Barcelona am Tag nach dem Anschlag - Fahndung nach dem Hauptverdächtigen

Polizisten patroullieren am Freitag auf der Las Ramblas, wo am Donnerstag der Terroranschlag stattfand.

Ein Lieferwagen rast in der katalanischen Metropole Barcelona in eine Menschenmenge, viele sterben. Wenig später erschießt die Polizei fünf mutmaßliche Terroristen 100 Kilometer weiter südlich. Inzwischen fahndet die Polizei nach einem neuen Hauptverdächtigen.

Die wichtigsten Fakten:

– Gegen 17.00 Uhr fährt am Donnerstagnachmittag ein weißer Lieferwagen laut Augenzeugenberichten mit hoher Geschwindigkeit auf die Flaniermeile Las Ramblas und in die Menschenmenge.

– Mindestens 14 Menschen werden dabei getötet, mehr als 100 weitere verletzt. Unter den Verletzten befinden sich auch 13 Deutsche, die teils lebensgefährlich verletzt wurden.

– Die Polizei fahndet Medienangaben zufolge nach einem neuen Hauptverdächtigen; vier Verdächtige wurden bereits verhaftet.

– Die IS-Terrormiliz hat laut ihrem Sprachrohr Amak den Terroranschlag mit einem Lieferwagen in Barcelona für sich reklamiert.

– Wenige Stunden nach dem Terrorakt wurden bei einer Polizeioperation etwa 100 Kilometer südlich von Barcelona fünf mutmaßliche Terroristen erschossen.

Stunden des Terrors in Spanien: Bei einem islamistischen Anschlag mitten in der Urlaubszeit haben Terroristen auf Barcelonas berühmter Flaniermeile Las Ramblas nach Angaben der Behörden mindestens 14 Menschen getötet. Etwa 100 weitere Menschen wurden verletzt, nachdem ein Lieferwagen am Donnerstag mit hohem Tempo in eine Menschenmenge gerast war. Wenige Stunden nach dem Terrorakt wurden bei einer Polizeioperation etwa 100 Kilometer südlich von Barcelona fünf mutmaßliche Terroristen erschossen, wie die Polizei am frühen Freitag auf Twitter bestätigte.

Das Tatfahrzeug wurde in der Nacht in Barcelona abtransportiert.

Zunächst hatte es geheißen, die fünf Männer hätten Sprengstoffgürtel getragen. Diese erwiesen sich später jedoch als Attrappen, teilte die katalanische Polizei mit. Die Sicherheitskräfte nahmen drei mutmaßliche Terroristen fest und fahndeten laut einem Zeitungsbericht noch nach einem neuen Hauptverdächtigen. Am Freitagmittag gab die Polizei die Festnahme eines vierten Verdächtigen auf Twitter mit, ohne weitere Einzelheiten zu nennen.

Nach Angaben der Behörden besteht wahrscheinlich ein Zusammenhang zwischen den Taten in Barcelona und Cambrils sowie in der Stadt Alcanar, wo am Mittwoch bei einer Explosion in einem Wohnhaus ein Mensch umkam. Dort sollen nach Informationen der Zeitung «El Pais» etwa 20 Gasflaschen gelagert worden sein.

Terroranschlag in Barcelona: Was wir wissen – und was nicht

Die spanische Polizei fahndet laut einem Zeitungsbericht nach einem neuen Hauptverdächtigen. Es handele sich um den 17-jährigen Moussa Oukabir, dem jüngeren Bruder des bereits am Donnerstag inhaftierten Driss Oukabir, berichtete die Zeitung «El Mundo» unter Berufung auf die Sicherheitskräfte. Der Verdächtige soll nach der Todesfahrt zu Fuß geflüchtet sein. Der Minderjährige Moussa hat dem Bericht zufolge seinem Bruder seinen Pass gestohlen und unter dessen Namen den Transporter angemietet. Dies habe auch Driss Oukabir gegenüber der Polizei bestätigt.

Unter den Verdächtigen, die in Verbindung mit dem Angriff in Barcelona festgenommen wurden, sei ein Marokkaner und ein Bewohner der spanischen Nordafrika-Exklave Melilla, sagte Polizeichef Josep Lluís Trapero. Ein bei einer Polizeikontrolle erschossener Verdächtiger habe nach bisherigen Erkenntnissen keine Verbindungen zu der Tat gehabt. Er hatte nach Medienberichten versucht, eine Polizeikontrolle zu durchbrechen.

IS bekennt sich zum Anschlag

Nach Einschätzung des Innenministeriums könnte die Zahl der Todesopfer des Anschlags in Barcelona weiter steigen. Einige Menschen seien schwer verletzt, sagte der Innenminister der katalanischen Regionalregierung, Joaquim Forn. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte den Anschlag laut ihrem Sprachrohr Amak für sich.

Nach dem Anschlag in Barcelona – Korrespondenten-Bericht von der Las Ramblas

Nach Angaben des Auswärtigen Amts sind 13 Deutsche teils lebensgefährlich verletzt worden. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass auch unter den Todesopfern deutsche Staatsangehörige seien, sagte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer, am Freitag in Berlin.

Barcelonas Flaniermeile Las Ramblas wurde nach dem Anschlag von der Polizei abgeriegelt.

Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy beriet sich vor Ort mit hochrangigen Vertretern des Sicherheitsapparats. Er kündigte bei einer Pressekonferenz einen Pakt gegen den Terrorismus an. «Es ist eine globale Bedrohung und die Antwort muss global sein», sagte er laut der Zeitung «La Vanguardia».

