Israel: Begehrtes Land

Steffi Hentschke

Die neue israelische Regierung will das Jordantal annektieren. Der internationale Widerstand dagegen wächst. Ist der fragile Frieden in der Region in Gefahr?

Israelische Soldaten überwachen das Jordantal im Nordosten des Landes. © Abir Sultan/​AFP/​Getty Images

Nimrod Vider holpert mit seinem Jeep über den Weg aus Felsbrocken, unter der Last der Räder knirscht das Geröll. Abseits der wenigen geteerten Straßen wird das Gelände hier unwegsam. Allein mit einem umgebauten Militärfahrzeug wie dem Viders lässt sich die rohe Natur bezwingen. "Schau doch nur, wie schön es hier ist", sagt der 42-Jährige, der als Guide Jeeptouren durch Israel anbietet und an diesem Tag Anfang März eine neue Route testet, mitten durch das besetzte Jordantal. "Wie kann dieses Stück Land keine Begehrlichkeiten wecken?"

Zweieinhalb Monate und eine Pandemie später nutzt Nimrod Vider seinen Jeep nur noch für die Feldarbeit. Alle Touren wurden abgesagt, jetzt muss der Vater von fünf Kindern allein mit seiner kleinen Weintraubenplantage Geld verdienen. Die Familie lebt in Bekaot, einer kleinen Moschav-Siedlung am oberen Ende des Jordantals. Der Landstrich liegt zwischen dem Fluss Jordan und der Wüste Samarias und soll wie insgesamt 30 Prozent des Westjordanlandes formal an Israel angeschlossen werden. Schon im Juli will die neue Einheitsregierung den Plan der Knesset vorlegen. Die arabischen Nachbarn und die internationale Gemeinschaft sind alarmiert: Die völkerrechtswidrige Annexion könnte den fragilen Frieden in der Region gefährden.

65.000 Palästinenser und 11.000 Siedler leben im Jordantal. Die ersten Moschavs, wie die genossenschaftlich organisierten Siedlungen heißen, entstanden kurz nach dem Sechstagekrieg 1967, seit dem Israel das Westjordanland besetzt hält. Die Idee der linken Arbeiterregierung war damals, eine Schutzzone zu Jordanien zu schaffen. Die ersten Siedler waren säkular, sie kamen wegen der günstigen Grundstückspreise oder weil sie in den Militärbasen dort stationiert waren – so wie der Vater von Nimrod Vider. "Er hatte sich in diese karge, friedliche Landschaft verliebt", erzählt der Siedler im Videocall. Es ist mittlerweile Ende Mai, zusammen mit seinen arabischen Arbeitern pflückt Vider zurzeit zwölf Stunden täglich die reifen Trauben. "Wie kannst du hier noch leben, wie kannst du uns vertrauen, fragen mich die Arbeiter oft. Aber was hätte ich davon, wenn ich alle Palästinenser hassen würde, nur weil einer von ihnen meine halbe Familie getötet hat?"

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