Italienischer Mörder auf der Flucht - Versteckt er sich in Deutschland? Ganz Europa jagt den Hochofenmörder

Nach ihm wird in ganz Europa gesucht: Der Italiener Giacomo Bozzoli, hier vor einer Gerichtsverhandlung in Brescia im April 2022 (Archivbild)<span class="copyright">LaPresse/Zuma Press/dpa</span>
Nach ihm wird in ganz Europa gesucht: Der Italiener Giacomo Bozzoli, hier vor einer Gerichtsverhandlung in Brescia im April 2022 (Archivbild)LaPresse/Zuma Press/dpa

Den Onkel ermordet, dann verbrannt: Ein brutaler Mord beschäftigt Italien seit Jahren. Der Täter war trotz Verurteilung keinen einzigen Tag in Haft. Jetzt ist der Unternehmersohn verschwunden. Wohin?

Am 8. Oktober 2015, einem Donnerstag, abends um 19.18 Uhr, stieg aus dem Schornstein der Gießerei Bozzoli in der oberitalienischen Gemeinde Marcheno eine ungewöhnliche Wolke auf. Das war wohl der Moment, in dem drinnen in einem Hochofen der Leichnam des Firmenchefs verbrannt wurde. Wenige Minuten zuvor hatte sich der 50 Jahre alte Mario Bozzoli noch mit seiner Frau zum Abendessen verabredet. Seither fehlt von ihm jede Spur. Auch im Ofen war nichts mehr zu finden - kein Wunder bei dem vielen Betrieb und den enormen Temperaturen.

Der Kriminalfall beschäftigt Italien schon seit bald neun Jahren, in diesen Tagen aber wieder besonders. Denn seit Anfang des Monats ist nun auch der Mann verschwunden, der wegen der Ermordung Bozzolis und der Entsorgung im Ofen inzwischen drei Mal zu lebenslanger Haft verurteilt wurde: sein Neffe Giacomo. Als das oberste Gericht, der Kassationsgerichtshof in Rom, das Urteil jetzt in letzter Instanz bestätigte und die Polizei ihn daraufhin in seinem Haus am Gardasee abholen wollte, war der 39-Jährige untergetaucht, samt Lebensgefährtin und Sohn.

Den Onkel als „Arschloch“ im Handy gespeichert

Nun wird Giacomo Bozzoli in ganz Europa mit internationalem Haftbefehl gesucht. Eine Spur führt über Frankreich nach Spanien. Andere mutmaßen aufgrund von familiären Beziehungen, dass sich der wohlhabende Unternehmersohn auf den Balkan abgesetzt haben könnte. Manche schließen auch Deutschland als Fluchtpunkt nicht aus: Die zuletzt ähnlich groß verfolgte Flucht eines anderen Italieners, der im Norden des Landes seine Ex-Freundin getötet hatte, endete im November bei Leipzig auf der Autobahn A9.

Carabinieri vor dem Haus von Giacomo Bozzoli in Soiano del Garda, Brescia (Archivbild)<span class="copyright">Riccardo Bortolotti/LaPresse via ZUMA Press/dpa</span>
Carabinieri vor dem Haus von Giacomo Bozzoli in Soiano del Garda, Brescia (Archivbild)Riccardo Bortolotti/LaPresse via ZUMA Press/dpa

In Haft saß der verurteilte Neffe bis heute keinen einzigen Tag. Auch ein Geständnis legte er nie ab. Im Prozess behauptete er, seinen Onkel geliebt zu haben. Trotzdem kamen drei Gerichte übereinstimmend zum Urteil, dass Giacomo Bozzoli der Mörder gewesen sein muss. Er habe seinem Onkel gegenüber „hartnäckigen und unbändigen Hass“ gehegt, weil dieser aus seiner Sicht hinter dem Rücken der restlichen Familie Geld gescheffelt habe. In seinem Handy hatte er dessen Nummer unter „Arschloch“ gespeichert.

Trotz Verurteilung nie in Haft

Den Leichnam des Ermordeten beförderte der Neffe nach den Ermittlungen sofort nach der Tat mithilfe von zwei Arbeitern in den Ofen. Einer der beiden wurde sechs Tage danach tot in einem Wald gefunden. Er hatte eine Kapsel Zyankali geschluckt - vermutlich Suizid. In seinem Haus entdeckten die Ermittler 5000 Euro in bar, möglicherweise eine Prämie. Gegen den anderen Arbeiter soll nach einem Bericht des Fernsehsenders Rai demnächst Anklage wegen Beihilfe zum Mord erhoben werden.

Abgesehen vom üblichen Interesse an einer solchen Verfolgungsjagd gibt es zunehmend Kritik an den Behörden, weil Giacomo Bozzoli die ganze Zeit auf freiem Fuß war und offensichtlich auch niemand auf den naheliegenden Gedanken kam, dass er bei einem endgültigen Urteil den Gang ins Gefängnis vermeiden könnte. Ein anderer Onkel, Andrea Rozzini, sagte dazu knapp: „Er hatte neun Jahre Zeit, das alles vorzubereiten.“ Die Behörden rechtfertigen sich damit, dass der Verurteilte zu Terminen bislang stets erschienen sei.

Spur nach Marbella

Die Nachbarn am Gardasee berichteten nach dem Verschwinden, dass sie Bozzoli, dessen Lebensgefährtin und den achtjährigen Sohn schon seit anderthalb Wochen nicht mehr gesehen hätten. Das Haus jedenfalls stand leer, als am 1. Juli die Polizei kam: Den Ermittlern blieb nicht viel mehr, als Computer und Laptops zu beschlagnahmen. Dann fanden sie heraus, dass der Familien-SUV, ein Maserati, am 23. Juni Richtung Frankreich unterwegs war. Aus Spanien kam später die Meldung, dass sich ein Paar mit den entsprechenden Papieren bis zum 30. Juni in Marbella eingemietet hatte. Das alles kann aber auch eine Finte sein.

Der Vater von Bozzolis Partnerin appelliert jetzt an ihn, die Flucht sein zu lassen. „Diese Sache macht mich kaputt“, sagte Daniele Colossi im Fernsehen. „Ich hoffe, dass er sich um seinetwillen, aber vor allem um meiner Tochter und meines Enkels willen, so bald wie möglich stellt.“ Aus Ermittlungskreisen kam die Vermutung, möglicherweise wolle Bozzoli noch zusammen mit seinem Sohn dessen neunten Geburtstag feiern, ein letztes Mal in Freiheit, und sich dann ergeben. Der Geburtstag ist am 8. Juli, diesen Montag.

Diese Annahme hat sich nun erledigt: Die Lebensgefährtin und der Sohn kamen am Freitag mit dem Zug aus Frankreich nach Italien zurück. Die Frau behauptete im ersten Verhör, wegen der endgültigen Verurteilung ihres Partners zu lebenslanger Haft einen Schock erlitten und das Gedächtnis verloren zu haben, ebenso wie ihr Handy. Von Giacomo Bozzoli selbst fehlt weiterhin jede Spur.