Was ist der Unterschied zwischen „schlechter“ und „hässlicher“ Mode?

Calvin Klein Collections Herbst 2018 Ready-to-Wear-Show war eine düstere Anspielung auf Amerikas Kernland – anregend, ohne zu effekthascherisch zu sein. (Bild: Getty Images)

2017 gab es keinen Mangel an Schlagzeilen, die sich damit beschäftigten, was „hässliche Mode” ist. Wo fing das alles an, fragen sich Insider, warum ist sie so beliebt und wer trägt sie? Jetzt fragt man sich vielleicht: Wann hat das ein Ende?

Der Herbst 2018 Laufsteg könnte einige Hinweise geben. Zu den dominanten Trends des vergangenen Jahres gehörten ausgebeulte schmuddelige Dad-Sneaker, kantige Blazer, Luxus-Crocs und Plastik-Jeans. Diese Woche gab es auf den Laufstegen der NYFW – abgesehen von den übergroßen Taschen bei Victoria Beckham und den Haarklammern bei Alexander Wang – weniger hässliche Stücke. (Ob Sie das Gefühl hatten, die Kollektionen reflektierten einen fehlenden Geschmack oder nicht, ist eine andere Frage – ich denke da nur an Tom Fords Kollektion für Frauen.).

Es ist etwas unlogisch: Wenn Kleidungsstücke absichtlich hässlich sind, werden sie in irgendwelchen Teilen des Mode-Universums begehrenswert. (Und bleiben deshalb „hässlich bis Rihanna entscheidet, dass sie es nicht sind.“) Sie feiern ihre Unansehnlichkeit, irgendwie so wie Andy Warhol die Dinge in seiner „Death and Disaster“-Serie festgehalten hat, von denen man die Augen abwenden soll – entstellte Körper eines Autounfalls, ein elektrischer Stuhl und so weiter, von denen man einfach nicht wegsehen kann. Die Demna Gvasalias und Miuccia Pradas dieser Welt sind Meister darin, solche provokativen, Wage-es-wegzuschauen-Stücke zu kreieren, während Carolina Herrera nie und nimmer hässliche Mode verkaufen würde.

Carolina Herreras letztes Laufsteg-Finale ehrte ihren eigenen unverwechselbaren Stil. (Bild: Getty Images)

Die erfahrene Designerin Herrera sagte zu Vanessa Friedman, “New York Times” Fashion Director: „Was [Frauen] heute mögen, ist Hässlichkeit. Frauen ziehen sich sehr seltsam an. Wie Clowns.“ Damit spielte sie auf das an, was man Vetements School of Normcore nennen könnte. Herreras Herbst 2018 Kollektion, die letzte ihrer 37-jährigen Karriere, erinnerte an die Eleganz und Raffinesse, die die 79-jährige Designerin ihr Leben lang gelebt hat – und dies ist genau das Gegenteil von dem, was man als konventionell hässlich bezeichnen würde.

Für ihren eigenen Seelenfrieden und den von anderen gab es bei der New York Edition des Modemonats weniger „hässliche” Shows. Da war die R13 Modenschau, wo hässliche Schuhe mit genug Camouflage präsentiert wurden, um Cabelas Angestellte in Aufregung zu versetzen. Dann gab es da noch Vaquera, ein vierköpfiges Design-Kollektiv, dessen Shirtkleider und komisch übergroße Anzugjacken das Motto „hässlich“ wirklich perfekt umsetzten.

R13 präsentierte bei der Herbst 2018 Modenschau hässliche Stiefel mit hohen Absätzen und genug Camouflage für zwei Leben und nährt damit den „hässliche Mode“-Trend der vergangenen Saisonen. (Bild: Getty Images)

Keine der beiden Shows war eine virale Sensation, weshalb ich mich frage, ob wir schon unempfindlich gegenüber hässlicher Mode geworden sind.

„[Hässliche Mode] hat sich im Moment selbst durch Hype-gepushte Kleidung manifestiert, die häufig nicht allzu attraktiv ist – hässliche Sneakers, Crocs, seltsam übergroße Kleidung, bizarre Anhänge, seltsame Farbkombinationen – denn solche Dinge auf einem Laufsteg zu sehen, ist noch immer schockierend“, erklärt Rachel Tashjian, Fashion Features Editor beim „Garage Magazin“, gegenüber Yahoo Lifestyle. Wenn es nicht mehr schockiert, hört es vielleicht auf. Mode hat wenig Toleranz für Überdruss und Langeweile.