Terrorexperte: Terror gehört zum Restrisiko des Lebens

Nach Angaben des IS-Sprachrohrs Amak waren mehrere Täter an dem Anschlag beteiligt. Sie seien «Soldaten des Islamischen Staates», meldete Amak unter Berufung auf nicht näher genannte Sicherheitsquellen. Sie hätten mit der Operation auf Aufrufe reagiert, die Staaten der «internationalen Koalition» anzugreifen. Die Echtheit der Nachricht ließ sich zunächst nicht verifizieren. Sie wurde aber über die üblichen Kanäle von Amak im Internet verbreitet.

Augenzeuge: Es sei wie in einer «Kriegszone» gewesen

Fotos aus Barcelona zeigten Leichen am Straßenrand. Augenzeugen berichteten, das Fahrzeug sei mit hohem Tempo auf die Promenade im Zentrum der Stadt gefahren. Ein Tourist sagte, das Fahrzeug sei Zickzack gefahren, «um ein Maximum an Fußgängern zu erwischen». Berichten zufolge liefen Menschen panisch über die Straßen.

Starke Polizeikräfte brachten die Passanten in Sicherheit.

Viele Menschen hätten geschrien und sich in Hauseingängen sowie Geschäften in Sicherheit gebracht, berichteten Augenzeugen. Ein deutscher Tourist sagte, es sei wie in einer «Kriegszone» gewesen. «Polizisten mit Maschinengewehren und Gewehren im Anschlag kamen in der Straße auf mich zu gerannt.» Der Verkehr im Zentrum der Stadt sei zusammengebrochen. Die Geschäfte auf der Flaniermeile hätten geschlossen und ihre Fensterläden heruntergelassen.

Augenzeugen sprachen im staatlichen spanischen Fernsehen von einem Einzeltäter, der Anfang 20 gewesen sein soll. Der weiße Lieferwagen sei ungebremst mit etwa 80 Stundenkilometern in die Menge gerast. Der Fahrer des Lieferwagens soll ein Mann von etwa 1,70 Meter Größe gewesen sein und ein weißes Hemd mit blauen Streifen getragen haben, wie die Zeitung «El Periódico de Catalunya» berichtete.

Der französische Dschihadismus-Experte Pierre Conesa wies auf Barcelonas besondere Rolle in der Salafistenszene hin. ‎«Barcelona ist eine Stadt, in der es in der Tat seit langem eine sehr starke salafistische Präsenz gibt», sagte er bei Franceinfo. Barcelona gehöre zu jenen Orten, wo sich Netzwerke organisieren könnten oder wo unter Umständen Anschläge geschehen könnten.

Die Polizei war mit einem Großaufgebot auf der berühmten Flaniermeile vor Ort und forderte die Bevölkerung auf, das Viertel zu meiden. Die betroffene Gegend wurde weiträumig abgesperrt. Zahlreiche Krankenwagen waren im Einsatz. Naheliegende U-Bahn-Stationen und andere öffentliche Verkehrsmittel seien geschlossen worden, hieß es.

Bildergalerie: Fotos aus Barcelona und Cambrils
Video: Merkel-Rede zu den Anschlägen von Barcelona

Weltweite Trauer über Terroranschlag

Politiker weltweit reagierten geschockt und betroffen. Vertreter der Bundesregierung zeigte sich erschüttert. «In tiefer Trauer sind wir bei den Opfern des widerwärtigen Anschlags in Barcelona», schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert auf Twitter. Man stehe in Solidarität und Freundschaft an der Seite der Spanier.

Trump sorgt mit Tweet nach Anschlag für Entsetzen

«Bin tief erschüttert über Nachrichten aus Barcelona. Unser Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Freunden und Angehörigen», teilte Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) mit. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sprach von einem «feigen Anschlag auf unsere Werte». «Erneut hat der Terror seine hässliche Fratze gezeigt», sagte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) nach Angaben seines Ministeriums.

US-Präsident Donald Trump sagte, man werde alles tun, was nötig sei, um zu helfen. «Seid zäh und stark, wir lieben Euch!», schrieb Trump. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg äußerte: «Wir stehen vereint im Kampf gegen den Terrorismus.» Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sagte: «All meine Gedanken und die Solidarität Frankreichs für die Opfer der tragischen Attacke in Barcelona. Wir bleiben vereint und entschlossen.» EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani bekannte, die EU sei vereint in der Verteidigung des Friedens.

Auswärtiges Amt warnt Spanien-Reisende

Das Auswärtige Amt aktualisierte seine Sicherheitshinweise für Spanien: «Reisenden wird geraten, den Bereich weiträumig zu meiden, den Anweisungen der Sicherheitskräfte Folge zu leisten und sich über die lokalen Medien zu informieren», teilte das Auswärtige Amt mit.

Der bisher blutigste Terroranschlag in Spanien ereignete sich am 11. März 2004. Damals hatten islamistische Attentäter in Madrid Bomben in Pendlerzügen gezündet und 191 Menschen getötet. Rund 1500 weitere wurden verletzt.

Seit vergangenem Sommer war es in Europa wiederholt zu Anschlägen mit Fahrzeugen gekommen. Im Juli 2016 raste ein Attentäter mit einem Lkw auf dem Strandboulevard von Nizza in eine Menschenmenge. 86 Menschen starben. Beim Anschlag mit einem gekaperten Laster auf den Berliner Weihnachtsmarkt wurden im Dezember 2016 zwölf Menschen getötet. Im Frühjahr 2017 gab es zudem tödliche Attacken mit Fahrzeugen in London und Stockholm.

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