Italienische Regierungskrise: Vier Lehren über Italiens Populismus

Georg Seeßlen

Ein Kapitel der italienischen Katastrophenerzählung geht zu Ende: Was ein halb nackter Innenminister am Strand mit dem Scheitern der rechtslinken Querfront zu tun hat.

Matteo Salvini am Strand als "einer von uns". Nicht alle Italiener zählen sich dazu. © Reuters

Natürlich kann man in Italien eine politische Farce am Werk sehen. Politische Clowns, Mafiosi, Faschisten und Populisten in einem nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell niedergehenden Land. Hier war ja schon immer alles um eine Spur lauter, greller und schamloser als anderswo. In Deutschland beobachtet man die Vorgänge gern aus überheblicher Perspektive – aus einem Land, das wirtschaftlich derzeit noch gesünder, politisch noch ein wenig stabiler und im kulturellen Niedergang wenigstens noch an der Außenwirkung interessiert zu sein scheint. Aus einem Land, das einerseits am italienischen Desaster nicht unschuldig ist und dessen Bewohner andererseits gern im Urlaub nicht nur Sonne und Meer tanken, sondern sich auch in einer unbestimmten Sehnsucht schmachtend nach den Klischees der Ita­li­a­ni­tà gefallen, nach gelati und amore, Michelangelo und Celentano.

Die deutsche Italiensehnsucht war schon immer aus nostalgischer Bewunderung und Überheblichkeit zusammengesetzt: Staunen vor den Kulturleistungen von einst, Vergnügen an gegenwärtiger kulinarischer, ästhetischer und erotischer Lebenslust im Hier und Jetzt, und Überlegenheitsgefühl gegenüber einer Ökonomie, die allenfalls durch ästhetische Extravaganz und kultischen Gebrauch von Vespas, Sonnenbrillen und Kaffeemaschinen punkten konnte. Nichts von der Solidität des made in Germany. Auch in Bezug auf die Politik gehörte und gehört das Chaotische, diese Stabilität der Instabilität, zum folkloristisch-touristischen Italienbild.

Seit dem Aufstieg von Silvio Berlusconi und der Verbreitung des Berlusconismus freilich gibt es auch ein anderes Italienbild, nämlich das von einem politischen Experimentierfeld, von einem Land, in dem sich die Prozesse des Demokratiezerfalls, der "postdemokratischen" Regime und des Rechtspopulismus rascher vollziehen als in anderen europäischen Ländern und in dem sich, als politisches Lehrstück gewissermaßen, abzeichnet, was auch dem Rest Europas, dem Rest des einst goldenen Westens, bevorsteht. So mag nun Berlusconi als Vorläufer von Donald Trump erscheinen, der einstige Separatismus der Lega Nord als Vorläufer des Brexits, die Mailänder Ultras als Vorläufer der Naziskins und CasaPound als Vorläufer der neurechten Thinktanks. Die perfide Polizeigewalt während der Proteste gegen das G8-Treffen in Genua 2001 wäre dann ebenso ein Blick in die postdemokratische Zukunft wie das Bild vom Strand, wo sich zur selben Zeit Touristen und Einheimische um Gewalt und Aufruhr nicht scherten. Berlusconi hatte übrigens dem italienischen Volk angeordnet, sich nicht um Politik und Wirtschaftskrisen zu kümmern, sondern an den Strand zu gehen. Und Matteo Salvini, sein vulgärer Schatten, ist eh schon da. Anders gesagt: In ihm haben die rechte Gewalt und die populistische Unverschämtheit den Strand erreicht. Mit Salvini hat auch der italienische Strand seine ignorante Unschuld verloren. Oder die letzte Illusion davon.

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