Was natürlich nicht bedeutet, dass es diese Saison auf den Laufstegen in New York nicht auch schlechte Kleidung zu sehen gab. Ralph Lauren scheint von unserer derzeitigen Realität vollkommen entkoppelt zu sein und jemand sollte einmal schauen, ob mit Michael Kors alles in Ordnung ist. Diese Kollektionen waren besonders reizlos, nicht weil sie veraltet und uninteressant waren, sondern weil sie eine nicht authentische Repräsentation dessen sind, wo wir uns befinden, sowohl in der Modewelt als auch in anderen Bereichen. Selbst die tolle Show von Marc Jacobs mit ihrer eindrucksvollen Grandesse fühlte sich ein wenig weltfremd an. Wie ein Twitter-User schrieb: „Es ist, als wolle jemand inmitten sozialer Unruhen Kaviar bestellen.“

Ralph Laurens Frühjahr 2018 Kollektion, die man nach der Show sofort kaufen konnte, präsentierte einen rosigen Blick auf Amerika in einer Zeit, in der das Land alles andere als in Ordnung ist. (Bild: Getty Images)

Selbst die Mode-Medien passen sich dem aktuell vorherrschenden Ton an. Hanya Yanagihara, stellvertretende Herausgeberin des „T Magazine”, stieß das Redesign der Publikation an, das sie zu etwas machte, was den Lesern Authentizität vermittelt.

„Der neue Look soll den sich verändernden Ton des Magazins besser vermitteln, da es mehr und mehr die intrinsische Verbindung zwischen Kunst und Kultur im heutigen politischen Klima untersucht“, sagte Yanagihara gegenüber „Glossy“. „Das Magazin war immer dann am besten, wenn es auf Politik oder Krieg oder Debatten in der Welt reagierte und erklärte, warum etwas passiert und was es bedeutet. Dies bedeutet nicht, dass es im Magazin nicht auch einfache Dinge gibt, die schön sind nur um des Schönseins willen. Ich würde behaupten, da ist jetzt ein größeres Bedürfnis vorhanden.“

Das Finale bei Christian Sirianos Herbst 2018 Kollektion – die gleichzeitig das zehnte Jubiläum des Designers ist – war eine wunderschöne Kollektion, die seine bisher beste Arbeit war, sowohl was das Design als auch das inklusive Casting betrifft. (Bild: Getty Images)

Wenn unser neuer modischer Trend einer ist, für den Designer uns mit hübschen, durchdachten Dingen beglücken, dann sind unsere Champions nicht weit entfernt. Designer wie Christian Siriano, Rosie Assoulin und Maki Oh könnten die Helden sein, die die Modewelt braucht, aber nicht diejenigen, die wir verdienen. Dafür gibt es Jeremy Scott (unvergleichbar kitschig) und Michael Kors (auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit). Natürlich haben wir Raf Simons überhaupt nicht verdient, der vielleicht am besten kommuniziert, wo wir uns befinden und wo wir gerne hin wollen – er zeigte eine Kollektion, die gut durchdacht den Zeitgeist aufgreift, ohne dabei auf billige Spielereien wie hässliche Schuhe und Crocs zu setzen. (Es ist kein Zufall, dass Calvin Klein, wo Simons Chief Creative Officer ist, eine mehrjährige Partnerschaft mit der Andy Warhol Foundation hat, was dem Label einzigartigen Zugang zu den Werken des Künstlers ermöglicht.)

A propos Crocs, der Mode-Monat hat noch über drei Wochen, in denen Designer wie Christopher Kane und Gvasalia at Balenciaga – die uns beide schon Croc-Couture präsentiert haben – ihre Kollektionen jeweils in London und Paris zeigen werden. Es ist also noch viel Zeit für hässliche Mode. Und mit Sicherheit setzt sich der Hässlichkeits-Trend bei der Streetwear fort, wenn man daran denkt, wie John Elliot Nike Air Monarch Sneaker auf seinem Laufsteg präsentierte und wie schnell Dinge wie die Balenciaga Triple S Turnschuhe ausverkauft sind.

„Ob es Zeit für die Mode ist, sich davon zu verabschieden oder nicht, hängt größtenteils von den Modegöttern ab – so funktioniert die Mode-Maschinerie”, sagt Tashjian. „Welche Richtung sie einschlagen wird, ist schwer zu sagen, allerdings war ich (und viele weitere Redakteure und Mode-Beobachter) von der Kombination unbestrittener Schönheit und Eigenartigkeit bei der Valentino Couture Show unglaublich angetan. Aber solche Arten von Veränderungen brauchen immer einige Saisonen.“

Alexandra Mondalek