erzählen, dass es 50 000 Dollar waren. Geliehen von Verwandten, zusammengeschnorrt von Freunden. „Mehr Geld“, sagt die Mutter, „können wir nicht auftreiben.“

Sie hält bei diesem Satz die Hand an den Mund wie jemand, der vor dem Gesagten erschrickt. Sie spricht nicht aus, was es bedeutet: Die anderen vier Kinder werden sie nicht mehr freikaufen können. Sie können nur hoffen, dass sie sich selber befreien können. „Vielleicht sind sie in Mossul“, sagt sie.

Vielleicht sind sie in Mossul – das ist ein Satz, den man oft hört im Nordirak. Weil die umzingelte Stadt auch nach monatelangen Kämpfen noch immer nicht befreit ist vom IS. Mehr als 200.000 Menschen sind nach jüngsten irakischen Regierungsangaben vor den Kämpfen im Westen Mossuls geflohen.

Alte und Kinder starben

3000 Menschen wurden dort seit Beginn der Militäroffensive im Oktober getötet. Und doch: Es bleibt die Hoffnung, in Mossul, würden noch Zivilisten gefangen gehalten. Khalefs Brüder vielleicht.

Khalef und seine Familie gehören der Glaubensgemeinschaft der Jesiden an, sie lebten in Sinjar, in der nordirakischen Provinz Ninive. Dort ist im August 2014 der IS eingefallen, hat gemordet, geplündert, vergewaltigt, gebrandschatzt und die Frauen und Kinder in die Sklaverei verschleppt. Es waren biblische Szenen, die sich in jenem August abspielten.

Der panische Zug der Menschen ins Gebirge, wo die Flucht zu Falle wurde. Keine Nahrung, kein Wasser – die Alten, die Kinder starben. Ein Zurück gab es nicht, in der Ebene lagerten die Verfolger, hoch gerüstet.

Sie waren mit gepanzerten Fahrzeugen gekommen, auf die sie modernste Schnellfeuergewehre montiert hatten. Und die Männer, die in den Bergen waren, hatten nur Steine, die sie auf die Verfolger werfen konnten.

Khalef ist ein hübscher Junge, große, wache Augen, lange Glieder, die dunklen Haare wirr und voll. Er erzählt vom Leben vor dem Überfall. Seine Eltern betrieben wie die meisten Jesiden Landwirtschaft, sie besaßen...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung

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